Kôkotsu no hito: Der erste japanische „Demenzfilm“

kokotsuDemenz ist in den letzten Jahren ein im westlichen und japanischen Film häufig behandeltes Thema, wie u.a. „Honig im Kopf“ (2014), „Still Alice“ (2014) oder „Pecoross‘ Mother and her Days“ (2013) zeigen. In Japan war Demenz aber schon 1973 einmal ein großes Thema im Film, wie uns Natasha Urresta Alvarez in diesem Beitrag verdeutlicht.

Toyoda Shirō behandelte in seinem Film Kôkotsu no hito („Twilight Years“, 1973) als einer der ersten Regisseure das Thema Demenz im Alter. Er basiert auf den gleichnamigen Roman vom Ariyoshi Sawako, der 1972 in Japan zum Bestseller wurde. Im Laufe der Handlung werden viele Probleme, die das damalige japanische Wohlfahrtssystem hatte, geschildert sowie die Auswirkungen auf die betroffenen Familien, die sich um ein älteres Familienmitglied kümmern mussten.

Das alltägliche Leben einer japanischen Familie wird abrupt verändert, als Tachibana Akiko (Takamine Hideko) ihren Schwiegervater Shigezô (Hisaya Morishige) neben der Leiche seiner Frau in deren gemeinsamem Haus findet. Der plötzliche Tod seiner Frau wird als der Auslöser für die Demenz des älteren Mannes dargestellt, der in dieser Anfangssequenz schon nicht mehr er selbst zu sein scheint. Nach der Beerdigung erkennt Shigezô seine älteste Tochter nicht mehr, und auch die anderen Familienmitglieder, wie seinen Sohn und Enkelsohn, nimmt er nicht mehr wirklich wahr. Der Mann scheint sich nur noch an Akiko zu erinnern, denn er lässt sie als einzige wirklich in seine Nähe. Dies ist sicherlich ein zusätzlicher Grund, weswegen im weiteren Verlauf Akiko sich weitgehend alleine um ihren demenzkranken Schwiegervater kümmern muss. In der damaligen japanischen Gesellschaft wurde aber auch generell erwartet, dass die Schwiegertochter sich um ihre Schwiegereltern kümmert, wenn diese ein gewisses Alter erreicht haben. 

Obwohl Akiko anfangs versucht, nicht alleine diese schwierige Aufgabe zu übernehmen und ihren Mann auch zur Verantwortung ziehen möchte, bleibt letztendlich doch alles an ihr hängen. Eine sehr bewegende Szene ist die, in der Akiko abends mit ihrem Mann diskutiert, wer nach dem kranken Mann sehen soll, der erbarmungslos mitten in der Nacht nach Akiko schreit. Akiko argumentiert gegenüber ihrem Mann, dass es doch eigentlich sein eigener Vater sei und dass sie selber irgendwann mit ihrer Kraft am Ende sei und Ruhe brauche. Der Ehemann zeigt jedoch keinerlei echtes Mitgefühl für seine überforderte Frau. Er setzt sich so wehmütig und langsam in Bewegung, um nach seinem Vater zu sehen, dass Akiko doch die Geduld verliert und selber nachsieht. Die Empörung, die den Zuschauer in diesem Moment überkommt, wird noch dadurch verstärkt, dass der Mann sich daraufhin wieder ohne Widerworte hinlegt.

Im Film wird deutlich, dass es für die Familie selbstverständlich ist, dass Akiko sich als Schwiegertochter um Herrn Tachibana zu kümmern hat, und sie muss vieles aufgeben. Durch die Darstellungsweise im Film kann der Zuschauer ihre Situation emotional nachvollziehen, und das Verhalten der übrigen Familie wird als deutlich ungerecht präsentiert. In einer anderen Szene, in der Akiko sehr beschäftigt ist mit ihrem Schwiegervater, ziehen sich ihr Ehemann, Sohn und die Schwägerin in ihre Zimmer zurück, um bloß nicht helfen zu müssen. Wie wenig Verständnis, Respekt und Hilfe Akiko von den anderen Figuren entgegen gebracht wird, wirkt kränkend. Der Großvater der Familie wird wie eine Last porträtiert, jemand, der jedem Familienmitglied Probleme aller Art bereitet. Der ältere Mann kann einfach nicht alleine ohne Aufsicht gelassen werden. Dies zeigt die Hilflosigkeit und Abhängigkeit des kranken Mannes.

