Pokémon GO als Abenteuer

Von Hasan Acur, Fritjof Eckardt, Serguei Jouravlev, Thomas Pham Minh Chi und Naomi Schadt

Schon als Kind assoziiert man mit einem Abenteuer außergewöhnliche und spannende Ereignisse, die man im Alltag normalerweise nicht erlebt. Mit einem Abenteuer verbunden ist nicht nur die Lust, etwas Neues zu entdecken, sondern es birgt auch manche Gefahren, Risiken und Herausforderungen, denen sich der Abenteurer stellen muss. Doch gerade das erzeugt erst den Nervenkitzel, der dafür sorgt, dass wir uns dieses Erlebnis auf keinen Fall entgehen lassen wollen. Auch in der Welt der Pokémon geht kein Weg daran vorbei, denn schließlich will laut Werbespruch jeder der „Allerbeste“ sein. Durch die Verbindung des Spiels Pokémon GO mit der Realität der Umgebung ergeben sich viele Möglichkeiten, Abenteuerliches zu erleben. Zugleich wird in den Medien immer wieder von den damit verbundenen Gefahren berichtet: Unfälle im Straßenverkehr, das Betreten von gefährlichem Gelände oder sogar Überfälle, bei denen Pokemon Go als Lockmittel zum Einsatz kommt.

In diesem Artikel möchten wir uns auf die Welt der Pokémon im Spiel konzentrieren und der Frage nachgehen, welche Aspekte an Pokémon GO das Spiel zum Abenteuer machen können. Richard Bartle spricht in seiner bekannten Arbeit über Spielertypen von „Explorern“, denen es beim Spielen besonders darum geht, mit der Spielwelt zu interagieren und sich immer wieder davon überraschen zu lassen. Solchen Spielern geht es mehr um besondere Entdeckungen im und Erlebnisse mit dem Spiel als darum, besonders viele Punkte zu sammeln. Unser Artikel stellt somit diese Spieler in den Mittelpunkt, und wir untersuchen, wie diese Spieler angeprochen werden können.

Exploring in Pokémon Go – Städte erkunden

Pokémon GO ist eine gute App zur Erkundung von Städten: Als (spaßigere) Alternative zu Google Maps kann man damit fremde Orte kennen lernen während man spielt. In Pokémon GO gibt es die Pokéstops, die sich sehr häufig an Sehenswürdigkeiten befinden und kurze Informationen über diese bereit halten. Im Gespräch mit Kommilitonen aus unserem Seminar haben wir zum Beispiel erfahren, dass sie mit Hilfe von Pokémon GO Tokyo sehr gut erkunden konnten. An Pokéstops gibt es immer wichtige Ingame-Gegenstände für die Spieler, was sie motiviert, von Pokéstop zu Pokéstop zu wandern – und was gut mit Sightseeing verbunden werden kann. Zugleich kann es auch Menschen motivieren, die einfach rauszugehen und die eigene Stadt zu erkunden. Dabei kann man in vertrauter Umgebung Orte entdecken, die man sonst nicht wahrgenommen hat, wie z.B. Statuen und alte Monumente. Das Erkunden von Städten und Orten und das Fangen von Pokémon auf dem Weg geben dem Spieler das Gefühl, in einem echten Abenteuer zu sein. Ein weiterer positiver Aspekt von Pokémon GO ist, dass man beim Spielen auf andere Pokémon-GO-Spieler treffen und so auch in fremden Städten neue Kontakte knüpfen kann.

„Neue Freunde finden“

Auf Abenteuern stellt man sich Herausforderungen, überwindet sich selbst, begegnet den unterschiedlichsten Gestalten auf seinem Weg und kann dabei auch neue Freundschaften schließen, durch die das Abenteuer gleich viel aufregender und „realer“ wird. Genau das ermöglicht Pokémon GO auch seinen Spielern. Nach dem Release im Sommer 2016 begegnete man auf einmal überall Leuten, die alle etwas gemeinsam haben: die Begeisterung für Pokémon GO. Schnell trifft man bei nächtlichen Suchaktionen immer wieder auf bekannte Gesichter oder schließt sich anderen Spielern an, um sich die Lockmodule zu teilen, und so sind aus Fremden plötzlich Freunde geworden, die gemeinsam auf Pokémon-Jagd gehen. Miteinander erleben die Spieler ein Abenteuer, teilen Erlebnisse und helfen sich gegenseitig, so dass jeder sein persönliches Ziel erreichen kann. Mittlerweile gibt es durch Updates, die z.B. auch die Möglichkeit für sogenannte „Raid-Kämpfe“ beinhalteten, viele Foren oder andere Gruppen auf Social Media Kanälen, welche die Spieler miteinander verknüpfen. Das ist wichtig, denn ohne Kommunikation, die außerhalb des Spiels stattfindet, ist es kaum möglich, alles zu erreichen was das Spiel bietet. Jan-Noël Thon erläutert, dass die Interaktion mit anderen Spielern wesentlich dazu beiträgt, dass Spieler sich in ein Spiel vertiefen und dabei bleiben – „soziale Immersion“ nennt er dieses Phänomen. Er spricht hierbei von verschiedenen Kommunikationsmitteln, die die soziale Interaktion erleichtern, wodurch ein sozialer Raum entsteht. Bei Pokémon GO ist das besonders interessant, weil das Spiel an sich eigentlich als Single-Player-Game gespielt wird. Aktionen wie beispielsweise die „Purge Night“, die selbst von Spielern gestartet wurde, oder Whats-App-Gruppen, zu denen man Einladungen benötigt, zeigen jedoch, dass der Aspekt des „Socializing“ nicht mehr aus Pokémon GO wegzudenken ist. Ob es sich dann auch immer wirklich um „Freunde“ handelt, ist aber eine andere Frage.

