„Sensei no Kaban“ – eine gefühlvolle Geschichte in prächtigen Bildern

Die beiden Manga-Bände auf Deutsch (Carlsen-Verlag)

„Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ von Taniguchi Jirô ist einer der seltenen Fälle, in denen eine Manga-Umsetzung japanischer Literatur auch ins Deutsche übersetzt wurde. Michael Hons schreibt hier über diese gelungene Adaption des Romans von Kawakami Hiromi, für den sie 2001 in Japan den renommierten Tanizaki-Preis gewonnen hat.

Im Seminar „Moderne japanische Literatur intermedial“ widmeten wir uns den Werken bedeutender japanischer Autoren und prominenten Adaptionen dieser Literatur. Für „Sensei no Kaban“, so der Originaltitel des Romans, haben wir uns im Seminar zuerst die Umsetzung von Taniguchi Jirô angeschaut und diese anschließend mit einem Auszug aus der Literaturvorlage verglichen, so dass wir uns zunächst ganz unvoreingenommen dem Manga-Werk widmen konnten. Der Roman erzählt die Geschichte einer alleinlebenden Frau Mitte 30 namens Tsukiko, die zufällig ihren ehemaligen Japanischlehrer in ihrem Stammlokal, einem Izakaya, wiederbegegnet. Es entwickelt sich schnell eine Freundschaft zwischen den beiden und die Bar wird stets der Ort, an dem sie sich für weitere Unternehmungen verabreden. Langsam entwickelt sich zwischen dem ungleichen Paar eine ungewöhnliche, komplizierte Beziehung.

Das Buch von Hiromi Kawakami müsste der direkten Übersetzung nach eigentlich „Die Mappe des Lehrers“ heißen, aber sowohl der Roman als auch der Manga sind im Deutschen unter dem Titel „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ erschienen, was eine Anspielung auf zu Boden fallenden Kirschblüten ist. Zwar nicht ganz unpassend, denn das Kirschblütenfest ist immerhin Thema einer zweiteiligen Episode im Buch, dennoch ist der Titel eine etwas fragwürdige Entscheidung, die dem Erfolg hierzulande jedoch nicht geschadet hat. Vor allem aber ist diese Titelwahl deswegen schade, weil somit auf die symbolgebende Komponente der Schultasche des Lehrers verzichtet wird.

Die Geschichte ist in 17 Kapitel aufgeteilt. Die Kapitel thematisieren die Begegnungen mit dem Sensei oder ihrem alten Schulfreund Takashi Kojima, der immer noch um Tsukiko’s Gunst buhlt und lesen sich jeweils wie in sich abgeschlossene Episoden oder Kurzgeschichten. Der Manga wurde zudem noch um die zweiteilige Episode „Die Parade“ erweitert, in der Tsukiko eine Geschichte aus ihrer Kindheit erzählt.

Schon auf den ersten Seiten fällt auf, dass generell vieles fehlt, was man aus einem typischen Manga kennt. Da man ja eine Liebesgeschichte vor sich hat, erwartet man zwar grundsätzlich nicht alle Elemente, die man z.B. aus einem Dragon Ball Z-Manga erwarten würde, wie z.B. der Einsatz von Speedlines zur Verdeutlichung der Dynamik in Actionsequenzen. Aber schon der Blick auf die ersten Seiten offenbart die sehr blockartige, klare Struktur der einzelnen Panels. Es gibt keine Auflösung der Panelrahmen sowie einen nur sehr begrenzten, dezenten Einsatz von Lautmalereien, und auf die Darstellung von Emotionen oder Gefühlen durch den Einsatz der bekannten grafischen Elemente wie beispielsweise das Kreuz auf der Stirn bei Wut wird gänzlich verzichtet.

Abb. 1: Manga-Seite aus Band 1

Die für den Mangaka Taniguchi typische realistische Umsetzung der Handlungsorte sowie die zwar sehr facettenreichen, aber auch etwas „comichafter“ gehaltenen Charaktere sind auch hier stilgebend. Das erste Panel eines Auszugs aus dem ersten Band (vgl. Abb 1) zeigt zum Beispiel eine nächtliche Gasse mit vielen Restaurant- und Kneipenschildern als Eröffnungsszene und veranschaulicht den realistischen Charakter dieser von Taniguchi sehr oft verwendeten Umgebungsdarstellungen. Die klare Panelstruktur und die Liebe zum Detail bei der Inneneinrichtung der Bar mit ihren vielen aufgereihten Flaschen ist nicht zu übersehen. Die vom Carlsen-Verlag gewählte Bezeichnung „Graphic Novel“ passt deshalb tatsächlich ganz gut und hat vor allem den Vorteil, dass die deutschsprachige Zielgruppe nicht durch die verschiedenen Klischees, die hierzulande mit dem Begriff Manga verbunden werden, abgeschreckt werden. Die treffendere japanische Bezeichnung für diese Manga-Stilart lautet Gekiga.

Innerhalb der einzelnen Kapitel ist die erzählte Zeit in den meisten Fällen nahezu identisch mit der Erzählzeit. Die Handlung kommt somit nur langsam voran, dafür steht der Moment im Mittelpunkt. Geschuldet ist dies jedoch der akribischen Umsetzung der Romanvorlage – was wir im Seminar jedoch erst später feststellten, nachdem wir einen Auszug aus dem Roman gelesen hatten. Taniguchi verzichtet demnach auch gänzlich auf die typischen dramaturgischen Anpassungen, die transmediale Umsetzungen in der Regel mit sich bringen. Die etwa 10 Seiten langen Kapitel des Romans werden akkurat auf je ca. 22 Seiten pro Kapitel im adaptierten Manga umgesetzt.

