Japanische Literatur als Anime – Aoi Bungaku Series

Abb. 1: Die Parade des Königs in „Kumo no ito“; Abb. 2: Höllendarstellung

Klassiker der modernen japanischen Literatur, aufgefrischt für ein junges Publikum von bekannten Anime-Künstlern: Nadine Schmidt stellt die Serie Aoi Bungaku aus dem Jahr 2009 vor.

Für all diejenigen, die sich gerne mit japanischer Literatur befassen, jedoch kein Buch in die Hand nehmen möchten, hat das Studio Madhouse mit seiner Anime Serie Aoi Bungaku Series (青い文学シリーズ) eine Lösung parat. In Zusammenarbeit mit bekannten Mangaka wie Kubo Taito (Bleach) und Obata Takeshi (Death Note) wurden 12 Folgen produziert, die auf sechs berühmten Werken japanischer Autoren beruhen. Diese sind Ningen Shikkaku von Dazai Osamu (dt. „Gezeichnet“, 1-4), Sakura no Mori no Mankai no Shita von Sakaguchi Ango (dt. „Unter der vollen Blüte im Kirschbaumwald“, 5-6), Kokoro von Natsume Sôseki (7-8), Hashire Merosu von Dazai Osamu (dt. „Lauf Melos, lauf!“, 9-10), Kumo no Ito von Akutagawa Ryûnosuke (dt. „Der Faden der Spinne“, 11) sowie Jigokuhen, ebenfalls von Akutagawa (dt. „Qualen der Hölle“, 12).

Der Titel der Serie lässt sich mit „Blaue Literatur Serie“ übersetzen, wobei aoi ursprünglich die Farbe junger Reispflanzen (ein Farbton zwischen Blau und Grün) bezeichnete und in diesem Fall im Sinne von „frisch, aktuell“ bzw. „Evergreens“ verstanden werden kann. Dementsprechend lautet das Motto der Serie „Meisaku koso aoi“ – „Berühmte Werke bleiben aktuell“. Moderiert wird die Serie von Schauspieler Sakai Masato, der in der Einleitung der Serie erklärt, viele Leute hätten keinen Bezug mehr zu Klassikern des literarischen Kanons, weil sie diese für alte Kamellen hielten oder während ihrer Schulzeit gezwungen waren sie zu lesen. Allerdings könne man sich heute noch mit den Gefühlen und Problemen der Protagonisten identifizieren. Sie erinnerten uns an uns selbst und daran, dass Leben und Schmerz Hand in Hand gehen. Aus diesem Grund versucht die Serie, durch das Medium Anime frischen Wind in den altbekannten Stoff zu bringen, um ihn so den Zuschauern wieder schmackhaft zu machen. Zu diesem Zweck vermittelt Sakai außerdem vor jeder Folge Hintergrundwissen zur Biographie des Autors, zur Entstehung des Werkes sowie zur zeitgenössischen Rezeption. Die Adaptionen weichen dann doch häufig recht stark vom Original ab, allerdings bleiben die Geschichten in ihrer Essenz erhalten. Wie diese Umgestaltung aussehen kann, soll im Folgenden anhand der 11. Folge, Kumo no Ito („Der Faden der Spinne“), exemplarisch geschildert werden. 

Kumo no Ito ist die erste Kurzgeschichte von Akutagawa Ryûnosuke, die der Kinderliteratur zugeordnet werden kann. Sie wurde 1918 in dem Kindermagazin Akai Tori veröffentlicht und von Akutagawas Zeitgenossen sehr positiv aufgenommen. Die Geschichte handelt von dem Verbrecher Kandata, der wegen seiner zahlreichen Missetaten in der Hölle schmoren muss. Buddha wird eines Tages beim Spaziergang um seinen Lotusteich, durch den er in die Hölle sehen kann, auf Kandata aufmerksam. Er erinnert, dass Kandata in seinem Leben eine einzige gute Tat vollbracht hat – er hat das Leben einer Spinne verschont. Für diese eine gute Tat soll er eine zweite Chance erhalten, und so lässt Buddha für ihn den Faden einer Spinne hinab in die Hölle, mithilfe dessen er hinauf ins Paradies klettern kann. Der Aufstieg ist für Kandata mühselig, auf halben Wege ist er kurz davor aufzugeben. Als er jedoch sieht, wie weit er gekommen ist, lacht er glückselig und findet neue Kraft. Kurz darauf bemerkt er andere Sünder, die ebenfalls begonnen haben, den Faden heraufzuklettern. Aus Furcht, der Faden könne die Last nicht tragen, schreit er sie an, sie sollten loslassen. Der Faden gehöre ihm allein. Just in dem Augenblick reißt der Faden kurz über der Stelle, an der Kandata ihn festhält, sodass er zurück in den Blutteich der Hölle stürzt. Buddha bedauert, dass Kandatas Unbarmherzigkeit ihn um seine Erlösung gebracht hat. Es handelt sich also um eine Art Fabel für Kinder mit einer eindeutigen moralischen Botschaft.

