Dekonstruktion und alte Bekannte…

Interessante Theorie Martin Hennings - Buch im Privatbesitz
Warum die Welt Superman nicht braucht

Beim Stichwort „amerikanische Superhelden“ denken wir da nicht an Superman, Batman, den Hulk, Wesen, die mit außergewöhnlichen Kräften oder Ausrüstung ausgestattet sind, die sie für Feinde übermächtig und unverwundbar macht?  An unüberwindbare Mauern, Richter zwischen Gut und Böse?

Schaut man sich allerdings mal um, was uns die Filmeumsetzungen der letzten Jahre sehen lassen, einen Spider-Man beispielsweise, der wegen seiner Unsicherheit seine Kräfte verliert, Thor, Göttersohn Odins, der verbannt wird und sich seiner Macht erst als würdig erweisen muss und einen (ver)zweifelnden Batman auf der Flucht vor seiner eigenen Identität, so sollte obiges Konzept vielleicht noch einmal überdacht werden…

Ich will an dieser Stelle mal eine interessante Theorie an die Hand geben. Martin Hennings Buch „Warum die Welt Superman nicht braucht. Die Konzeption des Superhelden und ihre Funktion für den Gesellschaftsentwurf in US-amerikanischen Produktionen“ nimmt sich diesen Sinneswandel der amerikanischen Superhelden an und schildert anhand drei Archetypen, dem good guy (z.B. Superman), dem bad guy (z.B. Batman) und dem normal guy (z.B. Spider-Man), weshalb der Wandel vollzogen wurde und nötig war und die Aufmerksamkeit und Rezeption der Filme, die mittlerweile ihr eigenes Genre begründen dürfen, so eminent stark geworden ist. Dabei will ich mich gar nicht mit den drei Typen aufhalten, denn alle haben dieselbe Evolution durchlebt.

„Konnte der verweltlichte Held in den ersten filmischen Typusvertretern noch einen Teil seines Erlöserpotentials behaupten, indem er zum Märtyrer stilisiert wurde (Opfer für die Gesellschaft), wird dagegen die Figur des allmächtigen Helden innerhalb neuerer Werke vollständig dekonstruiert. Watchmen markiert in diesem Sinne lediglich den Endpunkt einer Entwicklung, die mit den regulären Vertretern aller drei Schemata begonnen hat […]: Der Superheld fungiert nicht mehr als Erretter der Gesellschaft (Superman Returns), muss sich seiner Kräfte erst würdig erweisen (Spider-Man 2) und sehnt sich aufgrund seiner inneren Konflikte nach einer bürgerlichen Existenz (The Dark Knight).

Deshalb kann festgehalten werden, dass sich der Superheld nunmehr ausschließlich in der Rolle des Vorbildes befindet, nachdem er jahrzehntelang auch eine kathartische Funktion für die Gemeinschaft zu erfüllen hatte.“ –  (Martin Henning: Warum die Welt Superman nicht braucht. Die Konzeption des Superhelden und ihre Funktion für den Gesellschaftsentwurf in US-amerikanischen Produktionen, Stuttgart 2010, ibidem-Verlag,  S.: 137)

Henning merkt an, dass dieses Phänomen des dekonstruierten Helds, nicht nur vor dem Superhelden-Genre  halt macht, sondern allgemein auch im Action-Genre verbreitet ist. Ethan Hunt (Mission: Impossible III) und der „neue“ James Bond (z.B. Casino Royal) gehören laut Henning ebenfalls zu der Riege der verletzlichen Helden.

