Sadistische Bestrafungsspiele und total absurde Gags? Willkommen in der Welt der japanischen Comedy!

Sadistische Bestrafungsspiele,  öffentliche Demütigungen, völlig absurde Ideen und ein gewaltiger Angriff auf die Lachmuskeln…

Ungefähr so könnte man kurz und zusammenfassend den Inhalt der meisten japanischen Comedyserien beschreiben. Dass sich der japanische Humor von dem europäischen gewaltig unterscheidet, dürfte bereits nach der auch bei uns zulande sehr bekannten Show „Takeshi’s Castle“ bekannt sein. Und für viele war diese Serie (neben Anime) wohl auch eine der ersten Begegnungen  mit diesem noch so fremden Land. Wer ebenfalls ein großer Fan von Takeshi’s Castle war, der weiß, dass diese Serie wirklich eine ganz eigene Art von Humor darstellte, die nicht jeder Europäer teilt und man sich gerade als Deutscher doch oft sehr wundern muss. Auch hier greift also der allseits bekannte Spruch: „Geschmäcker sind nun einmal verschieden.“

Auch wenn sich nach dem Erfolg von Takeshi’s Castle viele Konzeptkopien aus Amerika oder auch Europa gebildet hatten, kann man doch mit Fug und Recht behaupten, dass diese Serien nie an das Original aus Japan herankamen. Und auch, wenn so manch Europäer diesen Humor nicht teilen kann, so hat die Serie zumindest eines geschafft, nämlich das Wissen, dass japanische Comedyserien ganz anders sind.

Doch die japanische Comedywelt hat noch viele weitere Serien zu bieten, von denen ich euch eine ganz besonders ans Herz legen möchte.

„Downtown No Gaki No Tsukai Ya Arahende“ heißt die Serie (Kurz auch einfach nur „Gaki No Tsukai“ genannt und  übersetzt in etwa so viel heißt wie „Ich bin nicht der untergebene Bengel von Downtown),  einer Comedytruppe bestehend aus 5 Mitgliedern, zwei autonomen Comedy-Duos und einem Solokünstler, die wohl unterschiedlicher nicht sein könnten.

Gründer dieses Comedy-Ensembles war das Comedy-Duo „Downtown“, Hamada Masatoshi, der teilweise auf einfach nur “Hama-chan“ oder ドS浜田 (Super Sadist Hamada) genannt wird und seinem Partner Matsumoto Hitoshi, der auch mal ドM松本 (Super Masochist Matsumoto) genannt und somit den genauen Gegenpart zu Hamada darstellt. Die beiden kennen sich bereits seit der Schulzeit in welcher auch die Idee zur Comedy entstand.

Die ersten richtigen gemeinsamen Auftritte hatten die beiden im Jahre 1985 und sind seitdem auch ununterbrochen erfolgreich im Geschäft. So agieren die beiden nicht nur als „Downtown“ zusammen, sondern sind unteranderem in diversen Werbespots, Doramas und auch Filmen unabhängig voneinander aufgetreten. Ein berühmtes Beispiel ist der Film „大日本人“ (Big Man Japan, 2007), welcher durch diverse Film-Festivals auch in den USA als DVD herausgebracht worden ist.

Das andere Comedy-Duo trägt den witzigen Namen „Cocorico“ (eine Anspielung auf das französische Wort „Coq au Rico“), welches seit 1992 aus Endô Shôzô und Tanaka Naoki, beide ebenfalls aus Osaka stammend, besteht. Cocorico traten in dieser Zeit in diversen Varietés und Sendungen auf bis Matsumoto Hitoshi auf die beiden aufmerksam wurde und Cocorico ab 1997 offizielle Mitglieder des „Gaki No Tsukai“-Teams wurde.

Das fünfte  und letzte offizielle Mitglied in der Runde ist der Solo-Comedian Yamazaki Hôsei, der vor seinem Karrieredurchbruch durch „Gaki No Tsukai“ als zweitklassiger Comedian bekannt war, der unter anderem viele Rakugo-Aufführungen hatte.  Da er der einzige in der Gruppe ist, der nicht Teil eines Duos ist, wird er auch oft neckisch bei den Spielevorstellungen als „Downtown, Cocorico und Anhang“ bezeichnet. Dies unterstreicht er auch immer wieder mit seinem Humor, der zum größten Teil daraus besteht, Mitleidslacher bei den Zuschauern für seine schlechten Witze zu bekommen.