Anders als die Kurzgeschichte beginnt die Anime-Folge zu Kandatas Lebzeiten mit einem Feuerwerk über der Stadt, in der er sein Unwesen treibt. Abwechselnd werden Szenen einer Parade und die des nächtlichen Raubzugs Kandatas gezeigt. Sie stehen im starken Kontrast zueinander: während die Parade zu Ehren des Herrschers in bunten Pastelltönen und Weiß gehalten ist und von fröhlicher Musik wie ausgelassenen Jubelrufen belgeitet wird (Abb. 1), sind Kandatas Szenen eher dunkel, von Rottönen beherrscht und von Angstschreien durchdrungen. Während in der Parade akrobatische Kunststücke aufgeführt werden, liefert sich Kandata einen blutigen Kampf mit der Stadtwache. Durch diesen ständigen Kontrast wirkt die Parade eher grotesk und surreal, wie ein Gemälde Salvador Dalís, während Kandatas Szenen umso grausamer erscheinen. Am Rande des Geschehens sitzt stets eine Spinne, deren acht Augen Kandata zu beobachten scheinen. Das Setting ist dabei nicht eindeutig zuzuordnen, da weder Kleidung noch Architektur auf eine bestimmte Epoche oder Region festgelegt werden können. Alles erinnert entfernt an das Heian-zeitliche Japan, auf dem Festwagen des Herrschers sind zudem Chrysanthemen abgebildet, ein Symbol des japanischen Kaiserhauses. Die Kopfbedeckungen der Leute hingegen wirken wie aus dem europäischen Mittealter entnommen. Insgesamt könnte das Setting also als eine Art fantastisches Japan der Vergangenheit bezeichnet werden.

Der Großteil der Folge widmet sich Kandata zu seinen Lebzeiten, womöglich um die 23 Minuten mit mehr Action zu füllen und so ansprechender für ein breites Publikum zu gestalten. Die detailreiche Darstellung seines mörderischen Beutezugs durch die Stadt verdeutlichen zudem seinen schlechten Charakter. Zu Kandatas Verhängnis wird schließlich ein kleiner Junge, der ihm, als Rache für den Tod seiner Mutter, ein Messer in die Seite rammt. Als er sich blutend und geschwächt in einer dunklen Ecke versteckt, begegnet Kandata der Spinne, die ihn zuvor beobachtet hatte. Er beschließt sie nicht zu töten, angerührt von dem Schicksal des Jungen. Interessant ist die darauffolgende Hinrichtungsszene, die der Geschichte eine weitere Bedeutungsebene hinzufügt. Auf die Frage des Herrschers, ob Kandata nicht um sein Leben betteln wolle, antwortet dieser, er sehe keinen Sinn im Leben, das für ihn nur aus einer Reihe sich wiederholender bedeutungsloser Tage bestehe. Er schere sich daher nicht darum, in dieser Welt zu bleiben.

Die Szene seines Todes sowie sein Erwachen in der Hölle weisen Parallelen zum Beginn der Folge auf: man sieht, wie ein Feuerwerk den Nachthimmel über der Stadt erhellt, gefolgt von bunten, surrealen Gestalten, die an die Parade zu Ehren des Herrschers erinnern. Zunächst scheinen sich also sein Leben und das Leben nach dem Tod zu ähneln. In der Hölle sieht Kandata jedoch psychedelische Visionen davon, wie er immer wieder stirbt, erstochen von sich selbst und den Leuten, die er zu Lebzeiten getötet hat, gemischt mit sprechenden Blumen wie aus Alice im Wunderland (Abb. 2) und amorphen Riesen, die ihn zu zerquetschen drohen. In Verzweiflung schreit er um Hilfe. Folglich scheint er den Wert des Lebens erkannt zu haben. Die Spinne, die im Anime die Rolle Buddhas aus der Kurzgeschichte einnimmt, hat Mitleid mit Kandata und lässt ihren Spinnenfaden für ihn herab. Um seine egoistische Natur zu verdeutlichen, wird zuletzt gezeigt, wie Kandata die anderen Sünder mit Füßen tritt. Der Faden reißt, die Spinne wendet sich ab.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Kube Taito versucht mit mehr Action, Blutfließen und surreal-psychedelisch anmutenden Szenen Akutagawas Kindergeschichte Anime-tauglich aufzumotzen. Außerdem wurde der Moral des Originals („Egoismus ist schlecht“) noch eine lebensbejahende Botschaft hinzugefügt. Auch wenn unser Leben uns zeitweise wie die Hölle auf Erden erscheint, ist es doch einem Besuch im Blutteich deutlich vorzuziehen.

Wer mehr über die Hintergründe zu Akutagawas Kumo no Ito erfahren möchte, dem empfehle ich Akutagawa Ryunosuke’s „The Spider’s Thread“: Translation and Commentary
von Timothy M. Kelly, zu finden hier.

Nadine Schmidt

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