Blicken wir zurück auf die Theorien Condrys, der Charakter einer Serie sei das wichtigste, sehe ich in diesem Zusammenhang eine interessante Bestätigung. Der Held bekommt Persönlichkeit, individuelle Probleme zugeteilt und wird seines Perfektionismus beraubt. Der Held wird (wieder interessant, er bekommt „Charakter“ (kyara). Tony Stark, verletzt durch Splitter seiner eigenen Raketen, macht in Gefangenschafft einen Sinneswandel durch und muss fortan durch einen Magneten die Splitter von seinem Herzen halten. Der Magnet wird durch einen kleinen Reaktor betrieben, der ihn einerseits dazu befähigt den Iron Man – Suit zu tragen, ihn auf der anderen Seite aber auch schadet und sein Körper vergiftet… (vgl. Iron Man und Iron Man 2). Gehen wir weiter und ziehen Jenkins Theorie über transmedia storytelling mit ein, finden wir einen weiteren Treffer: Jüngst wurden einige MARVEL-Serien in Kooperation mit dem renommierten Produktionsstudio Madhouse als Anime realisiert. 2010/2011 konnte man die X-Men, Wolverine, Iron Man und Blade auf dem japanischen Sender Animax in feinen Animationen sehen.

Death Note Black Edition - Manga in Privatbesitz
Death Note

Ein weiteres Mal will ich eine meiner Lieblingsserien in Rennen bringen. Death Note, erschienen zwischen 2003 bis 2006, erzählt die Geschichte eines dieser dekonstruierten Helden. Wie und wo sollen wir Light Yagami (夜神 月) einordnen? Prinzipiell ist sein Vorhaben, mit Hilfe des Death Note eine verbrechensfreie Welt zu erschaffen, ein nicht verkehrtes. Aber an der Umsetzung, alle Verbrecher (und ja nicht nur diese…) umzubringen, hapert’s ja dann und Light scheitet an N. Light setzt seine eigenen Ideen einer „perfekten Welt“ über die gesetzliche Situation (man vergleiche Batman) und handelt aus dieser Motivation. Dass unser Held alles andere als perfekt ist, merken wir spätestens, wenn auch die ersten FBI-Ermittler, also „das Gute“, dran glauben müssen. Überhaupt: Gut gegen Böse scheint ein veraltetes Konzept. Wir mögen Helden, die sich eher in Gemischen aus Grau bewegen. Auch Batmans Methoden zur Verbrechensbekämpfung sind mitunter rüde und die Polizei kümmert sich auch lieber um ihn als um Bane, der einen Anschlag auf die Börse verübt (vgl. The Dark Knight Returns).

Ich will mit einer Frage abschließen. Denn denken wir an die Helden von Japanischen Produktionen finde ich es schwer, sie nach dem Schema von Henning zu beurteilen. Kommt es mit nur so vor, oder sind Helden aus Manga und Anime oft uns näher dargestellt, als überzeichnete US-Pendants? Selbst Son-Goku opfert sich und stirbt und wird nach hartem Training erst wieder aus dem Himmel entlassen (Toriyama, 1984 – 1995).  In Shin Angyo Onshi (Manhwa, Youn In-wan, 2001 – 2007) leidet der Held, der Krieger Mun-Su (문수), an Asthma, es fällt ihm schwer zu kämpfen und unterliegt am Ende seiner Krankheit (Shin Angyo Onshi ist ein für den japanischen Markt konzipierter Manhwa und ist unüblicher weiser in japanischer Leserichtung erschienen). Die Neuverfilmung von Spider-Man beginnt mit dem ersten Teil, der 2002 in die Kinos kam. Auffällig, dass viele Daten sehr eng beieinander liegen.

Mich interessieren eure Beiträge dazu. Denkt ihr, dass hier gegenseitiger Einfluss stattfindet, habt ihr vielleicht mehr oder ältere Beispiele, Beispiele aus ganz anderen Bereichen? Oder seid ihr eher der Meinung, man könne gar nicht so einfach Vergleiche ziehen? 😉

5 Gedanken zu „Dekonstruktion und alte Bekannte…

  1. Vielen Dank für den sehr spannenden Beitrag! Die Entwicklung, die der Autor des Buches schildert, lässt sich wirklich in vielen Bereichen beobachten, sogar im guten alten „Tatort“, wo die Kommissare immer mehr Probleme haben (Alkoholismus, Scheidung, Verwicklung in krumme Geschäfte). Dass unsere „Helden“ näher an uns herangerückt sind scheint mir auch ein Prozess zu sein, der in den letzten zehn, zwanzig Jahren stattgefunden hat – etwa gleichzeitig mit der steigenden Begeisterung für japanische Populärkultur im Westen.