Doch was ist eigentlich das Konzept dieser Serie, welche nicht nur in Japan sehr erfolgreich ist, sondern auch Fans auf der gesamten Welt besitzt?

Die erfolgreichsten Episoden dieser Show sind die alljährlichen 24stündigen „Batsu-Games“, die seit 2003 zu Silvester in Japan ausgestrahlt werden. Ein Bestrafungsspiel, dessen Mitglieder vorher durch ein Entscheidungsspiel ermittelt werden. Dass es sich selbst bei diesen Entscheidungsspielen nicht nur um normales „Schere-Stein-Papier“ oder „Münzwerfen“ handelt, dürfte inzwischen bereits klar sein. Und Japaner wären nicht Japaner, wenn sie sich dafür nicht extrem absurde und extravagante Methoden einfallen lassen würden.

Ein Beispiel für ein solches Entscheidungsspiel ist das Vorentscheidungsspiel aus dem Jahre 2004, bei dem die 5 Comedians einen Tisch mit 100 Sushi-Variationen serviert bekamen, von denen 4 mit extrem scharfer Wasabi-Cremé gefüllt waren. Wurde das Wasabi-Röllchen gegessen, war man als Verlierer ein Teilnehmer des Batsu-Games.

Ein weiteres und noch brisanteres Beispiel für ein solches Entscheidungsspiel wäre aus dem Folgejahr 2005 mit dem „Elektromaschinen-Roulette“, bei dem sich die 5 Mitglieder elektronische Massagepads auf höchster Wattstufe am Körper befestigten und deren Stecker jeweils in einen der 8 vorhandenen Anschlüsse stecken mussten. Von diesen 8 Anschlüssen waren lediglich 4 Anschlüsse auch elektrisch geladen, sodass es zu einer übermäßigen Stromentladung kam. Derjenige, dem dies widerfahren war, wurde somit für das noch bevorstehende Batsu-Game ausgewählt. Dazu muss man allerdings einfügen, dass es sich selbstverständlich niemals um lebensbedrohliche Stromstärken gehandelt hat, was aber die Absurdität dieser Spiele, die ja lediglich als Einspielung auf das eigentliche Spiel dienen, bei weitem nicht mindert.

Und was braucht es jetzt noch, um das eigentliche Batsu-Game zu starten? Man nehme einen super sadistischen Teamleader und 4 masochistisch veranlagte Teamkollegen, eine für Männer mittleren Alters recht untypische aber dennoch herkömmliche Location (wie z.B. eine Schule oder Zeitungsredaktion), einen aufgeschlossenen und recht dicklichen Serienmanager, der für jedes Batsu-Game in ein anderes absurdes Kostüm schlüpft, viele prominente Comedians, die für jeden Spaß zu haben sind und auch gerne mal als Gastauftritte fungieren und schlussendlich nur eine einzige Regel: „Egal, was passiert, du darfst auf gar keinen Fall lachen!“

Hat man diese Bedingungen alle erfüllt, fehlt eigentlich nicht mehr viel, um ein typisches Batsu-Game abzuhalten, welches im Grunde stets nach demselben Prinzip abläuft, dennoch jedes Mal wieder absolut einzigartig ist, wenn man auch nur einen Faktor, wie beispielsweise die Location, austauscht und zusieht was passiert, wenn 5 erwachsene, japanische Comedians dem natürlichem Bedürfnis zu lachen für 24 Stunden entsagen müssen. Und dass die Serienmacher dabei auch nichts unversucht lassen, genau dies bei den Comedians zu erzwingen, macht diese Batsu-Games jedes Mal zu einem absoluten Angriff auf die Lachmuskeln, sowohl für die Comedians, als auch für die Zuschauer.

Ich darf zwar keine expliziten Seiten nennen, sollte jedoch euer Interesse an dieser Show geweckt sein, so wird man im Netz doch recht schnell fündig.

Doch die fünf Männer aus Osaka können sich nicht nur gegenseitig mit großen Bambusstöcken schlagen, sondern sie machen auch noch regelmäßig, man möchte schon fast sagen, „harmlosere“ Sendungen.