Narrative Immersion in Form von Stories und Erfahrungen

Davon kann man erzählen: Begegnung mit einem wilden Simsala

Die Narrative Immersion nach Jan-Noël Thon beschreibt die Verlagerung der Aufmerksamkeit des Spielers auf den Fortgang und die Figuren der Geschichte. Weiterhin gibt es laut Marie-Laure Ryan noch die temporale narrative Immersion (Fortgang der Geschichte) und emotionale narrative Immersion (Empathie gegenüber Charakteren). Jedoch lassen sich diese nur bedingt bis gar nicht auf Pokémon GO anwenden, da das Spiel selbst keine Story im klassischen Sinne enthält. Vielmehr sind es hier die Spieler selbst, die ihre „Geschichten“ erzählen, die sich in Form der „gesammelten Erfahrung“ manifestieren. So berichten sich Pokémon-GO-Spieler gegenseitig z.B. von einem knapp erfolgreichen Raid-Kampf, den sie mit weitaus weniger teilnehmenden Personen abgeschlossen haben als vorgeschlagen, oder von dem Fang eines seltenen Pokémons, welches normalerweise kaum bis gar nicht auftaucht. Pokémon GO lebt vom Spiel und nicht von einer interessanten, fesselnden, emotionalen oder spannenden Geschichte. Die Spieler sorgen für die narrative Immersion, denn es ist ihre Geschichte, ihre Erzähltechnik und vor allem ist es die reale Welt, die als Schauplatz dient. Sie sind diejenigen, die wie ihre Kindheitshelden Abenteuer erleben und von diesen Abenteuern berichten. Der Genuss des Spiels speist sich also aus einer offensichtlichen Verflechtung von Virtual Reality und Real Life; das Abenteuer entsteht durch die Technik der sogenannten Augmented Reality.

AR, AR+ und Reskinning

Pokémon Go ist das erste Augmented-Reality Spiel, das öffentlich, medial und auch von sehr vielen Spielern wahrgenommen wurde. Vor Pokémon GO existierten schon andere AR-Spiele, keines erreichte jedoch diesen Bekanntheitsgrad. Selbst das direkte Vorgängerspiel „Ingress“, auf dessen Technologie Pokémon GO basiert, begeistert(e) nur eine relativ kleine Zielgruppe. Der besondere Reiz des Spiels liegt in der Verbindung von realen Orten und der Interaktion mit den Pokémon. Man taucht in die Welt der Pokémon ein und alltägliche Orte wie Sehenswürdigkeiten verwandeln sich durch AR-Technologie (Reskinning) im Smartphone in Kampfarenen, Pokémon laufen über die Straßen oder gar durch die eigene Wohnung. Die dem Spieler eigentlich bekannte Umgebung wird „überlagert“ und so zu etwas Neuem gemacht – einem „Abenteuer“, das der Spieler erkunden kann.

Fazit

Pokémon GO kann als Abenteuer funktionieren, sei es durch die neuen verwendeten Technologien, die neuen Orte die man erkundet oder die Leute, die man während des Spielens kennenlernt. Das Spiel hat durch seine Art, Technologien und Spielelemente zu verknüpften, im Sommer 2016 einen ungeahnten Hype ausgelöst. Die Spieler erschufen eigene Arten zu spielen und so entwickelte sich eine ganz eigene Dynamik. Jeder erlebt das Abenteuer auf andere Weise: Während es für einige Spieler ein nostalgischer Traum ist, der wahr wird, so ist die Motivation bei anderen Spieler nur der reine Zeitvertreib. Spieler unterschiedlicher Alters- und Interessengruppen finden durch das Spiel zusammen. Für die „Explorer“, denen es vor allem aufs Erkunden und Entdecken ankommt, hält Pokemon Go reichlich Möglichkeiten für Abenteuer bereit, wie wir gezeigt haben. Wenn man will, kann man durch Hochwasser waten, nachts über Zäune klettern, die Geschwindigkeitsbegrenzung überschreiten – und dann davon erzählen. Spieler, die eher den sozialen Aspekt schätzen („Socializer“) und Spieler, die schnell aufsteigen und viele Punkte sammeln wollen („Achiever“) werden aber ebenso angesprochen. Die vielfältigen Möglichkeiten, das Spiel für sich zu interpretieren und zu nutzen, tragen sicherlich besonders zum Erfolg von Pokémon GO bei.

Bartle, Richard (1996): „Hearts, Clubs, Diamonds, Spades: Players Who Suit MUDs“. The Journal of Virtual Environments, 1(1).

Thon, Jan-Noël (2006): „Immersion revisited. Varianten von Immersion im Computerspiel des 21. Jahrhunderts“. In: Hißnauer, Christian; Jahn-Sudmann, Andreas (Hg.): medien – zeit – zeichen. Beiträge des 19. Film- und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquiums. Marburg: Schüren, S. 125–132.

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