Akira Kurosawa zum 105.- Ein japanischer Kosmopolit

Flickr cc, NCMallory
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„Die glorreichen Sieben“ (1960), „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), „Star Wars“ (1977). Kurosawa Akira (1910- 1998) lieferte mit seinen Werken manchmal die direkte, manchmal die geistige Vorlage für einige der bekanntesten Filme des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig erschuf er eigene Werke, die ihren Platz in der Geschichte des Kinos erworben haben. Heute wäre er 105 Jahre alt geworden. Eine Würdigung für einen Meister des Kinos, der sich auch am Höhepunkt seiner Karriere als Schüler des Films gesehen hat.

Es ist der 26. März 1990. Die Academy of Motion Pictures Arts and Science verleiht ihre jährlichen Auszeichnungen für die besten Filme, Regisseure und Darsteller des vergangenen Jahres. Es ist die 62. Oscar-Nacht, mitten in Los Angeles. Hollywood ruft; die Stars versammeln und feiern sich. Unter ihnen ist auch Kurosawa Akira. Als George Lucas (geboren 1944) und Steven Spielberg (geboren 1946) auf die Bühne treten, halten sie eine Laudatio für ihn, denn Kurosawa erhält an diesem Abend den Ehrenoscar für sein Lebenswerk. Er tritt auf die Bühne und bedankt sich höflich. Dennoch zeigt er sich etwas besorgt, ob er den Preis wirklich verdient hätte. Er wisse nicht, ob er die wahre Essenz des Kinos schon verstanden habe. Es sei eine sehr schwierige Aufgabe, die er aber weiterhin mit höchstem Eifer verfolgen wolle.

Das sind erstaunliche Worte von einem Regisseur, der von zahlreichen Kollegen respektiert und als Lehrer bzw. Meister angesehen wurde. Neben seinem Einfluss auf zahlreiche Regisseure, kann man ihm auch die Entdeckung des japanischen Kinos nach dem Zweiten Weltkrieg anrechnen. „Rashomon“ war, als er 1950 veröffentlicht wurde, für viele der erste japanische Film, den sie gesehen haben. Bei den Filmfestspielen von Venedig im Jahr 1951 konnte er sogar den Preis für den Besten Film gewinnen. Dass „Rashomon“ in den Wettbewerb eintrat, hat man aber nicht dem Studio Daiei zu verdanken, bei dem der Film produziert wurde. Stattdessen war es die italienische Japanologin Giuliana Stramigioli (1914- 1988), die den Film sah und für den Wettbewerb vorschlug. Plötzlich interessierten sich die Filmliebhaber aus aller Welt für Japan und dessen Regisseure wie Ozu Yasujiro (1903- 1963), Mizoguchi Kenji(1898- 1956) und eben auch Kurosawa.

Dieser überraschende Erfolg kam für ihn zum richtigen Zeitpunkt, denn sein nachfolgender Film, eine Verfilmung von Dostojewskis „Der Idiot“ (1951), wurde sowohl vom Publikum, als auch von Kritikern skeptisch betrachtet. Zeit seines Lebens hatte es Akira Kurosawa nicht immer leicht, Anerkennung für seine Filme zu bekommen. Probleme gab es vor allem mit den japanischen Kritikern, obwohl er auch in seiner Heimat große Erfolge erzielen konnte. Den Vorwurf, er und seine Filme seien zu westlich, hörte er aber schon seit seinem Debüt „Die Legende vom großen Judo“ (im Original: „Sugata Sanshirô“; 1943). Verstanden hat er ihn nie. Stattdessen betonte er oft in Interviews, dass seine Interessen nicht an der japanischen Grenze stoppten, sondern auch die kulturellen Schätze anderer Nationen, wie Shakespeare und vor allem die russische Literatur aufnahmen. Belesenheit und Kenntnisse über die bedeutendsten Werke der Literatur und des Films waren ihm sehr wichtig. Das erklärt, warum er im Laufe seiner Karriere mit beispielsweise Shakespeares Macbeth („Das Schloss im Spinnwebwald“; 1957), Hamlet („The Bad Sleep Well“; 1960), King Lear („Ran“; 1985) und Maxim Gorkys Nachtasyl („Nachtasyl“; 1957) literarische Werke westlicher Autoren als Quellen für seine eigenen Filme verwendete. Als jemand, der im gesamten Schaffensprozess seiner Filme involviert war und sein wollte, arbeitete er auch an seinen Drehbüchern. Ein Regisseur müsse, sagte er einmal, die Kunst des Drehbuchschreibens beherrschen. Hierfür seien bekannte Werke aus aller Welt enorm wichtig und man müsse sie aufmerksam studieren.

