Auf der Welle zum Erfolg – Pokémon GO und In-App-Käufe

Von Marie-Theres Cieslik, Bahar Ciftcioglu, Sabrina Isenberg, Mao Kubota und Angelina Wierig

Direkt nach dem Release 2016 feierte Pokémon GO weltweit seinen großen Aufschwung. Hundertausende Spieler begeisterten sich für das neuartige Spielkonzept. Doch wie schaffte es Niantic, diesen immensen Erfolg auch wirtschaftlich für sich zu nutzen?

Die App selbst ist erst einmal kostenlos. Verschiedene Bestandteile des Spiels motivieren die Spieler/innen aber, für den persönlichen Erfolg Geld zu investieren. Diesen wirtschaftlichen Aspekt von Populärkultur betonte schon John Fiske in seinem Buch „Reading the Popular“ aus dem Jahr 1989. Die Populärkultur werde „von unterdrückten Bevölkerungsgruppen in ihrem eigenen Interesse aus Ressourcen gewonnen, die, widersprüchlicherweise, auch den ökonomischen Interessen der Herrschenden dienen“ (Fiske 2000: 15). Das bedeutet, dass Populärkultur zwar einerseits für die Rezipierenden eine wichtige Funktion einnimmt und sie in bestimmten Bereichen ermächtigt, zugleich aber die ökonomischen Interessen der Firmen bedient werden und diese durch die Leidenschaft der Fans ihr Kapital vermehren.

Die Fans selbst können, wie John Fiske in seinem Aufsatz „The Cultural Economy of Fandom“ (1992) erläutert, ebenfalls Kapital aus der Populärkultur schöpfen – das kulturelle Kapital. Laut Fiske ist das kulturelle Kapital für den Status in der Gruppe von Wichtigkeit und besteht aus Elementen wie dem Sammeln von Wissen und Objekten, die mit dem Fandom zusammenhängen. Bei Pokémon GO bieten sich durch den Aufbau des Spiels viele Möglichkeiten für die Spieler/innen, kulturelles Kapital zu erwerben. Je mehr der Spieler über das Spiel Bescheid weiß, desto höher ist sein Status. Durch sein Wissen z.B. über Pokémon-GO-Events, Raids, Aufenthaltsorte von bestimmten und seltenen Pokémon oder allgemein über das Spiel erlangt der Spieler ein bestimmtes Ansehen im Fandom. Durch dieses Ansehen wird er zum Ansprechpartner bestimmter Fragen, die über das Spiel aufkommen.

Aber auch durch das Sammeln von Objekten können laut Fiske Fans Status im Fandom gewinnen. Dieses Element ist auch sehr leicht auf Pokémon GO zu übertragen, denn die Essenz des Spiels liegt darin, Objekte, in diesem Fall Pokémon, zu sammeln. Hierbei kommt es beim Sammeln auf die Seltenheit, die Wettkampfpunkte (WP) und das Potenzial der Pokémon an, das sich im sogenannten IV-Wert zeigt. Die Spieler/innen, die ihren Pokédex (am besten mit sehr guten Pokémon) gefüllt haben, d.h. die alle Arten von Pokémon ihr Eigen nennen können, bekommen mehr Anerkennung als solche, die nur wenige verschiedene Exemplare besitzen. Auch das erreichte Level erhöht das kulturelle Kapital im Fandom enorm. Im Großen und Ganzen ist es so: Je mehr Wissen man über das Spiel Pokémon GO besitzt und je mehr Status-Objekte man ansammelt, desto höher ist der Status im Fandom.

Um in Pokémon GO kulturelles Kapital erwerben zu können und sich von anderen Spielern abzuheben, wählen viele Spieler/innen – wie wir durch unsere Feldforschung erfahren haben – den Weg, echtes Geld zu investieren, um schneller erfolgreich zu sein. Die Firma Niantic nutzt somit erfolgreich die Bemühungen der Fans um kulturelles Kapital und wandelt diese für sich in ökonomisches Kapital um.

Was genau Niantic tut, um die Spieler/innen zur Investition von echtem Geld zu bewegen, werden wir nun genauer erläutern.

Shoppen für den schnellen Aufstieg

Einen essentiellen Bestandteil von Pokémon GO bilden die Pokéstops. Nicht umsonst werden sie direkt zu Spielbeginn vorgestellt. Gleichzeitig sind sie in Niantics Strategie miteingebunden, ökonomisches Kapitel zu generieren.

