The Outrage: Rashômon im Western-Setting

Abb. 1 Filmplakat

Rashômon von Kurosawa Akira (1950) gehört nach Ansicht vieler Kritiker zu den „besten Filmen aller Zeiten“. Ungleich weniger bekannt ist ein in den 1960er Jahren erschienenes Remake dieses Meisterwerks, das die Geschichte in ein Western-Setting verlegt: The Outrage. Simon Richter stellt uns hier diesen Film vor, in dem immerhin Paul Newman die zentrale Rolle des Räubers spielt – der hier ein Mexikaner ist. 

Nachdem der Film „Die sieben Samurai“ (Shichinin no Samurai, 1954) im Jahr 1960 sein amerikanisches Remake im Stil eines Western-Filmes mit dem Titel „Die glorreichen Sieben“ bekam, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch weitere Filme von Kurosawa Akira dieser „Verwestlichung“ unterzogen wurden (zu Japan und dem Western-Genre siehe auch hier). Im Oktober 1964 kam der Film „The Outrage“, bei dem Martin Ritt Regie führte, in die amerikanischen Kinos. Im Jahr darauf gab es ihn auch in (West-)Deutschland zu sehen, allerdings unter dem Titel „Carrasco, der Schänder“. Das Drehbuch wurde von Michael Kannin geschrieben und basiert auf dem Skript, das Kurosawa Akira 1950 zusammen mit Hashimoto Shinobu für den Film „Rashōmon“ verfasst hat. Dieses wiederum war eine Adaption der Erzählung „Im Dickicht“, die Akutagawa Ryūnosuke 1922 veröffentlichte. In „Carrasco, der Schänder“ werden sowohl Kurosawa Akira als auch Akutagawa Ryūnosuke im Abspann mit entsprechendem Hinweis erwähnt. Damit gehen die Produzenten hier offener mit ihren Quellen um als dies zum Beispiel bei Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“ der Fall war, bei dem die offensichtliche Anlehnung an Kurosawas „Yōjimbō“ (und Dashiell Hammetts Romans „Rote Ernte“) von dem Regisseur bestritten wurde.

Die Story in beiden Filmen ist nahezu identisch und lässt sich kompakt wie folgt umschreiben: Ein Bandit stellt einem Ehepaar eine Falle, vergewaltigt die Frau nachdem er den Mann überrumpeln konnte, und danach kommt es zu einer Auseinandersetzung, die den Tod des Mannes zur Folge hat. Das Geschehene wird durch die verschiedenen Blickwinkel mehrerer Personen wiedergeben, die entweder an der Tat beteiligt waren, Zeugen des Ereignisses wurden oder in sonstiger Verbindung zu der Tat stehen. In Akutagawa Ryūnosukes literarischer Vorlage finden wir als Leser/innen nur diese Aussagen vor. Der Autor gibt uns keine weiteren Rahmeninformationen und somit müssen wir uns selbst ein Bild davon machen, was sich ereignet hat (und wer der/die Schuldige ist). Kurosawa Akira musste für seine Verfilmung einen Handlungsrahmen schaffen und lässt die Geschichte an einem historischen Tor spielen – dem titelgebenden Rashōmon. An diesem Tor suchen sich ein Priester, ein Holzfäller und ein einfacher Bürger wegen eines Unwetters einen trockenen Unterschlupf und kommen dabei ins Gespräch. In „The Outrage“ wird dieses Tor zu einer Bahnhofsstation, an der ein Priester, ein Goldgräber und ein Schlangenöl-Verkäufer bei starkem Regen ins Gespräch kommen. 

Sowohl in der japanischen als auch in der amerikanischen Adaption wird ein Verbrechen zum Thema, das Tage zuvor am Gerichtshof verhandelt wurde. Daran beteiligt waren in der japanischen Vorlage ein berüchtigter Bandit, ein Samurai und seine Frau. In der westlichen Fassung handelt es sich ebenfalls um einen berüchtigten Banditen, nur dass dieser hier zu einem Mexikaner wurde. Dazu wird er noch von dem Amerikaner Paul Newman gespielt, der sich bemüht, seinen Akzent zu überdecken und vereinzelt spanische Wörter fallen lässt. Diese Darstellung der Figur bedient so manches Vorurteil. Aus dem Samurai wird ein ehemaliger General, um eine gewisse Soldatenehre ins Spiel zu bringen, die wohl bei einem einfachen Cowboy weniger glaubhaft gewesen wäre. In beiden Fassungen bleibt die Rolle der Frau, wie es zu dieser Zeit leider typisch war, die der „Jungfrau in Nöten“ – wobei zu erwähnen ist, dass in beiden Filmen dennoch ihr Temperament und Kampfgeist betont werden. Dies entspricht der Vorlage von Akutagawa, wo ihr Wille von ihrer Mutter als „kaum schwächer als der eines Mannes“ beschrieben wird. Die Mutter ist die einzige Figur, die nicht in die Filme übernommen wurde. Vermutlich diente sie in der Erzählung nur der näheren Beschreibung der Frau, was im Film durch Dialoge und die Interaktion der Frau mit anderen Figuren selbst besser gelang.

