Warum Frauen sich liebende Männer lieben

yaoi
Wikimedia Commons, Ed Gottschalk

Gestern ging es in unserem Seminar um hübsche, sich liebende junge Männer: Thema waren Boys‘ Love Manga, also Manga, die homoerotische Beziehungen zwischen Männern thematisieren und hauptsächlich von einem weiblichen Publikum gelesen werden.

Auf westlichen Internetseiten (so auch im deutschen Wikipedia) und in westlicher Forschungsliteratur findet sich häufig auch die Bezeichnung shônen ai („Jungenliebe“), die allerdings in Japan wegen evtl. pädophiler Anklänge nicht mehr geläufig ist. Werke mit expliziteren sexuellen Inhalten werden mit やおい yaoi bezeichnet, eine Abkürzung für 山無し 落無し 意味無し (yamanashi, ochinashi, iminashi) – „kein (erzählerischer) Höhepunkt, keine Pointe, keine Bedeutung/kein Sinn“.

Yaoi ist ein Begriff, der sich unter Fans entwickelt hat. Wie auch im westlichen Fandom ist es in Japan eine beliebte Praxis, Figuren aus bekannten Serien in eigenen Zeichnungen oder Geschichten zu neuen Paarungen zusammenzubringen. So können sich romantische und erotische Beziehungen zwischen Figuren entwickeln, die man schon immer gerne zusammen gesehen hätte. Besonders bei Formaten, in denen es an starken weiblichen Figuren mangelt, bringen die Fans mit Vorliebe zwei männliche Protagonisten zusammen. In Japan bezeichnet man dieses fiktive „Verkuppeln“ mit カップリング („coupling“, CP), im westlichen Fandom kennt man Begriffe wie „shipping“ oder „slash“.

Weibliche Fans von Boys‘-Love-Manga, die sich oft auch selbst rege am „coupling“ beteiligen, nennen sich in Japan 腐女子 fujoshi, „verdorbene Mädchen“. Das klassische Medium für eigene Geschichten und Bilder, die in diesem Fandom entstehen, sind die 同人誌 dôjinshi, „Zeitschriften von und für Gleichgesinnte“, die selbst produziert und auf Manga-Messen verkauft werden. Mittlerweile gibt es aber natürlich auch sehr viele Aktivitäten im Internet, auch in Deutschland, wo Boys‘ Love einen wesentlichen Anteil des Manga-Marktes ausmacht.

Es sind nicht nur Frauen, die Geschichten über die Liebe zwischen jungen Männern lesen – aber das weibliche Publikum ist doch in der überwiegenden Mehrzahl. Dieses Phänomen des weiblichen Vergnüngens an männlichen homosexuellen Beziehungen hat in der Forschung für zahlreiche Theorien gesorgt, die versuchen, Erklärungen dafür zu finden. Die „collective intelligence“ unseres Seminars hat eigene Begründungen gesucht, Thesen aus der Sekundärliteratur zusammengetragen und so einen recht umfassenden Überblick erarbeitet. Hier das Ergebnis (Bild lässt sich durch Klicken vergrößern):

boys love gruende_klein

Zum Weiterlesen gibt es in diesem Bereich eine Fülle von Forschungsliteratur. Ganze Bücher zum Thema sind „Nutzen und Gratifikation bei Boys‘ Love Manga: Fujoshi oder verdorbene Mädchen in Japan und Deutschland“ von Björn-Ole Kamm und „Boys‘ Love Manga: Essays on the Sexual Ambiguity and Cross-cultural Fandom of the Genre“ von Antonia Levi u.a. Eine sehr nützliche Webseite, wenn man sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, ist Yaoiresearch, wo sich eine sehr umfangreiche Bibliographie westlichsprachiger Literatur findet.

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