Demenz im Film: Ein Date mit Pecoross‘ Mutter

Pecoross

Ein Film über Demenz wird zum Publikumsliebling – So geschehen mit „Pecoross‘ Mother and her Days“, einem komisch-melancholischem Film, den uns hier Lara Welmans vorstellt.

Die Pflege dementer Personen ist oft eine große Herausforderung für Familienangehörige und auch Pfleger. Genau dieses Problem thematisiert der Regisseur Morisaki Azuma in seinem Film Pekorosu no haha ni ai ni iku (englischer Titel „Pecoross‘ mother and her days“), in dem er den Zuschauer auf eine Reise mit Okano Yūichi schickt, auf der er seine demente Mutter erneut kennenlernt.

Der Film basiert auf einem gleichnamigen autobiographischen Essay-Manga von Okano Yūichi, in dem er seine eigenen Erfahrungen mit seiner dementen Mutter schildert. Dieser ist 2012 erstmals in einer Zeitung in Westjapan erschienen und wurde 2013 zu einem Bestseller.  Auch die Verfilmung war sehr erfolgreich: 2014 gewann sie den Kinema Junpô Award für den besten Film. Darüber hinaus wurde er zum drittbesten Film beim Yokohama Filmfestival auserkoren und gewann bei dem Takasaki Filmfestival Preise für den besten Film,  die beste Schauspielerin (Akagi Harue) und die beste weibliche Nebenrolle (Harada Kiwako).

Okano Yūichi (Iwamatsu Ryō)  ist ein geschiedener Anzeigenverkäufer, Comiczeichner und Hobby-Sänger, der mit seinem Sohn Masaki (Ōwada Kensuke) und seiner Mutter Mitsue (Akagi Harue) in einem Haus in Nagasaki lebt. Mitsue fing nach dem Tod ihres Mannes Satoru (Kase Ryō) vor 10 Jahren an dement zu werden, was sich in den letzten Jahren drastisch verschlimmert hat. Dadurch ist Yūichi, der aufgrund seiner Halbglatze den Spitznamen „Pecoross“ (eine kleine Art von Zwiebeln) trägt, dazu gezwungen seine Arbeit zu vernachlässigen, um sich besser um seine Mutter kümmern zu können.  Sein Leben mit Sohn und dementer Mutter ist die Grundlage für seine Comics, in denen er die Höhen und Tiefen seiner Erfahrung mit der Demenz zu Papier bringt. Zu Beginn wird der Zuschauer durch eine Animation seiner liebevoll gestalteten Comics in die Geschichte eingeführt.

„Pecoross“ bedeutet seine Mutter sehr viel und dementsprechend möchte er sie nicht in ein Heim bringen.  Doch als er und sein Sohn die lang vermisste und benutzte Unterwäsche von Mitsue in einer Kommodenschublade entdecken, scheint die Entscheidung unvermeidbar. Yūichi und Masaki schauen sich gemeinsam ein Altenheim an, und kurze Zeit später zieht Mitsue dort ein. In dem Heim werden vielerlei verschiedene Fälle von Demenz vorgestellt: Yuri, die energisch durch die Gegend hüpft und von jedem Süßigkeiten bekommen will, Herr Yoshino, der die Pflegerinnen anmacht oder Matsu, die in einer Welt lebt, in der sie die Klassensprecherin einer Mittelschule ist. Doch im Gegensatz zu ihnen ist Mitsue eher zurückgezogen und verbringt die Zeit alleine in ihrem Zimmer.

Der Zuschauer bekommt durch zahlreiche Rückblenden, die zum Teil Mitsues und zum Teil Yūichis Tagträume sind, einen Einblick in Mitsues Vergangenheit. Er erfährt etwas über ihr Leben als Älteste von zehn Geschwistern in der Nachkriegszeit in Nagasaki und über ihre Erfahrungen als Mutter eines Sohnes und Frau eines Alkoholikers. Nicht nur diese Rückblenden geben dem Zuschauer oft den Eindruck, dass Mitsue aufgrund ihrer Demenz in der Vergangenheit lebt. Oft geht sie davon aus, dass längst verstorbene Personen noch leben, wie zum Beispiel ihr Mann oder ihre Kindheitsfreundin Chieko. In einer Szene geht sie zum Beispiel los, um Sake für ihren verstorbenen Mann zu kaufen, wird aber von ihrem Enkel Masaki aufgehalten.