Ein Beispiel sind die „Kiki-Series“, in denen die Mitglieder mit verbundenen Augen ein Produkt geschmacklich richtig zuordnen müssen. So bekommen sie beispielsweise ein Stück Schokolade zum Probieren, und müssen dann mit verbundenen Augen genau diese Schokolade aus einer großen Anzahl anderer herausschmecken. Selbstverständlich währt auch hier wieder das allgegenwärtige Prinzip, wer falsch liegt wird bestraft.

Eine weitere beliebte Folge war der „Cosplay-Bus“, in der die Mitglieder sich u.a. als Animefigur und Domina-Queen verkleiden mussten und im Bus ein Entscheidungsspiel gespielt wurde. Derjenige, der bei diesem Spiel verloren hat, wurde  in „voller Montur“ aus dem Bus verwiesen und durch die Menschenmenge geschickt. Da fragt man sich, für wen diese Situation wohl unangenehmer war, dem verkleidetem Verlierer oder den armen Passanten, die diesen Anblick ertragen mussten.

Um das Thema aber vorerst abzuschließen, lässt sich nur sagen, dass sich bei dieser Sendung (und wie bei fast allem anderem auch) die Geister scheiden und es jedem selbst überlassen ist, ob er über diese Art Humor lachen, oder nur verstört den Kopf schütteln kann.

Ich persönlich habe beide Erfahrungen mit dieser Sendung durchgemacht und ich bereue es bis heute nicht, diese Sendung immer wieder geguckt zu haben. Sollten euch also die ersten paar Folgen noch ein wenig abschrecken, werdet ihr euch eventuell trotzdem schnell an diesen ganz anderen Humor gewöhnen können. Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

Titelbild: Flickr cc, anjuli_ayer

5 Gedanken zu „Sadistische Bestrafungsspiele und total absurde Gags? Willkommen in der Welt der japanischen Comedy!

  1. Wow, ein sehr umfangreicher und umfassender Artikel, vor allem zu „Gaki no Tsukai“! Sie haben Ihren Artikel sehr anschaulich und flüssig geschrieben, da bekommt man einen guten Einblick in die Sendung. Und dann haben Sie auch noch extra einen Trailer gemacht, der die Sache natürlich noch anschaulicher macht! Allerdings ist das natürlich rechtlich nicht ganz einwandfrei bzw. Sie bewegen sich auf gefährlichem Terrain. Ich denke nicht, dass die weitgehend unkommentierten Szenen noch unter „fair use“ fallen. Hier finden Sie einige Informationen hierzu bei Youtube: http://www.youtube.com/yt/copyright/de/

    Den Trailer machen wir daher besser nur für eingeloggte Nutzer sichtbar.

    Noch etwas zum Inhalt: Ich denke, dass man japanische und westliche Comedy nicht ganz so stark gegensätzlich sehen sollte. Man tendiert schnell dazu, vieles das in Japan geschieht als „ganz anders“ zu sehen (othering). Im Bereich Comedy sieht man aber meines Erachtens viele sehr ähnliche Tendenzen hierzulande und auch in den USA, wie Jackass, Joko und Klaas und nicht zuletzt auch der Erfolg von Takeshi’s Castle zeigen. Hier würde es mich sehr interessieren, was andere dazu denken.

    1. Vielen Dank für die schnelle Kritik. Ich war mir in der Tat nicht sicher, ob der Trailer an sich in Ordnung gewesen war oder nicht, gleichzeitig fiel mir aber keine bessere Art und Weise ein, einen guten Einblick in das ganze Konzept des „Batsu-Games“ zu geben. Ich habe ihn daher erstmal sicherheitshalber entfernt.

      Dass es mittlerweile viele verschiedene Adaptionen dieser Unterhaltungsformen gibt war mir zwar bewusst, doch war es mir wichtig den Unterschied zu der „Urform“ dieser doch recht eigenwilligen Comedy zu verdeutlichen. Denn obwohl ich sowohl einige Folgen von Jackass gesehen habe, als auch die „Bestrafungsspiele“ von Joko und Klaas sehr mag, war für mich der Hintergrund dieser Serien immer ganz anders, sodass ich persönlich die Sendungen ganz anders wahrgenommen habe, als das Original aus Japan. Zumindest erscheint mir dann Japan als das Original.

