„Attack on Titan“ und die letzte Bastion der Menschheit in Ôita

Von Christine Herrmann

Sandskulptur eines Titanen in Ôita; Flickr, CC ume-y

Wir wagen einen Spaziergang entlang eines gewöhnlichen Staudamms in Japan. Wir sind uns sicher: Das graue, triste Bauwerk kann niemals Anlass für einen Besuch des Städtchens Oyama in der Präfektur Ôita auf der Insel Kyûshû sein. Vielmehr ist es der Stausee um den Damm herum, der uns einen schönen Ausblick mitsamt der hügeligen, grünen Landschaft bietet. Doch erstaunlicherweise zeigt sich dieser Ort in den Augen vieler Besucher aus einem gänzlich anderen Blickwinkel. Zentraler Anlass für ihren Besuch ist tatsächlich der unscheinbar wirkende Damm, nicht die Idylle um ihn herum.

Fans der äußerst populären Manga- und Animeserie „Attack on Titan“ (Shingeki no kyojin) hörten das Gerücht, der Damm hätte für Autor Isayama Hajime, der in Oyama geboren und aufgewachsen ist, als Inspirationsquelle für die berühmt berüchtigten drei Mauerringe der Serie gedient. Seitdem werden hier unter anderem aufwendige Fan-Events veranstaltet, bei denen Verehrer der Serie beispielsweise einen riesigen Titanen auf dem Damm platzieren. In der Fiktion durchdringen diese Mauer die monströs großen, menschenähnlichen Riesen, Titanen genannt, nachdem seit dem Ausbruch der Apokalypse hundert Jahre Frieden die Bedrohung fast vergessen ließen.

Die Serie bedient sich an der allgemein bekannten Erfolgsformel der apokalyptischen Dystopie, gepaart mit Fantasy-Elementen: Die Menschheit ringt um ihr Überleben in einem schier aussichtslos wirkenden Kampf gegen einen übernatürlichen, grausamen Feind. Ähnlich wie die Zombies aus der AMC-Serie „The Walking Dead“ (2009-) dürsten die Titanen nach Menschenfleisch, was die Auslöschung der Menschheit bedeuten könnte. Doch keine existentielle Not treibt die Titanen an, sondern eine andere Art von Hunger, die reine Mordlust. Die Schutz bietenden Mauern bewahren die Menschheit also vor dem Einfall einer mysteriösen, alles vernichtenden Macht.

Wie könnte man sich die plötzliche Verehrung des Staudammes erklären? John Urry hat sich mit seinem Buch The tourist gaze: leisure and travel in contemporary societies dem „touristischen Blick“ gewidmet und beschreibt, wie die mediatisierte Präsentation eines Ortes sein Original symbolisch auflädt. In unserem Beispiel romantisiert die Serie unbeabsichtigt einen objektiv betrachtet eher uninteressanten Staudamm. Die Faszination für die Serie überträgt sich also auf seine Konsumenten, Repräsentation und Wirklichkeit verschwimmen.

Im Internet wird Oyama als „Real-life Home“ der Serie beworben und greift damit das Phänomen „Anime Pilgrimages“ (Seichi junrei) auf, das seit einigen Jahren durch ganz Japan geistert. 2016 hat der Anime „Your name“ (Kimi no namae) einen regelrechten Boom dieser Praxis hervorgebracht. Fans beliebter Manga- und Animeserien begeben sich auf eine „Pilgerreise“ zu den realen Orten, zu „heiligen Stätten“, die als Vorlage für die Serien dienen und auf diesem Weg rege Aufmerksamkeit erfahren. Sakai Tohru, Professor der Kanazawa Gakuin Universität in Japan, sieht hier einen neuen Tourismuszweig, der sich etabliert. Dies zeigt sich auch konkret im Aufkommen neuer Interessensverbände: Im Zuge dieser neuen Hochkonjunktur gründete Publisher Kadokawa in Kooperation mit weiteren Instanzen im September 2016 eine Anime-Tourismus-Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in Anlehnung an die 88 berühmten Pilgerorte Japans, 88 heilige „Anime-Pilgerstätten“ durch Online-Wahlen zu ermitteln (zu finden auf: http://animetourism88.com/en/). Sakai beschreibt den nun aufkommenden Traum einer jeden Region, zu einer Vorlage eines potentiell erfolgreichen Mangas oder Animes erkoren zu werden. Diverse Zusammenarbeiten von Animeproduzenten mit lokalen Autoritäten sollen laut Sakai bereits erfolgt sein.

Im Falle Oyama trägt sogar Autor Isayama Hajime persönlich zur touristischen Umsetzung seiner Serie bei, indem er mit lokalen Geschäften kooperiert. Man könnte daraus schließen, er wolle seinen Heimatort für Fans in einen authentischen „Attack on Titan-Pilgerort“ verwandeln, um „Pilgerreisen“ dieser Art zu einem möglichst lohnenswerten Erlebnis zu machen. Wie eine Art Ausstellungsraum oder Museum dient dabei auch der lokale Getränkespezialist Kôbô Ushuku: Den Kunden begrüßt bereits vor dem Eintreten auf Fenstern und Türen geklebt ein Titan im Papiergewand. Im Laden findet man noch mehr Papierbasteleien, unter anderem einen ca. fünf Meter hohen Titanen; Schüler der alten Grundschule Isayamas haben diese Werke beigesteuert. An den Wänden hängen auch einige seiner Zeichnungen sowie Kinderfotos. Exklusivität steht bei dieser Kooperation an erster Stelle: Eine limitierte Pflaumenweinflaschenedition gibt es nur hier zu kaufen, was daher kommt, dass die Familie Isayama früher Pflaumen anbaute. Auch beim Pflaumenweinspezialisten Umeshu Senmon-Kura findet man Wein, zusammen mit weiteren exklusiven Designs, Autogrammen sowie einiger persönlicher Nachrichten an die Fans. Wie in einigen Besuchervideos zu entdecken, findet man in der Stadt noch diverse Verkaufsstände, die allerlei Souvenirs anbieten.

