Gifu: Alte Dörfer, idyllische Städte und Anime

Von Timo Spiske

Shirakawago; Flickr cc, Roger Walch

Wohin reist der durchschnittliche Japan-Reisende während seines/ihres Japanaufenthaltes? Da hätten wir zum einem die Klassiker: Tokyo, Kyoto, Osaka, Hiroshima und vielleicht Okinawa. Kleinere Städte und (zumindest für Nicht-Japaner) eher weniger bekannte Präfekturen sind vor allem, wenn überhaupt, bei Bustouren im Programm. So zum Beispiel die Präfektur Gifu. Gelegen im Zentrum Japans, nördlich von Nagoya, war Gifu früher eine wichtige Provinz, wenn es darum ging Japan zu erobern und zu kontrollieren. Gifu hat jedoch, außer seiner strategisch günstigen Lage, auch touristisch viel zu bieten. In diesem Beitrag wollen wir einen Blick auf die Sehenswürdigkeiten Gifus werfen, sowie ergründen, wie die Präfektur Medien einsetzt, um für sich zu werben. Sehenswert sind vor allem Shirakawago, ein historisches Dorf und Weltkulturerbe, die Stadt Takayama, auch genannt kleines Kyoto, sowie die Hauptstadt Gifu.

Shirakawago ist ein kleines Dorf, dessen Behausungen im traditionellen sogenannten Gasshô-zukuri (合掌造り) Stil errichtet sind. Dieser zeichnet sich durch die mit Stroh bedeckten Dächer, die so konstruiert sind, dass im Winter der meterhoch fallende Schnee gut abrutschen kann, sowie durch mehrere Stockwerke aus. In den oberen Stockwerken wurde in der Vergangenheit oft Seidenraupenzucht betrieben. Besuchern ist es möglich diese Häuser zu besichtigen, und auch die oberen Stockwerke in Augenschein zu nehmen. Der Mangel an modernen Gebäuden und Infrastruktur, sowie die Abgeschiedenheit Shirakawagos sorgen für eine ganz besondere Atmosphäre und erlaubt es dem interessierten Besucher in das alte, ländliche Japan einzutauchen. Die für Japan ungewöhnliche Stille, zu verdanken dem Mangel an Autos und Menschenmassen, sowie die idyllische Natur kreieren eine Stille, die den Geist des alten Japans für einen Moment auferstehen zu lassen scheint, wie der Autor aus eigener Erfahrung zu berichten weiß.

Sehenswert an Takayama, genannt kleines Kyoto, ist vor allem die Stadt selbst. Sie schafft es, ähnlich wie Shirakawago, den Besucher ein Stückweit in ein Japan der Vergangenheit zu entführen. Sehr eindrücklich ist vor allem Sanmachi, mit seinen alten Gebäuden, Sake Brauereien und Handwerksgebäuden. Auch Takayama kann der Autor guten Gewissens als Reiseziel empfehlen.

Wie bereits oben erwähnt gehört die Präfektur Gifu nicht zu den meist bereisten Präfekturen Japans und auch als klassisches Reiseziel kann man sie wohl nicht bezeichnen. Was also tun, um sich für potenzielle Besucher attraktiver zu machen und somit für mehr Tourismus zu sorgen? Wie so viele Präfekturen und Städte in Japan greift auch Gifu hierfür auf Japans immer stärker werdende soft power und (populär)kulturelle Anziehungskraft zurück. Dabei kommt Gifu ein Umstand zugute: Gifu diente als Vorlage für einige sehr bekannte Anime-Serien, darunter auch der in letzter Zeit äußerst erfolgreiche Film Kimi no na wa (君の名は). Weitere Serien sind beispielsweise No-Rin (のうりん), Hikaru no Go (ヒカルの碁), Higurashi no naku koro ni (ひぐらしのなく頃に) oder Boku wa tomodachi ga sukunai(僕は友達が少ない). Gifu will sich das zu Nutze machen und verwendet diesen Umstand gezielt als Mittel, um In- sowie Ausländische Touristen anzulocken.

Zu diesem Zweck haben acht Städte der Präfektur Gifu die Vereinigung „Gifu Anime Sacred Place Alliance“ (ぎふアニメ聖地連合) gegründet. Die involvierten Städte sind: Gifu, Hida, Ogaki, Gero, Ena, Tajimi, Minokamo und Wanouchi-cho. Ziel ist es, Touristen zu den „Schauplätzen“ bekannter Anime zu locken und so den Tourismus der Region anzukurbeln. Möglich gemacht werden soll dies durch einen regen Informationsaustausch zwischen den Städten, sowie Studien und Forschung von Experten über die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe und darüber, wie man Anime im Bereich des Tourismus effektiv einsetzten kann. Dieses Bündnis wurde erst im Februar dieses Jahres geschlossen. Auf Ergebnisse und  zukünftige Projekte darf man also gespannt sein.