Mitsue vergisst, nachdem sie in das Altersheim kommt, immer mehr. Selbst Yūichi, den sie nun nicht mehr jeden Tag sehen kann, erkennt sie mit Hut nicht mehr und hält ihn für einen Verbrecher. In einer Szene schreit sie so sehr, dass eine Pflegerin kommen muss, um sie zu beruhigen. Yūichi ist tief verletzt von der Reaktion seiner Mutter und kommt erst wieder in ihr Zimmer als sie bereits schläft. Er setzt sich neben ihr Bett, zeichnet sie und als er anfängt zu weinen, wacht Mitsue auf und tröstet ihn.

Der Zuschauer wird Zeuge, wie die Mutter-Sohn-Beziehung, die Yūichi und seine Mutter seit vielen Jahrzehnten verbindet, durch die Demenz oft auf die Probe gestellt wird. Doch es wird schnell klar, dass Yūichi mit allen Mitteln versucht, Mitsue das Leben im Alter so angenehm wie möglich zu machen. Eine immer wieder kehrende Szene, die auch zum Titelbild des Filmes geworden ist, ist Mitsue, die den kahlen Kopf ihres vor ihrem Rollstuhl knienden Sohnes streichelt. Am Ende kommt Yūichi zu einem Entschluss, der auch gleichzeitig als zentraler Satz des Filmes gesehen werden kann: „ボケるとも悪かことばかりじゃなかもしれん“ – was  bedeutet, dass das Vergessen im Alter nicht nur etwas Negatives sein muss.

Mit Pekorosu no haha ni ai ni iku hat Morisaki, der mit 89 Jahren älteste aktive Regisseur in Japan, eine völlig neue Filmkomödie über das Altern und die Altenpflege in Japan geschaffen. Es ist sowohl eine Komödie, die den Zuschauer zum Lachen bringt, als auch ein ernstes Familiendrama, das den ihn zum Nachdenken anregt.
Was Pekorosu no haha ni ai ni iku zu so einem außergewöhnlichen Film macht, ist wie Morisaki das Problem der Demenz darstellt. Demenz wird nicht als etwas durchweg Leidvolles für Betroffene präsentiert. Ganz im Gegenteil bringt das demente Verhalten von Mitsue und den anderen Senioren den Zuschauer oft zum Lachen und übermittelt, dass Demenz nicht bedeutet, dass das Leben nicht mehr lebenswert ist. Zugleich wird der Film aber auch der Ernsthaftigkeit der Thematik gerecht.

Die heitere Hintergrundmusik vermittelt dem Zuschauer ein nostalgisches Gefühl, was durch die Rückblenden noch verstärkt wird. Das Titellied „Kasumichi“, gesungen von Hitoto Yō, thematisiert ebenfalls das Problem der Demenz und bleibt sofort im Gedächtnis – vermutlich ein Grund dafür, dass es auch für den Trailer gewählt wurde. Es kann gesagt werden, dass der Film Pekorosu no haha ni ai ni iku mit seiner liebevollen Gestaltung für Frauen und Männer jedes Alters geeignet ist. Gerade für Menschen mit Erfahrung mit Demenz ist der Film sehr zu empfehlen, da er Betroffenen möglicherweise Hoffnung geben kann. Er zeigt, dass dement zu werden in vielen Fällen zum Alter(n) dazugehört und zwar sehr anstrengend sein kann, aber dass der oder die Demente deswegen nicht als Problemfall, sondern immer noch als der gleiche Mensch gesehen werden soll, der er ohne Demenz war. Die Botschaft ist, dass es nicht nur negativ ist, dement zu sein.

Meine Empfehlung: Es lohnt sich auf jeden Fall zu loszugehen, um die Mutter von Pecoross zu treffen!
Für alle, die noch mehr über den Film erfahren wollen, gibt es einen von Elisabeth Scherer und Christian Tagsold verfassten Aufsatz zu Pekorosu no haha ni ai ni iku. Weitere Informationen dazu hier.

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