Höhepunkt der Kooperation Isayamas mit seiner Heimatregion war die „Attack on Titan“-Ausstellung, die im August 2015 in Ôitas regionalem Kunstmuseum unter dem Namen „Attack on Titan Exhibition – WALL ÔITA“ als Fortsetzung der vorherigen Ausstellung in Ueno, Tôkyô stattfand und einige beeindruckende „Attack on Titan“-Kreationen zu bieten hatte. Hier zeigten sich die Titanen unter anderem platziert auf realen Bildern touristischer Attraktionen Kyûshûs, wie der Kumamoto-Burg, dem Fukuoka-Turm oder der Megane-Brücke in Nagasaki. Hier verschmelzen einmal mehr Realität und Fiktion miteinander. Die Eröffnungszeremonie begleiteten Isayama, der Direktor des Publishers Kodansha Niimi Takashi, sowie lokale Autoritäten und Sponsoren.

Was für einen Stellenwert könnten die „Anime Pilgrimages“ in Kyûshû und insbesondere der Präfektur Ôita in Bezug auf den Tourismus einnehmen? Kyûshû ist mit seinem milden Klima, seiner aktiven Vulkane (Aso als größter Krater der Welt, 17 Millionen Besucher jährlich) und der idyllischen Landschaften, seiner großen Anzahl an heißen Quellen, seiner geschichtsreichen Vergangenheit, sowie seiner Kultur (Töpferzentren, Messerschmieden) bereits ein attraktives Reiseziel. Die Präfektur Ôita ist ein besonders beliebter Zielort, hier befindet sich unter anderem mit Beppu, bekannt als „Onsen-Hauptstadt“ und aufgrund seiner optischen Besonderheit, des Wasserdampfes, „Hölle Japans“ genannt, ein Paradies für Onsen-Liebhaber. Jährlich strömen zwischen 11 bis 12 Millionen Menschen in die Stadt. Die Stadt Hita, zu der Oyama gehört, hat auch einiges zu bieten, historische Gebäude zieren die Straßen der Altstadt, man nennt Hita deshalb auch Kyûshûs „Mini-Kyôto“. In Hita befindet sich auch eine Sapporo-Brauerei, Onsen können ebenfalls besucht werden. Eine thematische Ausweitung auf den Bereich der Populärkultur könnte eine Bereicherung für die Region und ihre touristischen Ziele darstellen. Die Entwicklungstendenzen der Region scheinen positiv: Zur WM 2002 konnte man in Ôita ein neues Fußball-Stadion fertigstellen, eine Schwester-Universität der Ritsumeikan-Universität aus Kyôto wurde ebenfalls hier eröffnet (Ritsumeikan Asia Pacific University). Die Pläne lokaler Politiker, Ôita als einen „Happening Place“ neu zu erfinden, scheinen zu fruchten, die „Attack on Titan“-Ausstellung alleine lockte tausende Besucher in die Stadt.

Quellen
SAKAI, Tohru (2017): Anime “Pilgrimages” Create New Tourist Destinations. http://www.nippon.com/en/currents/d00308/ (letzter Zugriff: 05.06.2017)
URRY, John (1990): The tourist gaze: leisure and travel in contemporary societies. London: Sage.
http://de.attackontitan.wikia.com/wiki/Shingeki_no_Kyojin_Wiki (letzter Zugriff: 05.06.2017)
http://www.crunchyroll.com/anime-news/2015/07/06-1/attack-on-titan-invades-kyushu-with-wall-oita-exhibition (letzter Zugriff: 05.06.2017)
https://otakumode.com/news/549510d61d069af24eb954e7/%E2%80%9CAttack-on-Titan-Exhibit%E2%80%9D-Advances-on-West-Japan-Touring-Exhibit-Coming-to-Oita-and-Osaka (letzter Zugriff: 05.06.2017)
http://www.dentsu.com/business/showcase/attackontitan_oita.html (letzter Zugriff: 05.06.2017)
https://www.youtube.com/watch?v=qJMbJucVwJM (letzter Zugriff: 05.06.2017)
http://animetourism88.com/en/ (letzter Zugriff: 05.06.2017)
https://izanau.com/article/attack-on-titan-pilgrimage (letzter Zugriff: 05.06.2017)
http://www.lonelyplanet.com/japan/kyushu/introduction (letzter Zugriff: 05.06.2017)
https://books.google.de/books?id=N9skAgAAQBAJ&pg=PA246&lpg=PA246&dq=tourism+beppu+figures&source=bl&ots=xcseqcRWLq&sig=zboZrac6pCq1J2kwzX6-7nBqO-I&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi-xuXxh6fUAhVPL1AKHYRzAn8Q6AEIOzAC#v=onepage&q=tourism%20beppu%20figures&f=false (letzter Zugriff: 05.06.2017)
https://www.welt.de/reise/Fern/article118861109/Kyushu-die-Insel-der-letzten-Samurai.html(letzter Zugriff: 05.06.2017)
http://wikitravel.org/en/Hita (letzter Zugriff: 05.06.2017)
http://www.japanvisitor.com/japan-city-guides/oita-city-guide(letzter Zugriff: 05.06.2017)

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