Rashômon im Manga: Ein düsteres Tor als Protagonist

In unserer Reihe zu Manga-Adaptionen bekannter Klassiker der modernen japanischen Literatur geht es heute um Akutagawa Ryûnosuke. Andreas Ancaruk stellt uns eine Version von Rashômon vor, die laut Verlag für junge Leser/innen so aufbereitet wurde, dass man sie ganz locker und „in einem Rutsch“ lesen kann.

Die Kurzgeschichte Rashômon von Akutagawa Ryûnosuke wurde seit Ende des 20. Jahrhunderts mehrfach adaptiert und für junge Leser/innen angepasst. Das Beispiel, das ich hier besprechen möchte, ist in der Serie Manga de Bungaku (マンガでBUNGAKU) des Verlags San’ei zu finden, die wichtige Werke der modernen japanischen Literatur in Manga adaptiert, um sie für junge Leser/innen interessanter zu machen. Neben Rashômon sind in dem Band zu Akutagawa auch noch die Geschichten Yabu no naka („Im Dickicht“) und Jigokuhen („Qualen der Hölle“) enthalten, und es wurden vom Verlag eher unbekannte Zeichner/innen für die Umsetzung engagiert. Im Vorwort erwähnen die Herausgeber, dass es ihr Ziel sei, jungen Menschen Literatur mit Leichtigkeit näher zu bringen – und damit auch einer „Literatur-Allergie“ vorzubeugen, wie sie teilweise durch die Lektüre von Klassikern in der Schule entstehe. 

Das Ursprungswerk, die Geschichte Rashômon, wurde 1915 zum ersten Mal als Kurzprosa in der Zeitschrift Imperial Literature veröffentlicht, als Akutagawa Ryûnosuke noch ein unbekannter Schriftsteller war. Zu der Zeit war er Student an der Kaiserlichen Universität Tokyo. Rashômon ist von einer Erzählung inspiriert, die in der Sammlung Konjaku Monogatari von Ende der Heian-Zeit enthalten ist. Im Jahr 1950 wurde die Kurzgeschichte von dem Regisseur Kurosawa Akira verfilmt, und 1956 wurde sie in die Schulbücher für die Oberstufe japanischer Schulen aufgenommen. 

Die Geschichte spielt im Kyoto des 12. Jh, das zu dieser Zeit von einigen Unglücken heimgesucht wurde. Es geht um einen Mann, der von seinem Herren, einem Samurai, entlassen wurde und nun ziellos umherstreift. Er kommt im Regen am Rashômon an und sucht dort einen Platz zum Schlafen. Das Tor ist bereits im Verfall begriffen und es wird als Ablageort für Leichen benutzt. Im oberen Stockwerk dieses Tors trifft er auf eine alte Frau, die einer weiblichen Leiche die Haare ausreißt. Als die Frau ihm sagt, dass sie das nur tue, um überleben zu können (sie will die Haare verkaufen), entschließt sich der Mann ebenfalls zu einer Missetat. Er reißt der alten Frau den Kimono vom Leib, stößt sie weg und läuft mit dem gestohlenen Kimono davon. Was danach mit dem Mann passiert, erfährt man nicht.   

Akutagawa verleiht der Geschichte eine psychologische Note: In der Erzählung wird zum Beispiel deutlich, dass Menschen widersprüchliche Wesen sind, die einerseits einen Sinn für Gerechtigkeit haben, aber oft dennoch egoistisch vor allem auf ihr eigenes Wohl bedacht sind. Auch sieht man an dem „herrenlosen“ Mann, dass manche Menschen hilflos und machtlos sind, sobald sie ihre Führungsperson verlieren.

Ein Ausschnitt aus dem Anfang der Manga-Adaption

Der Manga übernimmt die triste Atmosphäre der Geschichte von Akutagawa und der Aufbau der Panels lässt die jeweilige Stimmung der Situation gut erfassen. Zum Beispiel werden die Panels anfangs, wo alles ruhig ist, ziemlich gleichmäßig eingeteilt (vgl. Abbildung). Mit steigender Dramatik erkennt man aber, dass die Panels kleiner und eckiger werden, um so visuell das Tempo zu steigern. Ebenso steigt auch ihre Anzahl und Ungleichmäßigkeit. Durch die visuelle Ebene kann die alte Sprache der Ursprungserzählung größtenteils umgangen werden, ohne dass der Inhalt oder die Intention der Geschichte verloren gehen.

Letztlich könnte man sagen, so oft wie das Rashômon im Manga gezeigt wird und entsprechend den Anfang und das Ende prägt, dass es hier die eigentliche Hauptrolle in der Geschichte spielt. Es ist, als würde man durch das Rashômon in eine andere Welt eintreten: Eine Welt, in der eine Atmosphäre der Angst herrscht und Menschen nicht aus Vernunft handeln, sondern von ihren Emotionen kontrolliert werden.

Andreas Ancaruk

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