    Spontan würde ich sagen, dass in Anime und Manga häufiger auf eine Polarisierung zwischen gut/böse verzichtet wird und ambivalente Figuren mit „Charakter“ schon lange zu finden sind. Dies könnte auch ein Grund dafür sein, dass so viele Menschen in Europa und den USA in diesen Medienprodukten etwas besonderes gesehen haben. Anime und Manga haben vielleicht ein Bedürfnis nach Authentizität bzw. Lebensnähe bedient, und die amerikanischen Superhelden und auch Tatort-Kommissare haben sich ebenfalls diesem Bedürfnis angepasst. Interessant wäre, woher dieses veränderte Bedürfnis kommt – sagt Henning etwas dazu?

    1. Ich denke, dass man im gesellschaftlichen Rahmen dieser „Perfektion“ einfach überdrüssig ist. „Superman“ zum Vorbild genommen, kann man sich nicht recht annähern. Unverwundbar, unverletzlich… unpersönlich.
      Ein Spider-Man mit persönlichen Problemen, Unsicherheiten wirkt für den Rezipienten attraktiver, einfach glaubwürdiger und authentischer. Mögliche Identifikationsebenen für den Rezipienten sind gegeben.

      Ich werde nochmals nachlesen, ob Henning zu dem Punkt noch Material liefern kann.

  2. Ja, interessant wäre doch, inwiefern gesellschaftliche/politische Veränderungen zu diesem Wandel beigetragen haben. Ich denke zum Beispiel, dass der klassische Superman ganz gut in die Zeit des kalten Krieges gepasst hat, jetzt aber in Ermangelung eindeutiger Fronten wohl etwas überholt werden musste.

  3. Hennings These beruht zum Teil auf einer 2008 veröffentlichen pädagogischen Studie:
    „Behält man die Verbindung […] von Pop-Fiktion und gesellschaftlicher Realität im Auge, so eröffnet sich den Lernenden ein Zugang zur Reflexion über gesellschaftliche und persönliche Werte und Ideale.“ (Achim Behrend; Martin Schüwer: Superheroes in Comics. Wie Comichelden gesellschaftliche Realität spiegeln. In: Praxis Englisch 2, 2008, S. 39.)

    Somit sieht die Situation laut Henning eher anders herum aus: Eben weil amerikanische Superhelden mit dem Puls der Zeit stetige Aktualisierungen erfahren, konnten sie die Zeiten überdauern. Henning sieht im Zuge der fortschreitenden filmischen Techniken und den höher werdenden Realitätsansprüchen der Verfilmungen zur Jahrtausendwende einen weiteren wichtigen Punkt der wachsenden Popularität.

    So kämpften Superman oder Captain America zum Zeitpunkt der Erfindung Ende der 40er Jahre mit den amerikanische Streitkräften gegen die deutschen Truppen, Iron Man Origin Story ist an den Vietnamkrieg angelehnt, die X-Men sind in ihrer Realität die Außenseiter, die Diskriminierten. Also gerade weil der Stoff so anpassungsfähig ist, nutzen Produzenten den vorhandenen Stoff und berücksichtigen die aktuelle gesellschaftlich-politische Lage und aktualisieren die Vorlage für die Filmumsetzung.

    Ich denke, dass die Filme und Comics die Lage reflektieren, die Gesellschaft aufmerksam macht und das den großen Anklang begründet. Schaut man sich die politische Lage und Konflikte an, gibt es auch in diesen Beriechen keine ultimativen Lösungen. Eher Kompromisse. Superhelden sind auch nicht mehr unantastbar und suchen z.B. in ihrer Identität ebenfalls Kompromisse. So denke ich, kann man die Situation ansatzweise anreißen…

  4. Danke für die weiteren Ausführungen dazu! Ja, das passt doch sehr gut zusammen – Superman ist flexibel, passt sich der politischen Lage an und bleibt damit immer aktuell. Somit vollzieht sich der Wandel solcher Figuren im Zusammenspiel zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, politischer Lage, Publikum, kommerziellen Interessen und Entwicklung der Technik. Dieses Netzwerk ein wenig zu entwirren ist wirklich ein sehr spannendes Unterfangen!

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