Hida, eine der Städte, die der Vereinigung beigetreten sind, macht sich bereits populäre Anime für touristische Zwecke zu nutzen. Hida diente als Vorlage für die Örtlichkeiten des berühmten Films Kimi no na wa (君の名は). Nach seinem internationalen Erfolg bemerkte man einen Anstieg der Besucherzahlen, hauptsächlich junge Männer in ihren Zwanzigern, die offensichtlich die Orte besuchen kamen, die sie aus dem Anime wiedererkannten. Es ist anzunehmen, dass sich viele Besucher auf einer sogenannten Anime-Pilgerreise befanden. Um auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe einzugehen, und um weitere Besucher anzulocken, setzt man auf die Anziehungskraft  von Kimi no na wa. Ein Busunternehmen hat dafür ihre Schnellbusse zwischen Hida und Tokyo mit Charakteren und Illustrationen aus besagtem Anime verziert. Auf der Fahrt passiert man einige Orte, die auch die Hauptcharaktere im Anime besuchen, was einen zusätzlichen Reiz schafft. Eine Busroute aus Tokyo wurde verlängert, so dass sie nun den Bedürfnissen der Anime Pilgerreisenden entspricht.

Auch ein Fußballklub aus Gifu, der FC Gifu, versucht mithilfe einer bekannten und beliebten Anime Serie mehr Besucher in die Präfektur zu locken. Der Anime in diesem Fall ist No-Rin (のうりん). No-Rin ist eine Comedy/Romance Serie und spielt in und um eine Landwirtschaftsschule, gelegen irgendwo in Gifu. Im Rahmen der Kollaboration zwischen No-Rin und dem FC Gifu findet auch dieses Jahr wieder ein Event statt, bei dem es ein Showmatch zwischen dem FC Gifu und dem FC Mito Hollyhock geben wird. Eine große Auswahl an Merchandise darf natürlich auch nicht fehlen. Im Angebot sind unter anderem: Anstecker, Stifte, Anhänger und Trikots. Auf der Homepage werden vor allem Fans des Vereins, Anhänger und Liebhaber der Serie willkommen geheißen.

Zum Schluss noch ein Beispiel dafür, wie man am besten nicht Werbung für eine Stadt macht. Minokamo, eine Stadt im Zentrum Gifus, südlich des Fuji, wirbt seit einigen Jahren mit den Charakteren der bereits oben erwähnten Serie No-Rin. Dafür werden unter anderem Plakate entworfen und öffentlich ausgehängt. Ende 2015 geriet die Tourismusagentur, die mit dem Entwurf dieser Poster betraut war, in starke Kritik bezüglich eines ihrer Poster. Auf diesem war ein Charakter der Serie mit sehr brustbetonter Figur in einer anreizenden Pose zu sehen. Daraufhin kam es zu vehementem Protest auf Twitter. Vor allem wurde der Vorwurf nach sexueller Belästigung laut. Die Agentur stoppte daraufhin die Produktion der Poster und sammelte bereits ausgehängte Exemplare wieder ein.

Anime scheint ein allgemein akzeptiertes, effizientes Werbemittel zu sein, dessen Einfluss mit Japans stärker werdender soft power, zurückzuführen auf den derzeit weltweit stattfindenden Japan-Boom, wohl noch zunehmen wird. Japan ist nun in der Lage durch gezielten Einsatz seiner soft power seine schwierige wirtschaftliche Lage zu verbessern.

Quellen:

Offizielle Homepage der Stadt Takayama: http://kankou.city.takayama.lg.jp/index.html 「Stand: 07.05.2017」.

Itô, Hiroyasu: „「君の名は。」は、観光産業も乗り上げている“;
http://toyokeizai.net/articles/-/157666  (Stand: 07.05.2017).

Dream News, ““アニメの聖地”として注目が集まる岐阜県で「ぎふアニメ聖地連合」が発足!“; http://www.dreamnews.jp/press/0000146908/ (Stand: 07.05.2017).

Osaki, Tomohiro: „Gifu city’s sexually suggestive tourism promotion sparks Twitter outrage“; http://www.japantimes.co.jp/news/2015/12/02/national/social-issues/citys-sexually-suggestive-tourism-promotion-sparks-twitter-outrage/#.WQ4RZ2l96Ul  (Stand: 07.05.2017).

Offizielle Homepage des FC Gifu: http://www.fc-gifu.com/information/19037
(Stand: 07.05.2017).

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