Pokéstops findet man vor allem an Sehenswürdigkeiten oder Denkmälern in Städten. Über diese erhält man wichtige Items, die benötigt werden, um im Spiel voranzuschreiten. Hat man den Pokéstop einmal aktiviert, muss man etwa fünf Minuten warten, bis man erneut Items erhalten kann. Beim Erreichen bestimmter Level werden nach und nach weitere freigeschaltet. Je höher das Level, desto besser sind auch die Items, die zur Verfügung stehen. Doch die Chancen auf bestimmte Tränke, Beeren und andere Dinge sind nicht gleich hoch. Anstatt eines Top-Belebers ist die Wahrscheinlichkeit auf einen gewöhnlichen Beleber viel höher, Pokébälle bekommt man weitaus häufiger als die besseren Super- und Hyperbälle. Wer auf ein Evolutionsitem für eines seiner Pokémon hofft, hat noch geringere Chancen. Daneben kann man verschiedene Eier erhalten, für die allerdings Brutmaschinen notwendig sind, die man nicht durch die Pokéstops selbst bekommt. Allein die Items der Stops genügen einigen Spielern deshalb irgendwann nicht mehr, um im Spiel schnell voranzuschreiten. An dieser Stelle setzen In-App-Käufe an. Denn im Shop des Spiels bekommt man unter anderem solche Items, die über den Pokéstop nicht oder nur selten erhältlich sind.

Angebote im Shop von Pokémon GO

Auch für Events und Raids gibt es bestimmte Items, die nicht unbegrenzt kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Mikrotransaktionen sind für die nach Erfolg strebenden Spieler/innen unumgänglich. Der Shop besteht aus drei Kategorien: den Basisitems, den Skins und Accessoires für den eigenen Charakter und den Hilfsmitteln für ein erfolgreicheres Spielen und den schnellen Levelaufstieg. Die einzelnen Items sind meist für wenige Euro zu erwerben. Die Skins und Accessoires werden für das Spiel nicht benötigt, besonders teure und seltene Accessoires für den Spieler-Avatar gelten jedoch als eine Art Statussymbol, mit denen man sich im Vergleich zu anderen hervorheben kann.
Die Basisitems, wie Pokébälle oder Raid-Pässe, sind begrenzt gratis verfügbar, jedoch entweder limitiert oder nur mit größerem Aufwand zu beschaffen. Ihr Erwerb spart dem Spieler Zeit und Wege und lässt ihn ohne Verzögerungen weiterspielen.

Die Hilfsmittel, zu denen z.B. Lockmodule, Glücks-Eier oder erweiterter Boxenplatz gehören, sind für das Spielen an sich nicht nötig. Sie vereinfachen jedoch u.a. das Fangen von Pokémon, den Levelaufstieg durch vermehrte Erfahrungspunkte (EP) oder machen es überhaupt erst möglich, alle im Spiel fangbaren Pokémon auch aufzubewahren. Wer schneller leveln oder alle Pokémon fangen und somit innerhalb der Community aufsteigen will, kommt hier auf seine Kosten. Oft gibt es Angebote von mehreren Items, Hilfsmitteln oder Accessoires in Bundles, die ein wenig günstiger sind als die Objekte einzeln zu erwerben – und die meist sehr genau auf aktuelle Events abgestimmt sind.
Die In-App-Käufe verwenden ein Münzsystem. Eine täglich begrenzte Anzahl an Münzen kann im Spiel durch die Verteidigung von Arenen verdient werden; Münzen können allerdings auch im Shop für reales Geld erworben werden.

Feiertag ist Einnahmetag – Weihnachten, Ostern und Halloween mit Pikachu und Co.

Besonders animierend für den Kauf von Items im Shop sind die zahlreichen Events, die regelmäßig in Pokémon GO stattfinden. Events sind spezielle Ereignisse, welche sich zum Beispiel an bestimmten Feiertagen im Spiel ereignen und mit besonderen Items, höheren Punktzahlen und Pokémon werben, um das Spielen attraktiver und abwechslungsreicher für die Spieler zu gestalten. Neben Weihnachts-, Oster- oder Halloweenevents gibt es auch Events zum Valentinstag oder zur Feier der Sonnenwende.

Am 16. September 2017 fand in Oberhausen zum Beispiel das Event „Safari-Zone“ statt, welches in den Medien besonders präsent war und viele Spieler u.a. mit besonders häufig erscheinenden andersfarbigen Pokémon, sogenannten „Shinys“, anlockte. Zusätzlich gab es nur dort erhältliche Medaillen. Aktuell ist auch der „Community-Day“ besonders beliebt, der einmal im Monat stattfindet; zuletzt konnte man dabei ein Pikachu mit der Attacke „Surfer“ fangen und die Spieler erhielten doppelte Erfahrungspunkte.

