Yamanashi: Die traurige Berühmtheit des „Selbstmord-Waldes“ Aokigahara

Von Silja Stolp

Flickr, CC  Guilhem Vellut

Die japanische Präfektur Yamanashi ist vielerorts für ihre schöne Natur bekannt. Westlich von Tokio und am südlichen Fuß der japanischen Alpen liegend, weist sie eine Vielfalt von spektakulären Landschaften auf. Doch abseits dieser Idylle liegt ein besonderer Ort, der in den letzten Jahren zu grausiger Berühmtheit gekommen ist. Die Rede ist von Aokigahara, auch genannt „Selbstmord-Wald“. Ebenfalls bekannt unter dem Namen „das Meer von Bäumen“ breitet sich der Forst am Fuße des Fuji über eine Fläche von 3.500 Hektar aus und zieht immer wieder Personen an, die ihres Lebens überdrüssig geworden sind und es im Schutze der dicht wachsenden Bäume beenden wollen. Die Statistiken variieren, doch man geht davon aus, dass sich pro Jahr um die hundert Menschen hier das Leben nehmen. Seit den 1950er Jahren sollen es ca. 6.500 gewesen sein. Von Arbeitslosigkeit, Einsamkeit oder zu hohem sozialen Druck jedweder Hoffnung beraubt, übt Aokigahara einen besonderen Reiz für die Verzweifelten aus. Laut dem Volksmund hat dieser Platz bereits seit dem 19. Jahrhundert einen besonderen Bezug zum Tod. Nicht nur soll man hier den Geistern und der spirituellen Welt besonders nahe sein, auch sollen aus ärmlichen Verhältnissen stammende Familien ihre Ältesten dort im Winter ausgesetzt haben. Verbreitet ist auch teilweise der Glaube an negative Energien, die die Bäume selbst durchdringen, oder an Dämonen (yūrei), welche die Lebenden jagen, wie auch an die Geister der Selbstmörder selbst, die ruhelos umherwandern.


Die Behörden versuchen bereits seit Jahren gegen dieses Phänomen vorzugehen und die Leute vom Freitod abzuhalten. Sicherheitskräfte und Freiwillige patrouillieren um und durch den Wald und es wurden Schilder aufgestellt, die die Suizidgefährdeten noch einmal zum Umdenken anregen sollen und auf Hilfe-Hotlines verweisen. Seit 2003 sollen die Selbstmordversuche ein wenig zurückgegangen sein, dennoch ist der Wald durch die Medien und das Internet auch außerhalb Japans berühmt geworden und hat mittlerweile Einzug in die Populärkultur gehalten. Am Bekanntesten ist hierbei mit Sicherheit der amerikanische Horror-Film „The Forest“ aus dem Jahre 2016, welcher die Geschichte von Sara erzählt, die ihrer in Aokigahara verschollenen Zwillingsschwester Jess hinterher reist und versucht diese mit der Hilfe ihres Freundes zu finden und zu retten.

Doch auch in diversen Manga findet der Wald Erwähnung. Die seit dem Jahre 2002 fortlaufende Horror-Reihe „The Kurosagi Corpse Delivery Service“ von Eiji Otsuka erzählt von fünf Studenten, die sich in Aokigahara treffen, dort die Leiche eines Selbstmörders finden und sich von da an mit den Verstorbenen und ihren letzten Wünschen auseinander setzen. In der Reihe „I am a hero“ von Hanazawa Kengo, die von 2015 bis 2017 publiziert wurde, verbringt der Protagonist Suzuki Hideo gezwungenermaßen eine Nacht im „Meer der Bäume“. Neben weiteren Erwähnungen in Manga und Büchern (z.B. „Suicide Forest“ von Jeremy Bates aus dem Jahre 2015 oder  „The Three: A Novel“ von Sarah Lotz aus dem Jahre 2014) hat Aokigahara auch in Videospiele und die Musik-Branche Einzug gehalten. Seit 2014 können Spieler in dem WiiU-Spiel „Fatal Frame: Maiden of black water“ in einem von Aokigahara inspirierten Horror-Wald um ihr Überleben kämpfen. Die Alternative/Indie-Band Secret Grief aus Michigan 2015 ein gesamten Album nach dem Ort benannt („The Sea of Trees“) und ein Lied auf dieser CD „Aoikgahara“ betitelt.