Was im Manga sehr schön funktioniert, ist das Spiel mit der Perspektive. Die Umsetzung wirkt somit sehr cineastisch und verdeutlicht die Wichtigkeit der Details durch die wechselnden Blickwinkel zwischen den beiden und zu dem Umfeld, in dem sie sich befinden. Es wird stets der Kontext zum Handlungsort verdeutlicht.

Abb. 2: Manga-Doppelseite aus Band 2

In einem Auszug aus dem zweiten Band (vgl. Abb. 2) kann man den Gebrauch der unterschiedlichen Perspektiven sehr gut sehen. Die Szene findet in einem Ryokan auf einer kleinen Insel statt, auf der Tsukiko und Sensei einen Ausflug machen. Die typisch japanischen Mahlzeiten, die stets ein wichtiges und häufig benutztes Element in der Geschichte sind, werden sehr detailliert und appetitanregend dargestellt. Das nächste Panel zeigt dann eine Vogelperspektive des reichlich gedeckten Tisches und es folgen abwechselnd Panels in Nahsicht, die die Protagonisten beim Essen und unterhalten zeigen. Eine halbnahe Einstellung zeigt sehr schön, wie Sensei den Sake nachschenkt. Auf der rechten Bildhälfte folgt wieder eine Nahaufnahme der inzwischen zur Neige gehenden Speisen. Eine Panoramaansicht der Insel bringt den Handlungsort zurück ins Bewusstsein. Schließlich werden wieder verschiedene Perspektiven von der Seite, von oben und über die Schulter eingesetzt.

Interessant ist die Frage, ob die Geschichte so auch in einem beliebigen anderen Ort der Erde funktionieren würde. Das könnte man auf dem ersten Blick vielleicht für möglich halten, gibt es doch viele Liebesromane oder Filme, die auch von Protagonisten mit ähnlichen Charakterzügen und Sinn-, bzw. Midlifekrisen oder Selbstfindungsambitionen handeln. Doch wenn man sich intensiver mit den beiden Protagonisten beschäftigt, merkt man, dass hier nicht nur ein ungleiches Paar beschrieben wird, sondern es auch darüber hinaus Symbolkraft besitzt. So zeigt sich vor allem eine starke Parallele zwischen Tsukikos dramaturgischer Entwicklung und gewissen kulturellen Tendenzen im gegenwärtigen Japan. Denn Tsukiko ist zwar eine moderne Frau, aber sie ist angetrieben von der Sehnsucht nach einem anderen Leben. Wie in vielen anderen japanischen Gegenwarts-Erzählungen zeigt sich in ihrer Geschichte eine Nostalgie nach vergangenen Epochen, in denen vermeintlich noch mehr Authentizität und Tradition zu finden waren. Auch Tsukiko findet eben solch eine Erfüllung durch ihre Zuneigung zu ihrem alten Lehrer, dem die Tugenden der guten alten Zeit von großer Bedeutung sind. Er benutzt auf seine altmodische Art lieber kein Handy oder zitiert gerne alte japanische Gedichte. Das Ganze manifestiert sich dann, wenn man Einblicke in die traditionelle japanische Wohnung des Sensei mit den Papierschiebetüren, Tatami-Matten und allerlei gesammelten alten Gegenständen wie Becher und Teekannen erhält. Eine so starke Hingabe zu den traditionellen Werten, das Besinnen auf die „gute alte Zeit“ in Verbindung mit dem ganzen Lebensumfeld des Sensei führt dazu, dass auch beim Leser eine gewisse „Shōwa-Nostalgie“ entsteht. Das alles trägt unterschwellig dazu bei, die beiden Charaktere in ihrem Denken, Handeln und Fühlen zu verstehen. Damit diese Frage abschließend jeder für sich beantworten kann, sei folgender Vergleich gegeben: Würde der Film „Lost in Translation“ auch genauso funktionieren, wenn sich hier die beiden Protagonisten in einer anderen Stadt der Erde als Tokyo begegnet wären?

Die ruhige und etwas ereignisarme Handlung der Geschichte macht es nicht leicht, eine generelle Leseempfehlung auszusprechen. Aber für welche Zielgruppe ist der Manga gedacht? Die Geschichte scheint – wie viele Liebesgeschichten – zunächst auf ein weibliches Publikum zugeschnitten, da die stark emotionale Geschichte aus der Perspektive der Protagonistin geschildert wird, mit der sich einige junge erwachsene Frauen sicherlich gut identifizieren können. Trotzdem denke ich, dass auch Leserinnen und Leser, die eigentlich eine ereignisreichere Story mit mehr Action bevorzugen, einen Blick riskieren können. Denn die ruhige Handlung wird in wunderschönen Bildern mit glaubwürdigen Charakteren erzählt. Es wird nie langweilig und man möchte stets wissen, wie sich die Beziehung entwickelt.

Die Geschichte an sich ist nicht besonders lang und somit sind auch die beiden Manga-Bände schnell zu Ende gelesen. Jedoch hätte es aus dramaturgischen Gesichtspunkten sicher nicht geschadet, besonders das letzte Kapitel ein wenig ausführlicher zu gestalten oder auf mehrere Kapitel auszuweiten. Denn gerade hier wird die Entwicklung zwischen den beiden Protagonisten, die die Leserschaft eigentlich schon lange erwartet hat, sowie das tragische aber vorhersehbare Ende nur in einem Kapitel mit 10 Seiten abgehandelt. Das scheint zwar kein würdiger Abschluss für die Geschichte zu sein. Aber man muss auch berücksichtigen, dass der eigentliche Kern der Handlung die langsame Annäherung und die damit verbundenen Ängste der beiden Protagonisten beschreibt. Und somit ist diese Handlung ja auch abgeschlossen, als die beiden ihre Beziehung offiziell gemacht haben.

Michael Hons

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