Der Film deutet auf bestimmte Probleme im damaligen japanischen Wohlfahrtsystem hin und es wird indirekt vermittelt, dass die Gesellschaft an sich noch nicht auf solche Fälle vorbereitet ist. Es fehlt jegliche professionelle Hilfe. Zwar gibt es Seniorenclubs, in denen ältere Menschen miteinander den Tag verbringen und unter der Beobachtung von Betreuern Aktivitäten ausüben. Diese sind aber nicht auf einen speziellen Fall wie den von Shigezô eingerichtet und bieten auch nur tagsüber Betreuung an. Auch eine Krankenschwester kann der Familie nicht wirklich helfen, und ein Arzt merkt sogar an, dass die mangelnde professionelle Hilfe für Fälle wie den von Herrn Tachibana ein großes Problem sei. Das Ergebnis ist, dass die Familienmitglieder völlig überfordert sind mit der anspruchsvollen Situation. Sie werden dem Aufwand, sich um eine kranke Person zu kümmern nicht gerecht, und trotz aller Bemühungen Akikos macht auch sie selbst andauernd Fehler.

Herr Tachibana begibt sich mehrmals ziellos alleine in die Stadt, was in seinem Zustand sehr gefährlich werden kann. Durch seine Erkrankung ist er einem unschuldigen Kind ähnlicher als dem älteren Mann, der er ist. Zwischen frn schwierigen Situationen für die Familie werden aber auch kleine ruhige Szenen gezeigt, in denen man erkennen kann, dass die Beziehung zwischen Schwiegervater und Schwiegertochter auch auf eine besondere Art und Weise bereichert wird. Das tragische Ende des Filmes bestätigt dies letztendlich. Durch ihren liebevollen Einsatz für Herrn Tachibana hat Akiko etwas gewonnen, das den anderen Familienmitgliedern vorenthalten bleibt.

Der Film regt einen wirklich zum Nachdenken an. Nach dem Ansehen stellt man sich Fragen über die eigene Zukunft und was aus einem werden wird, wenn man das Alter des Herrn Tachibana erreicht hat. Wird man auch das Glück haben und eine Familie haben, die für einen da ist, wenn man nicht mehr für sich selber sorgen kann? Hat man im Alter einen Anspruch auf Hilfe, oder ist dies nur bedingt etwas, das man seinem Umfeld abverlangen kann? Die emotionale Seite des Zuschauers wird auf jeden Fall angesprochen. Letztendlich wird durch den Film klar, dass das damalige japanische Wohlfahrtssystem definitiv eine Überholung notwendig hatte. Mit dem Film und Roman wurde die Demenz im Alter, die davor als Tabuthema galt, öffentlich diskutiert und zu einem gesellschaftlichem Thema.

Heute wird der Problematik so gut es geht entgegengewirkt, auch wenn noch keine definitive Lösung auf der Hand liegt.  Es gibt bereits mehrere Institutionen, die sich professionell mit unter Demenz leidenden älteren Menschen beschäftigen und auf den Umgang mit ihnen spezialisisert sind. Eine der ersten Institutionen war zum Beispiel Takurôsho Yoriai, eine Einrichtung, die von drei Pflegerinnen 1995 gegründet wurde. Die Pflegerinnen waren sich einig, dass die damals bereits existierenden Pflegheime Sonderfällen nicht gewachsen waren und entwickelten ein neues Pflegekonzept.

Auch ist die Gesellschaft mehr auf die Demenz im Alter sensibilisiert. Zum Beispiel wurde die japanische Begrifflichkeit für Demenz verändert – von dem vorurteilsbehafteten chihôshô in das neutralere ninchishô. Trotz aller neuen Angebote wird heutenoch häufig versucht, sich um eine unter Demenz leidenden Person innerhalb der Familie zu kümmern – nicht nur weil eine angemessene Institution natürlich eine Frage der Kosten ist, sondern auch, weil es für die Gesellschaft teilweise noch als familiäre Angelegenheit gilt.

Der Film ermöglich einen sehr tiefgründigen Einblick über eine der vielen Problematiken der alternden japanischen Gesellschaft . Jeder, der sich für dieses Gebiet interessiert, sollte sich diesen Film auf jeden Fall ansehen, denn er stellt zentrale Problempunkte sehr deutlich dar.

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