Diese zunehmende Medien-Präsenz hat in Yamanashi ein weiteres Phänomen hervorgebracht, das als „Dark Tourism“ bezeichnet wird. Dabei reist man an unheimliche Schauplätze, die eine kriegerische, blutige, paranormale, brutale oder in einer anderen Art und Weise schaurige Vergangenheit haben. Auf der Suche nach noch mehr Nervenkitzel und Grauen versuchen sich auch einige dieser Touristen direkt vor Ort in dessen Geschichte einzufühlen. Beliebte Reiseziele sind unter anderem das Sperrgebiet von Tschernobyl, das Konzentrationslager Auschwitz oder die Puppen-Insel Isla de las Muñecas in Mexiko. Im Rahmen des Katastrophentourismus zahlen die Urlauber teilweise viel Geld für Bustouren, Führungen oder sogar Souvenirs. Forscher geben an, dass die Ursachen für diesen Trend vielfältig sind. Neben dem schon oben erwähnten Nervenkitzel auch die Faszination des Todes allgemein, finden sich der Wunsch nach einem Urlaub der etwas anderen Art allgemein oder schlicht und einfach ein ehrliches Interesse an der besonderen Historie des Platzes sind.

Einen Tagesausflug nach Aokigahara zu organisieren ist in der heutigen Zeit des Internets nicht schwer. Für ca. 150€ bekommt erhält man ein Gesamtpaket, das den Transport zum Wald, Eintrittsgelder für bestimme Bereiche und eine Führung direkt vor Ort umfasst. Neben einer vielfältigen Fauna können hierbei auch natürlich entstandene Höhlen betrachtet werden, allen voran die Narusawa-Eishöhle, die für Privatpersonen nicht zugänglich ist und nur im Rahmen einer bezahlten Besichtigung betreten werden darf. Nach Abschluss der Tour soll zudem die Möglichkeit bestehen, sich an einem Stand Souvenirs zu kaufen. Während es ungefährlich ist, das Gehölz in Begleitung eines erfahrenen Führers zu betreten, wird eindringlich davon abgeraten Aokigahara alleine zu erkunden. Das wild wuchernde Dickicht, der hügelige Boden wie auch ein hohes Eisenvorkommen in den Felsen des Waldes, welches Kompasse merkbar beeinträchtigt, machen es leicht sich zu verirren und im schlimmsten Fall nicht mehr heraus zu finden. Eine Statistik, wie viele Touristen jährlich den Wald aufsuchen, wurde bisher noch nicht veröffentlicht, doch es ist stark anzunehmen, dass durch die zunehmende Berühmtheit auch die Anzahl der Touristen steigt. Bereits heute zieht Aokigahara Touristen aus aller Welt an und wird durch seine düsterere Geschichte und Popularität seine unheimliche Anziehung nicht allzu schnell verlieren.

Quellen
https://www.jnto.go.jp/eng/regional/yamanashi/index.html
https://www.tripadvisor.de/Attractions-g298127-Activities-Yamanashi_Prefecture_Chubu.html#ATTRACTION_SORT_WRAPPER
https://www.tsunagujapan.com/10-must-see-places-in-yamanashi/
http://www.yamanashi-kankou.jp/english/index.html
http://www.spukorte.de/html/aokigahara.html
https://www.welt.de/reise/Fern/article162864227/Die-makabre-Legende-des-Aokigahara-Waldes.html
https://asienspiegel.ch/2010/11/der-wald-der-selbstmorder/
http://mysteriousfacts.com/aokigahara-the-suicide-forest-of-japan/
http://www.theforest-derfilm.de/aokigahara/
http://www.filmstarts.de/kritiken/229209.html
http://allthetropes.wikia.com/wiki/The_Kurosagi_Corpse_Delivery_Service
https://www.dailydot.com/parsec/fatal-frame-maiden-of-black-water-review/
https://secretgrief.bandcamp.com/album/the-sea-of-trees
http://www.rottenplaces.de/main/dark-tourism-reisen-an-orte-des-schreckens-24139/
http://www.fr.de/panorama/dark-tourism-urlaub-im-reich-des-boesen-a-316494
https://www.tripadvisor.co.uk/AttractionProductDetail?product=2142_TYO_F850&d=1382939&aidSuffix=tvrm&partner=Viator
http://www.mirror.co.uk/news/world-news/japans-suicide-forest-dozens-choose-7435578

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