Eis or Guys?

Ist die App „Burn Your Fat With Me!: For Girls“ eine harmlose Dating/Fitness Simulation oder eine zu Essstörungen führende Gefahr für junge Frauen?

2705873236_cd06bb3e28_z3904778190_62d0cd94bc_o                                      Flickr cc, Hajime NAKANO                                  Flickr cc, Hannah

Die App-Spiele Serie „Burn Your Fat With Me“, von dem japanischen Entwicklerstudio Creative Freaks, hat mit über 600.000 Downloads ihrer 3 Spiele eine beeindruckende Zahl vorzuweisen. Die Spiele, bei denen die Benutzer durch niedliche Girls und süße Boys zum regelmäßigen Fitnesstraining motiviert werden sollen, sorgten (ausgehend von diesem Artikel) erstmals vor 2 Jahren auf englischsprachigen Seiten im Web für Aufregung. Teils heftige Kritik gab es für die, damals nur in japanischer Sprachaussage spielbare, Mädchen-Version der Reihe „Burn Your Fat With Me!: For Girls.“ Die App schaffte u.a. eine Erwähnung auf der Website eatingdisordersonline.com. Vorwürfe waren die Darstellung einer „abusive relationship“ in der die weibliche Heldin mit Beleidigungen von ihrem Freund zum Abnehmen und Sport genötigt wird. Nicht nur die Gefahren eines solchen Spiels, sondern vor allem auch der Vergleich zur Version für die männlichen Spieler, in der mit Komplimenten anstelle von Beleidigungen der Spieler motiviert werden soll, wurden hervorgehoben.

War diese Aufregung gerechtfertigt? Seit kurzer Zeit gibt es nun die „For Girls“ Version in einer englischen Fassung. Grund genug Mal einen genaueren Blick auf die App zu werfen. Die Entwickler bewerben es sie als eine „revolutionäre Fusion aus Fitness App und Otome-Game (Spiel das vornehmlich jüngere Frauen als Zielgruppe hat und in dem das flirten mit den männlichen Charakteren zumeist ein wichtiger Bestandteil ist). Aufgaben und Spielziel sind es, in zunehmender Anzahl, Sportübungen wie Sit-Ups und Push-Ups zu meistern. Verpackt wird dies in einer Manga-typischen „High-School-Romantic“ Story. Die Spielerinnen steuern ein junges Mädchen, welche ganz neu an der Ootori Academy of the Arts angenommen wurde. Eigentlich wollte sie nur Manga Autorin werden, aber ihre Mutter drängte sie in die Schauspielgruppe zu gehen, um in der Umgebung von fitten attraktiven jungen Leuten ihre innere Weiblichkeit zu erwecken, denn mit dem Körper den sie jetzt hat, so ist sich ihre Mutter sicher, findet sie auf keinen Fall einen Freund, geschweige denn einen Ehemann. Gleich zu Beginn wird sie vom Mädchenschwarm und Starschauspieler der Schule Kei Katsuragi mit einem flotten „Hey, fattie!“ begrüßt. Der Anfang einer „besonderen“ Romanze. Schnell wird Kei zu ihrem Trainingspartner und ihrem heimlichen Schwarm. Er sagt ihr, dass sie abnehmen soll, weil sie sonst vielleicht aus der Schauspielgruppe wieder rausgeschmissen wird und will ab jetzt mit ihr trainieren, um sich mit ihr auf der Bühne nicht zu blamieren. Kei stellt für die Spielerinnen den primären Interaktionspartner dar und beeindruckt mit Beleidigungen, die sich aus der gesamten Palette der „Fat-Jokes“ bedienen. In vielen Bewertungen der App als „toller Motivator“ gelobt lässt er Sprüche ab, die wohl für viele der Hauptkritikpunkt am Spiel sind.

Hier die Top 5 der: „Du bist fett und das ist schlecht!“ Sprüche vom Trainer, Motivator (und future boyfriend?):

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Diese Sprüche werden natürlich nicht mit hasserfülltem Blick, sondern mit einem neckischen Lächeln des Traumtypens abgeliefert, trotzdem lassen sie natürlich die Frage aufkommen, wie sehr eine solche Erzählweise schädigende Wirkung haben kann auf die junge weibliche Zielgruppe? Die ganze Story vermittelt ganz klar: Nimm ab, damit du erfolgreich im Beruf und in der Liebe bist! Versuche zu erreichen, dass dein Traumtyp, der dir dauernd Beleidigungen an den Kopf wirft, dich mag! Egal wie! Der Vergleich zur Version für Männer zeigt auf jeden Fall, dass es gewisse Unterschiede zwischen den Spielen gibt. Obwohl die Grundaussage ähnlich wie zur Girls Version „With fat hips you´ll get no chicks!“ ist, wird die Tonalität dort eindeutig süßer gehalten und Beleidigungen dieser Art waren, bei einem relativ kurzem Blick ins Spiel, nicht zu finden. Was nehmen junge Mädchen aus so einem Spiel mit, kann es wirklich negativ prägen? Der Erfolg in Japan scheint zu zeigen, dass eine bestimmte Zielgruppe von der Thematik angesprochen wird.