Durch die Chance auf solche besonders seltenen Event-Pokémon und durch gesteigerte Punktzahlen sind die Spieler motivierter zu spielen und oft auch bereit, dafür Geld auszugeben. So werden Pokébälle bei einem Event schnell verbraucht und erhöhte Punktzahlen verlocken zum Verkauf von Glücks-Eiern (mit denen man seine Punkte zusätzlich verdoppeln kann). Auch werden mehr Brutmaschinen verkauft, wenn es mehr Punkte für das Ausbrüten von Eiern gibt oder die Distanzen, die man zum Ausbrüten von Eiern laufen muss, verringert sind. Mit der Einführung von Events wurde somit frischer Wind ins Spiel gebracht, der viele Spieler dazu bewegt hat, Geld zu investieren.

Gruppendynamik als Erfolgskonzept – Spannende Raids, seltene Pokémon

Mit dem Update vom 29. Juli 2017 führte Niantic mit den sogenannten „Raid-Kämpfen“ ein neues Feature in die Welt von Pokémon GO ein und eröffnete sich damit auch eine lukrative Einnahmequelle. Durch die Einbindung der Raids in das Spielgeschehen wurde das Fangen der seltenen legendären Pokémon möglich und die beliebte App wurde wieder vermehrt genutzt.

Raid-Kämpfe sind ein besonderes Ereignis in Pokémon GO, an welchem bis zu 20 Spieler teilnehmen können, um gemeinsam einen „Raid-Boss“ bzw. ein starkes Pokémon an einer Arena zu besiegen. Die Bosse werden in fünf Schwierigkeitsgrade eingeteilt und die begehrten legendären Pokémon nehmen hier den höchsten Schwierigkeitsgrad ein. Teamwork spielt bei den Raids eine besonders große Rolle, denn je stärker der Boss ist, desto mehr Spieler werden benötigt, um ihn zu besiegen. Gelingt es, den Boss zu besiegen, erhält der Spieler seltene Items sowie die Chance, das Pokémon zu fangen. Um an einem Raid teilnehmen zu dürfen, benötigt man jedoch einen „Raid-Pass“, den man einmal am Tag kostenlos an den Raid-Arenen bekommen kann. Nicht immer schaffen es die Spieler, den Raid-Boss zu fangen und in ihre Sammlung an Pokémon aufzunehmen.

Niantic ist sich bewusst, dass man für das Fangen der Bosse meist mehrere Anläufe braucht und aus diesem Grund werden im Shop gezielt „Premium-Raid-Pässe“ für 100 Pokémünzen (ca. 1€) angeboten. Der ungeduldige Spieler bekommt so am gleichen Tag eine neue Gelegenheit, an einem Raid teilzunehmen. Darüber hinaus verleitet nicht nur die Sammelleidenschaft zum Kauf eines weiteren Raid-Passes, sondern auch die Verlockung, mit den anderen Spielern gemeinsam von Raid zu Raid zu ziehen.

All diese Spielinhalte zeigen verschiedene Strategien, die Niantic benutzt, um die Spieler/innen zur Investition echten Geldes zu verleiten. Fandom- und Gruppendynamik sowie der Wunsch nach Erfolg und Komplettierung der eigenen Pokémon-Sammlung motivieren die Spieler/innen, Items oder Boxenplätze zu erwerben. Da die In-App-Käufe für einzelne Items nicht sehr teuer sind, sinkt die Hemmschwelle und es wird einfacher gemacht, kleine Beträge hier und da zu investieren. Der Umgang damit ist unterschiedlich: Manche Spieler/innen berichten eher zerknirscht von ihren Investitionen, andere vergleichen die Ausgaben mit denen für einen Kneipenbesuch. Das Verhältnis zu Niantic als Anbieter der App bleibt insgesamt jedoch eher ambivalent, und es haben sich im Fandom bereits viele Aktivitäten entwickelt, mit denen die Firma und ihre Strategien „überlistet“ werden sollen. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich ein weiterer Artikel zum Thema Pokemon Go hier auf dem Blog.

Fiske, John (1992): „The cultural economy of fandom“. In: L. Lewis (Hg.): The Adoring Audience: Fan Culture and Popular Media. London: Routledge, S. 30–38.

Fiske, John (2000): Lesarten des Populären. Wien: Turia + Kant.

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