Wenn ein Pflegeroboter Amok läuft – Eine Filmkritik zu Rôjin-Z

14714223698880 Werden Altenpleger in der Zukunft durch Roboter ersetzt werden können? Und wenn ja, wird es den bedürftigen Senioren zugute kommen? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich der Film Rôjin-Z und zeichnet dabei eine skurrile Zukunftsvision.

Florian Münstermann hat sich den Film angeschaut und sich die Mühe gemacht, eine Filmkritik für uns zu verfassen.

 

 

Rôjin Z – Ein Pflegebett randaliert in Kamakura

Anfang des 21. Jahrhunderts hat man endlich eine Lösung für das Problem der Überalterung der japanischen Gesellschaft gefunden. Tja, wäre schön, wenn dies wirklich der Fall wäre. Doch der Animationsfilm, Rôjin Z (老人Z, 1991), zeigt uns eine Zukunftsvision, in der überfüllte Pflegeheime und Mangel an Pflegekräften endlich der Vergangenheit angehören könnten. Hiroyuki Kitakubo, bekannt durch „Golden Boy“, übernahm die Regie und Umsetzung des Drehbuchs aus der Feder von Akira-Regisseur Katsuhiro Ôtomo. Mit Witz und Humor geht der Film auf ein wachsendes, gegenwärtiges Problem der Gesellschaft ein. 

In Japan arbeitet man bereits an Lösungsansätzen dem Pflegekräftemangel mit dem Einsatz von Robotern entgegenzuwirken. So ähnlich möchte das japanische Gesundheitsministerium das Problem in Rôjin Z angehen. Um einen humanoiden Roboter, wie wir es uns vielleicht denken, handelt es sich jedoch nicht, sondern um ein vollautomatisches Pflegebett mit dem Projektnamen „Z-001“, ausgestattet mit der KI vom neusten Computer der „sechsten Generation“. Völlig überraschend wird Haruko Mitsuhashi der senile Witwer Kijuro Takazawa weggenommen, um den sich die junge Studentin nebenberuflich kümmert. Dieser soll unter Zustimmung seiner Familie für eine Pressevorführung des neuen Pflegebetts vom Gesundheitsministerium eingesetzt werden.

Völlig regungslos liegt er in der mächtigen Maschine, die wie ein Gesicht aussieht, in deren Mund der Patient liegt. An ihm werden zahlreiche Funktionen demonstriert: Eine porentiefe Badefunktion, automatische Absaugung des Stuhlgangs, selbstständige Be- und Entkleidung, integriertes    Ernährungssystem mit Kauhilfe, Überwachung der Körperfunktionen und sogar die körperliche Ertüchtigung im Liegen gehört zum Programm. Die Maschine nimmt die Beine und Hände des Witwers und schüttelt ihn einmal kräftig durch, was mitweilen lustig anzuschauen ist. Während der Präsentation kommen von überall Instrumente aus dem Bett, die sich um den Patienten kümmern. Es scheint, als könnte man mit dem Gerät den Problemen tatsächlich entgegenwirken.

Doch wie geht es eigentlich Herrn Takazawa, der hilflos dieser Maschine ausgesetzt ist? Erschreckend ist die bildliche Darstellung, wie der alte Mann im Bett quasi gefesselt ist. Tausende von Kabeln dringen in seinen Körper ein. Zahlreiche Schläuche sind überall an ihm angeschlossen. Auch Haruko erkennt das Problem und merkt an, dass es ihm an menschlicher Wärme fehlt und sein persönliches Wohlbefinden nicht berücksichtigt wird. Sie selbst ist darüber traurig und besorgt, dass sie sich nicht weiter um ihren ersten Patienten kümmern kann. Später bekommt sie von ihm Hilferufe auf allen Computerbildschirmen angezeigt und versucht ihn mit ihren Freunden in einer Nacht und Nebelaktion aus dem Bett zu befreien, was nach mehreren Versuchen dazu führt, dass das Bett mit samt Herrn Takazawa selbst aus dem Ministerium entflieht.

Wichtig sind auch Takazawas Träume von seiner verstorbenen Frau, Haru, und sein Verlangen zu ihr nach Hause zurückzukehren, wodurch später das Verhalten von der Maschine entscheidend beeinflussen. Das bemerkt auch Haruko und macht sich dies für seine Befreiung aus dem Ministerium zunutze. Die alten, pflegebedürftigen Leute sind nicht nur die Schwachen, sie erweisen sich als durchaus nützlich, auch wenn sie als etwas verrückt und ungehobelt dargestellt werden. So trifft Haruko während ihrer Arbeit im Pflegeheim auf einen Patienten, der geschickt im Umgang mit dem Computer. Er präsentiert stolz seinen Zimmergenossen, wie er durch einen Hack an Informationen über Steuerhinterziehung einer amerikanischen Firma gekommen ist. Seine Zimmergenossen schauen ihm dabei neugierig über die Schulter. Durch ihn gelingt es ihr, dass die Maschine versucht den Strand zu erreichen; der Ort aus seinen Träumen, in dem er sich zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter sieht – wahrscheinlich Erinnerungen aus der Vergangenheit. Herr Takazawa wird dabei stets vom Bett mit der Stimme seiner Frau besänftigt. Daher wünscht er sich den Stand zu sehen.

Auch dem Mecha-Genre wird der Film gerecht. Bei einer Verfolgungsjagd durch die Stadt entkommt das Pflegebett seinen Verfolgern. Dabei bewertet sich das Bett mit allerlei Gadgets auf, die es sich aus der Umgebung nimmt: Es nimmt Bagger, Autos, Schwebebahnen etc., sodass die Maschine zu einem gigantischen Roboter wird. Als schließlich die wahre Identität hinter dem Z-001 enthüllt wird, werden auch die korrupten Geschäftsmänner vom Ministerium zu Verbündeten, auch wenn nach dem Finale alles wieder beim Alten bleibt.

Am Ende kommt es schließlich einem emotionalen Showdown. Und sogar kurz vor dem Abspann bekommt man noch eine lustige Überraschung geboten.

Wer einen Film erwartet, der sich intensiv und tiefgründig mit dem Thema Altenpflege in der Zukunft auseinandersetzt, dem könnte Rôjin Z missfallen. Dennoch hat der Film durchaus seine wirkungsvollen, ernsten und emotionalen Momente und übt eine sehr offensichtliche Kritik an der Technologisierung im Bereich der Altenpflege. Er zeigt auf, dass kein Roboter der Welt den Menschen ersetzen kann. Besonders emotional wird der Film in den Traumsequenzen, über die wir etwas über die Person Kijuro Takazawa erfahren wenn auch nur dürftig. Ebenso als er das erste Mal die Stimme seiner Frau, simuliert von der Maschine, hört, bricht er in Tränen aus, beklagt sich über seine Schmerzen und bittet sie um Hilfe. Der Soundtrack sticht zwar nicht wirklich heraus, trägt aber in Szenen wie diese erheblich zur Stimmung bei. Aber auch die lustige, humorvolle Erzählweise und das schnelle Pacing geben dem Film eine gewisse Leichtigkeit, sodass der Zuschauer sowohl zum Nachdenken angeregt als auch gut unterhalten wird. Diese Mischung macht Rôjin Z zu einem gelungenen Film, der seine ohnehin schon interessante Idee gut umsetzt.

Der Film ist hierzulande bei Kazé sowohl auf DVD als auch auf Blu-ray erhältlich.

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