Hakone in Kanagawa: Das Weltuntergangsszenario aus „Neon Genesis Evangelion“ als Fan-Pilgerstätte

Von Maria Neumann

EVA-Getränkeautomaten in Hakone; Flickr, CC Alfisti116

Die japanische Kleinstadt Hakone in der Präfektur Kanagawa befindet sich im gebirgigen Vorland des Berg Fuji und liegt mit nur ca. 80 Kilometern nicht unweit der Hauptstadt Tokyo entfernt. Umgeben von Bergen und Vulkanen hat die Natur unter anderem den Kratersee Ashi no ko (dt. Ashi-See) und zahlreiche Onsen (Thermalquellen) hervorgebracht, weshalb sich die Region durch letztere sowohl bei Japanern als auch bei Touristen aus dem Ausland als (Nah-)Erholungsgebiet großer Beliebtheit erfreut. Doch seit einigen Jahren stellt Hakone auch für viele Anime- und Mangafans ein interessantes Reiseziel für seichi junrei – zu Deutsch „Pilgerschaft“ – dar, im populärkulturellen Kontext die Bezeichnung für den Besuch von realen Orten, welche als Schauplätze eines Mediums, beispielsweise eines Anime, dienen und von Fans somit als „heilig“ angesehen werden.

Dabei ist der Schauplatz des Mediums, um das es hier geht, nicht unbedingt eines, welches man in der Form, wie sie im Anime/Manga dargestellt wird, „besuchen“ möchte: Und zwar handelt es sich um die dystopische Welt des Franchise Neon Genesis Evangelion (kurz NGE oder Evangelion, jap: Shinseiki Evangerion), welches von Regisseur Anno Hideaki und dem Produktionsstudio Gainax 1995 begründet wurde. Mit einer Animeserie, fünf Filmen und einer auf den Anime basierenden Mangareihe zählt NGE bis heute zu den international erfolgreichsten Animeproduktionen und hat auch nach über zwanzig Jahren seit der Erstausstrahlung eine solide Fanbase vorzuweisen. Die Sci-Fi-Serie spielt im Jahr 2015, allerdings in einer ganz anderen Welt, als wir sie in dem Jahr erlebt haben: Kreaturen unbekannter Herkunft, „Engel“ genannt, greifen die Menschheit an und haben bereits die Hälfte der Weltbevölkerung ausgelöscht. Das einzige, was die Engel aufzuhalten können scheint, ist die Organisation NERV und ihre als Evangelion (EVAs) bezeichneten Kampfroboter, welche nur von den drei 14-jährigen Protagonisten der Serie – Shinji, Asuka und Rei – gesteuert werden können.

Als Bühne für NGE dient zwar Neo Tokyo-3 (jap.: Dai-san shin Tōkyō-shi), allerdings bezeichnet dies nicht das heutige Tokyo (dieses ist bereits komplett zerstört), sondern eine fiktive Stadt am Nordufer des Ashi-Sees in Hakone. Auch andere Orte in Hakone werden innerhalb der Serie gezeigt: so sieht man beispielsweise zu Beginn des Anime Shinji am Bahnhof Hakone-Yumoto ankommen, in späteren Folgen schwebt ein oktaederförmiger Engel über dem Ashi-See und ein gewaltiger Kampf EVA gegen Engel wird am Berg Kintoki ausgetragen. Nun findet man im echten Hakone nirgends NERV-eigene Bunker, Kondensoren-Türme oder versenkbare Hochhäuser und auch die EVAs gibt es selbst als Nachbauten nicht zu bestaunen. Doch stattdessen werden, angetrieben vom Anime-Pilgerschafts-Boom, andere Angebote zur Verfügung gestellt, um Evangelion-Fans von Hakone als attraktives Reiseziel zu überzeugen.

Zum einen wurde 2012 im Erdgeschoss des Bahnhofs Hakone-Yumoto, welcher für NGE-Begeisterte schon ursprünglich ein Pilgerziel darstellte, der Evangelion-Fanshop Eva-ya (えう”) eröffnet. Es stellt das zweite, auf Evangelion-Merchandise spezialisierte Geschäft seiner Art dar, doch anders als sein erster Ableger in Tokyo ist dieses nicht (wie man es vom NGE-Universum erwarten würde) futuristisch und minimalistisch eingerichtet, sondern soll mit seiner hölzernen Fassade und Papierlaternen im Interieur das Flair von einem japanischen onsen-gai, also eine Häuserflucht mit traditionell eingerichteten japanischen Hotels, Geschäften und Bädern innerhalb eines Kurortes, vermitteln. Auf die für Hakone typischen Thermalquellen spielen auch die limitierten Fanartikel an, auf denen Shinji, Asuka und Rei in Yukata abgebildet sind oder gemeinsam ein Fußbad nehmen. Somit geht das Eva-ya über einen gewöhnlichen Fanshop hinaus und fungiert ebenfalls als Souvenirladen mit omiyage aus Hakone.

