Mādadayo – Kurosawas persönlichstes Werk

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Uchida feiert mit seinen Schülern seinen Geburtstag (Bild: trigon-film)

Ein alter Lehrer mit kindlichem Gemüt – Jörn Krantz stellt uns Kurosawa Akiras letzten Film Mādadayo vor, ein liebevolles Portrait des Schriftstellers Uchida Hyakken. 

Zwei Jahre vor Kurosawas Tod 1993 vollendet, weist Mādadayo vielleicht nicht die Bildgewalt oder erzählerische Intensität auf, welche beispielsweise in seinen früheren Epen Ran und Kagemusha zu finden sind und erscheint im direkten Vergleich zu diesen eher als “leichte Kost”. Der Film schafft es jedoch, den geneigten Betrachter durch seine Ehrlichkeit und Sentimentalität in den Bann zu ziehen. Als sein letztes und im Nachhinein abschließendes Werk kann dieser Film als eine Art Selbstportrait Kurosawas verstanden werden und zugleich als ein Appell, sich bis ins hohe Alter einen kindlichen Geist zu bewahren.

Mādadayo erzählt auf liebevolle und leichtherzige Art und Weise die Geschichte von Uchida Hyakken (gespielt von Matsumura Tatsuo) ab dem Zeitpunkt, als dieser mit Anfang 60 zu Zeiten des zweiten Weltkriegs seine Arbeit als Deutschlehrer an einer Tokyoter Militärakademie niederlegt, um sich mehr dem Schreiben widmen zu können. Hierbei handelt es sich nicht um eine fiktive Figur, sondern der Protagonist ist an den Deutschlehrer Uchida Hyakken (1889–1971) angelehnt, der in erster Linie durch seine literarischen Werke eine bekannte Persönlichkeit Japans geworden ist. 

Bereits in der Eröffnungsszene werden verschiedene Motive deutlich, die sich durch den gesamten Film ziehen. Als der Protagonist seinen Schülern mitteilt, dass er aufhören werde zu unterrichten, werden sowohl tiefgehender Respekt als auch eine besondere gegenseitige Bindung deutlich. Hyakken schafft es zum einen, sein über die Jahrzehnte erstandenes Wissen zu vermitteln, zum anderen aber auch, einen ehrlichen, direkten und vor allem frischen Humor zu bewahren, der mehrere Generationen von Schülern in seinen 30 Jahren als Lehrer begeistert hat. Durch diesen offenen und liebevollen Umgang mit seinen Schülern begleiten viele von ihnen ihn auch im Ruhestand noch durch sein Leben. Dies wird durch die häufigen Besuche und die freundschaftliche Beziehung zwischen Sensei und ehemaligen Schülern offensichtlich.

Die Ambivalenz seiner Charakterzüge wird insbesondere deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass er generell sowohl von Schülern als auch Nachbarn aufgrund seines Alters und seiner Position respektiert wird, gleichermaßen aber eine durchaus als kindlich zu bezeichnende Sentimentalität und Naivität besitzt.  Letztere äußert sich zum Beispiel durch seine Angst im Dunkeln, welche er jedoch als vollkommen begründet und rational beschreibt.

Ein Großteil der Dialoge findet im Rahmen von Festivitäten statt. Um den Geburtstag ihres Lehrers zu feiern, versammeln sich jedes Jahr viele ehemalige Schüler zusammen mit ihrem Sensei in einem Festsaal und gehen Ritualen nach, die sich über ihre gemeinsame Zeit hin gebildet haben (siehe Abbildung oben). Aus einem dieser Rituale lässt sich auch der Name des Films herleiten. Nachdem die Schüler „Māhdakai“ rufen, was sich in „Noch nicht?“ übersetzen lässt, antwortet Uchida Hyakken mit „Mādadayo“ – „Noch nicht!“ und trinkt im Anschluss ein riesiges Glas Bier.

Von diesen Geburtstagsfeiern sind im Film insgesamt drei zu sehen, die letzte zu Ehren seines 77. Geburtstages. Hier wird der Kontrast zwischen physischem Alter und kindlichem Gemüt des Sensei besonders deutlich, da er zwar zunehmend mit gesundheitlichen Problemen kämpft, sich aber immer noch seinen sehr direkten Humor bewahren konnte.

Der Film endet mit einer Traumsequenz des Sensei, in welcher er sich als Kind beim Verstecken spielen mit anderen Kindern beobachtet. Nachdem die Suchenden „Mādhakai“ rufen, antwortet er mit „Mādadayo“, bevor er sich in einem Strohhaufen versteckt.

Es ist eben diese Einstellung noch nicht gehen zu wollen, die sich auf Kurosawa in seinem 30. und ironischerweise letzten Film projizieren lässt. Vielleicht ist es auch gerade letzterer erwähnter Faktor, der zu überwiegend negativen Kritiken seit Erscheinen des Films geführt hat. Vielleicht sind die Erwartungen, welche an Kurosawa nach Epen wie Ran oder Kagemusha gestellt werden, zu hoch. Zwar weist Mādadayo keine vergleichbare Bildgewalt auf, kann allerdings mit den gleichen präzisen Schnitten, einem Auge für Bildkomposition und einer Hingabe zum dargestellten Thema aufwarten, die Kurosawa seinen verdienten Ruhm gebracht haben.


Mādadayo
ist bei trigon-film in Deutschland auf DVD erschienen.
Uchida Hyakkens erstes Buch, Meido 冥途 („Aus dem Schattenreich“), ist eine Sammlung von achtzehn unheimlichen Traumgeschichten. Dieses Buch ist auf Deutsch in einer Übersetzung von Lisette Gebhardt erschienen (DVA, 2009).

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