  2. Dieser Artikel beschreibt die Atmosphäre von Gaki no Tsukai auf jeden Fall sehr schön 😀 . Für den unbedarften Leser sollte man vielleicht noch ergänzen, dass auch der Anblick der „Vollstrecker“, die (oft vermummt) den Raum stürmen und jeden bestrafen, der gelacht hat, schon ein herber Angriff auf die Gesichtsmuskulatur ist… und dass man nach nur einer Folge „Batsu-Games“ die Namen des Cast praktisch auswendig kennt. Ich zolle dem meinen größten Respekt, der nach Genuss seiner ersten Folge nicht den ganzen restlichen Tag „Yamazaki, OUTO!“ (oder was Ähnliches) im Kopf hat 🙂
    Manche Gags und Strafen sind zugegebenermaßen schon kein Spaß mehr, sodass es manchmal echt nur den Kof zu schütteln gilt. Aber hier kann man erstens schön sehen, dass Geschmäcker da ganz verschieden sind, und zweitens, dass Comedy auch sehr experimentell sein kann.
    Bei solchen Sendungen, genau wie bei Jackass und Co., frage ich mich zwar immer wieder, was eigentlich so lustig daran ist, wenn man sieht, wie ein paar Bekloppte übel einstecken müssen… aber das ist eher was für mein Nebenfach Philosophie, und soll hier von meiner Seite nicht zur Sprache kommen~^^

  3. @ Frau Eggerling: Ich finde diese Fragestellung (also warum diese Sendungen Vergnügen bereiten) interessant und man könnte sie durchaus auch bei uns behandeln!

    Zu japanischer Comedy gibt es bisher noch wenig westlichsprachige Literatur, wie ich bei einer kurzen ersten Recherche festgestellt habe. Einziges größeres Werk scheint „Understanding Humor in Japan“ zu sein. Sie betreten hier also spannendes Terrain, Frau Kandoussi!

    Das Video habe ich jetzt passwortgeschützt online gestellt. Passwort ist der Vorname eines uns bekannten japanischen Theoretikers (Stichwort: Datenbank).

  4. Vielen Dank für den wirklich sehr ausführlichen Beitrag zu Batsu-Games anhand von „Gaki no Tsukai“. Seit ich durch Zufall auf eine der vielen Episoden gestoßen bin, verfolge ich ebenfalls mit größter Freude die Sendungen rund um das Quintett aus Osaka und vieles bringt mich immer wieder zum Lachen, auch wenn sich diverse Gags im Laufe der Jahre wiederholen.

    Über die Entstehung der Gruppe(n) bzw. deren Zusammenschluss habe ich mich bislang dennoch nicht näher informiert, weshalb ich deine Zusammenfassung und nähere Beschreibung der Personen sehr informativ finde, ebenso ist es mit dem Ablauf der einzelnen Serien.

    Das Prinzip der Schadenfreude existiert weltweit, und es funktioniert. Wer lacht denn nicht schon mal über das eine oder andere Missgeschick einer anderen Person? Mit dem Ziel die Zuschauer zum Lachen zu bringen, eignet sich also ebenfalls Schadenfreude hervorragend als eine nutzbare Nische der Comedy. Demnach ist Japan eigentlich nicht wirklich anders als der Rest der Welt.

    Auch in Deutschland wurden schließlich schon die einen oder anderen Wettkämpfe mit anschließender Bestrafung des Verlierers ausgestrahlt, zum Beispiel diverse Pannenshows oder auch „Elton vs. Simon“, welches übrigens dem amerikanischen Original „Kenny vs. Spenny“ entsprach. Ich verstehe was du mit „japanischer Andersheit“ in dem Zusammenhang sagen möchtest, doch sind wir da nicht (unbedingt) verschieden. Ich vermute, man geht in Japan einfach lockerer mit Schadenfreude um, während man sich wo anders auf der Welt eher moralisch hinterfragen würde, ob man denn über so etwas überhaupt lachen darf. Ebenso wird es auch in Japan Menschen geben, die Batsu-Games für übertrieben und unnötig halten werden.

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