Japanerinnen galten lange Zeit als weniger anfällig für Essstörungen, aber seit Mitte der 1970er Jahre ist ein Anstieg der bekannten Fälle zu sehen. Ein Trend der anhält. Als Gründe dafür werden u.a. der Wandel der Esskultur und die Anpassung an westliche Schönheitsideale genannt. Dazu kommt noch speziell in Japan die Verbindung von Dünnheit und kawaii bunka. Am anfälligsten sind, parallel zur Zielgruppe des Spiels, Frauen als Jugendliche bzw. junge Erwachsene. Auch wenn die Zahlen von Erkrankten noch geringer sind, als in vielen westlichen Ländern, ist der Anstieg besorgniserregend. Trägt ein Spiel wie dieses also eine Teilschuld an einer größeren Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder steht sinnbildlich für diese Entwicklung?[1]

Das Fazit nach einem Ersteindruck von rund 60 Minuten Gameplay ist, dass die Idee einer Fitness-App für eine jüngere Zielgruppe verknüpft mit einer Manga-Story kein grundsätzlich schlechter Einfall ist. Das Spiel kann immer wieder mit positiven nützlichem Tipps und Hintergrundwissen zum Thema Sport, Fettverbrennung und Muskelaufbau aufwarten. Die Art der Präsentation erscheint allerdings doch in einigen Teilen sehr bedenklich. Nicht gesundheitliche Gründe stehen im Vordergrund, sondern die Unzufriedenheit anderer Personen mit dem Gewicht der „Spieleheldin“. Der Traumtyp, regelmäßig mit Beleidigungen, fordert sie auf erst 7 Pfund, dann 10 Pfund zu verlieren und droht mit einem möglichen Rauswurf aus der Schauspielgruppe. Er gibt ihr regelmäßig die Anweisung sich beim Essen sehr einzuschränken und erlaubt dann großzügig, nach einigem Jammern der Hauptfigur, mit mitfühlendem Blick einen Snack, solange er nur unter 100 Kalorien liegt. Die Kapitel mit süffisanten Namen wie, „Drop Weight or Drop Out“, „Heavy expectations“ oder „The “Big“ Role“ verpacken die Story. Die „Heldin“ bezeichnet sich oft als fett, was unkommentiert stehen gelassen wird  und schließlich, wenn sie abnimmt, bekommt sie auch mehr Aufmerksamkeit von den anderen Jungs. Aber ist das Spiel ernst zu nehmen? Weder die Spielerrinnen, die es nach dem Download bewerten und gute Kritiken gaben, noch die FSK die es mit FSK 0 als unbedenklich einstufte, scheinen sich am Spiel zu stören. Vielleicht lässt sich abschließend festhalten, dass Spielerinnen mit einem gesundem Körperbewusstsein, wohl nicht Gefahr laufen dieses vom Spiel zerstört zu bekommen. Auf jemanden der unter einer hohen Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper leidet, aber kann das Spielen sicherlich eine diese Einstellung unterstützende Wirkung haben. Den ganz jungen Spielerinnen, die vielleicht den „Humor“ des Spiels noch nicht genau einordnen können, wird auf jeden Fall eine in Teilen sehr bedenkliche Welt,- und Körpervorstellung aufgezeigt.

[1] Cult Med Psychiatry. 2004 Dec;28(4):493-531. Pike KM1, Borovoy A.

Ein Gedanke zu „Eis or Guys?

  1. Vielen Dank für deine Vorstellung der App! Ich stimme dir zu, dass die App vermutlich nicht vermag, eine geistig gesunde Frau derart zu verwirren, dass sie in eine Essstörung verfällt. Bedenklich ist tatsächlich, dass so eine App augenscheinlich vorhandene problematische Umgangsweisen und Gedanken, denn eine Zielgruppe scheint ja vorhanden, aufgreift und reproduziert.

    FSK 0 ist ja wirklich ein schlechter Scherz. Nur weil niemand getötet wird und niemand Sex hat heißt es ja nicht, dass die App keinen Schaden anrichten kann.

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