Ein Stilmittel in Kurosawas Filmen ist es, natürliche Elemente wie Regen, Wind oder Feuer in sein Szenenbild einzubauen, um selbst statische Aufnahmen lebendig wirken zu lassen. Dass dieses Element des Regens zusammen mit mancher Kameraeinstellung auch im amerikanischen Remake übernommen wurde, verdeutlicht, dass „The Outrage“ sich sehr nahe an „Rashōmon“ als Vorlage hält. Selbst Dialoge werden stellenweise identisch aus der englischen Übersetzung entnommen. Des Weiteren traf Martin Ritt noch die visuelle Entscheidung, den Film ebenfalls in schwarz-weiß zu drehen. In beiden Filmen wird die Handlung in Rückblenden erzählt, in denen selbst weitere Rückblenden genutzt werden, die immer wieder hin und her springen. Da man bei dieser Erzählstruktur etwas gesagt bzw. gezeigt bekommt, was jemand anderes gehört bzw. gesehen hat, wird in den Zuschauenden sehr gut ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt, und der Film wirft viele Fragen darüber auf, welchen Aussagen man Glauben schenken kann und welchen nicht.

Abb. 2 Inszenierung der Szenen vor Gericht in Rashômon und The Outrage

Der größte Unterschied zeigt sich in den Szenen, die sich vor Gericht abspielen (vgl. Abb. 2). In „Rashōmon“ ist die Kamera statisch in einer totalen Aufnahme auf die Zeugen gerichtet und der Regisseur lässt sie einen Monolog führen, in dem sie sogar die Fragen des Richters noch einmal für den Zuschauer wiederholen. Bei „The Outrage“ hingegen spielt sich der Prozess öffentlich auf einem Platz mitten in der Stadt ab. Angeklagte, Zeugen und Anwohner sind an einem Ort, interagieren miteinander und kommen nacheinander in die Szene, wie bei einem Theaterstück. Dies ist vermutlich ein Überbleibsel des ersten Drehbuchentwurfs, den das Ehepaar Fay und Michael Kannin fünf Jahre zuvor als Broadwaystück umsetzten. Handlungsort und -zeit blieben hierbei das mittelalterliche Japan. Die Figuren wurden trotzdem von amerikanischen Schauspielern verkörpert. Paul Newman hält in einer dieser Szenen als Carrasco sogar sein eigenes Plädoyer an alle Anwesenden und indirekt an den Zuschauer selbst. Er fragt direkt, für wessen Straftat man ihn büßen lassen wolle und welcher Wahrheit man denn nun Glauben schenken könne.
Die Inszenierung des restlichen Filmes gleicht bis zum Schluss seiner Vorlage.

„Carrasco, der Schänder“ ist vielleicht ein Remake, das weder sonderlich geglückt ist noch unbedingt nötig war – aber diesen Film zu drehen war ein mutiger Schritt von Martin Ritt und Michael Kanin. Sie hatten den Wunsch, eine interessante Geschichte weiterzugeben, sahen aber auch das Problem, dass damals japanisches Kino zum Teil schwer Anklang bei westlichem Publikum fand – sei es wegen der Erzählstruktur, der musikalischen Unterma-lung oder der vielleicht befremdlich wirkenden Art des Schauspielerns. Diese Punkte zu er-kennen und „sicher“ umzusetzen, ist eine Gratwanderung, die nicht auffällt, wenn sie gelingt. Zugleich kann es jedoch leicht für Irritationen sorgen, wenn man die Bedeutung des kulturellen Kontexts unterschätzt. In „The Outrage“ haben die Produzenten aufs Detail geachtet: Schwerter wurden eben nicht nur durch Revolver ersetzt, sondern die gesamte Handlung in ein vertrauteres Setting umgesiedelt. Rollen wurden umfunktioniert, um ein besseres kulturelles Verständnis zu schaffen, wie zum Beispiel mit dem Totenbeschwörer, der durch einen Schamanen der Ureinwohner ersetzt wurde.

Mit einer solchen Handlung und dem Figurenensemble steht dieser Film selbst als Western etwas einsam da. Es ist keine glorifizierende Heldengeschichte à la John Wayne. Auch den klassischen „einsamen Wolf“ auf der Suche nach Rache, wie ihn Charles Bronson verkörpert, sucht man hier vergeblich. Man könnte den Film am ehesten noch in der Nische des „intellektuellen“ Western verorten, führt er doch die Eigenarten und Laster des Menschen vor Augen und demonstriert, wie persönliche Interessen die Wahrnehmung der Realität ändern. Zugegeben gelingt ihm dies nur dank seiner japanischen Vorlage.

Simon Richter

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