Neben dem Eva-ya ist für Evangelion-Anhänger ebenso der Convenience Store der Kette Lawson in der Nähe der Bushaltestelle Kintoki-tozanguchi am Fuße des Berg Kintoki (der, wie oben erwähnt, ebenfalls als Kulisse für NGE diente) sicherlich einen Besuch wert. Als Lawson-Filiale Neo Tokyo-3 ausgeschildert, ist dieser 24-Stunden Supermarkt nicht nur mit einer Fülle an bunten Evangelion-Pappaufstellern und -Bannern geschmückt, sondern zählt auch Evangelion-eigene Süßigkeiten, Taschentücher, Dosenkaffee, sogar Manga und Figuren zu seinem Sortiment. Jeder Einkauf wird in eine mit dem NERV-Logo bedruckte Plastiktüte gepackt und selbst die dort arbeitenden Verkäufer tragen ausschließlich Jacken mit demselben Logo.

Auch die Hakone Tourist Association machte sich die Beliebtheit von Neon Genesis Evangelion zu Nutze und richtete passend zum zwanzigjährigen Jubiläum des Anime 2014 eine Stamp-Rallye (Wettbewerb mit dem Ziel, möglichst viele Stempelabdrücke von Stempeln an bestimmten Orten zu sammeln) mit Augmented Reality-Elementen ein. Anhand einer speziell für dieses Event konstruierten Smartphone-App und GPS erhalten die Teilnehmer Informationen über ihren Aufenthaltsort und Wegbeschreibungen zu den Stempelorten, welche in vielen Fällen mit den Schauplätzen des Anime zusammenfallen. An diesen angekommen, werden anhand der AR-Funktion der App auf dem Bildschirm des Handys Items und Charaktere aus dem NGE-Universum, wie zum Beispiel einen lebensgroßen EVA angezeigt. Auf der Suche nach Stempelpunkten werden die Evangelion-Fans also dazu angeregt, eine Wandertour durch Hakone zu unternehmen und gleichzeitig die dortigen Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Teilnehmer gerecht zu werden, werden insgesamt zwölf verschiedene Routen angeboten, die sich durch ihren Content und in ihrer Länge sowie der Erreichbarkeit zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Autos unterscheiden.

Das Reiseunternehmen MUSEE TRAVEL, welches hauptsächlich weibliche Touristen als Zielgruppe hat, veranstaltete ebenfalls zum Jubiläum von Evangelion an zwei Sonntagen im September 2015 eine eintägige Bustour nach Neo Tokyo-3. Im Programm miteinbegriffen war neben der Besichtigung der (Kampf-)Kulissen aus Anime und Film und einem Besuch des oben vorgestellten Lawson ein Mittagessen à la Evangelion im vier-Sterne-Hotel Hakone Sengokuhara Prince. Dieses bestand aus einem vier-Gänge-Menü mit Gerichten deren Form und Aussehen an Neon Genesis Evangelion angelehnt war. Außerdem wurde die Bustour geschickt mit einer zur selben Zeit abgehaltenen Ausstellung zu Evangelion in der Raststätte EXPASA Ashigara auf der Autobahnstrecke zwischen Tokyo und Nagoya kombiniert. Nicht nur war eine komplette Halle der Einrichtung wie das NERV-Hauptquartier ausgestattet – ein riesiges Modell von Shinjis Evangelion Unit-01 wurde ebenfalls ausgestellt. Neben diesen Highlights gab es für die Besucher(-innen) der Bustour die Möglichkeit, am Automaten Fotosticker mit ihren Lieblingscharakteren zu machen und Merchandise einzukaufen. Am Ende des Kurztrips wurde an alle Teilnehmer(-innen) eine limitierte Kosmetiktasche mit den Silhouetten der EVA-Piloten als Geschenk überreicht.

Neon Genesis Evangelion stellt ein interessantes Beispiel für Serien dar, welche trotz ihrer düsteren Thematik, wie hier dem Untergang der Menschheit, aufgrund ihrer Popularität der Werbung und letztendlich auch der Tourismusindustrie ihrer realen Schauplätze zu Gute kommen.

Quellen:
http://li-vvon.com/arcticle/286 (Stand: 17.05.2017)
http://www.evastore2.jp/evaya/ (Stand: 17.05.2017)
https://www.kotaku.com.au/2010/04/the-neon-genesis-evangelion-convenience-store/ (Stand: 17.05.2017)
https://www.hakone.or.jp/eva/ (Stand: 17.05.2017)
http://eva-gate.jp/index.php?mmmsid=evaml&actype=report_view&report_id=report_876&obj_id=report_876&seq_id=876&category=special (Stand: 17.05.2017)

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