Flickr cc, ORAZ Studio
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Kurosawas Filme haben wiederkehrende Merkmale. Eines davon ist seine Präferenz für bestimmte Schauspieler. Man spricht bei ihm auch gerne von der „Kurosawa-gumi“, also einer Gruppe von Schauspielern, die oft in seinen Filmen auftraten. So wie Martin Scorsese (geboren 1942), der Kurosawa übrigens oft mit Sensei ansprach, gerne Robert De Niro (geboren 1943) und Leonardo DiCaprio (geboren 1974) verpflichtet, nutzte Kurosawa gerne die Talente von Leuten wie Mifune Toshirô (1920- 1997) und Shimura Takashi (1905- 1982), die zusammen in „Rashomon“, „Die sieben Samurai“ (1954), „Das Schloss im Spinnwebwald“, „Die verborgene Festung“ (1958), „Yôjimbô“ (1961) und „Sanjûrô“ (1962) auftraten. Berüchtigt ist auch sein Anspruch an seine Schauspieler und Mitarbeiter, was ihm den weniger schmeichelhaft gemeinten Spitznamen „Kaiser“ oder „Tennô“ einbrachte. Damit ist gemeint, dass er mit strenger Hand regierte und an seine Schauspieler hohe Anforderungen stellte. Beispielsweise musste Kyô Machiko (geboren 1924 geboren), die die Ehefrau des Samurai in „Rashomon“ spielt, in die Sonne starren, ohne zu blinzeln. In „Das Schloss im Spinnwebwald“ wird Mifune Toshirô, der den Protagonisten spielt, in einer Szene von seinen eigenen Soldaten mit Pfeilen beschossen. Hierfür engagierte Kurosawa professionelle Bogenschützen. Gleichzeitig wird von vielen Schauspielern auch gesagt, dass die Zusammenarbeit mit ihm sehr lehrreich sein konnte. Einfach sei es aber selten gewesen.

Für die Filmstudios konnte er auch unangenehm sein. Berüchtigt für seinen Anspruch, alle Elemente des Films (von den Kostümen bis zu den Gebäuden) möglichst realistisch zu gestalten, hatte er den Ruf, alles andere als kostengünstig zu sein. Mit der Gründung seiner eigenen Produktionsfirma investierte er zwar auch in seine eigenen Filme, trotzdem galt er als schlecht kalkulierbares Risiko, was ihm mit der Zeit die Finanzierung seiner Filme teilweise enorm erschwerte. Sein erster Farbfilm, „Dodes’kaden“ (1970), erwies sich als finanzieller Misserfolg und trug dazu bei, dass er durch eine Zeit voller Depressionen ging, die mit einem misslungenen Suizidversuch endete. Es dauerte fünf Jahre, bis er im Rahmen einer sowjetischen Produktion „Dersu Uzala“ drehte, für die er den Oscar für den besten ausländischen Film im Jahr 1975 bekam. Trotzdem hatte er bei den japanischen Produzenten weiterhin einen schwierigen Stand. Er verdankte seinen nächsten Film seiner Freundschaft zu Francis Ford Coppola (geboren 1939) und George Lucas, die ihm bei der Produktion von „Kagemusha“ (1980) den Kontakt zu Investoren vermittelten. Lucas hatte mit „Star Wars“ bei 20th Century Fox ein enormes Ansehen gewonnen, weswegen man dort die Produktion gerne unterstützte. Das überzeugte wiederum Toho, das Filmstudio, für welches Kurosawa Akira beispielsweise „Die sieben Samurai“ drehte, wodurch „Kagemusha“ verwirklicht werden konnte.

Oft werde ich gefragt bzw. manchmal frage ich mich selber, warum ich so etwas Seltsames und Komisches wie Japanologie studiere. Ein Grund, den ich dabei immer erwähne, ist meine Neugier für bestimmte Aspekte Japans und seiner Kultur, die mir vorher nur wenig oder manchmal sogar gänzlich unbekannt waren. Das japanische Kino gehörte auch dazu. Mir war der Name Kurosawa vor meinem Studium kein Begriff. Durch ein Seminar bin ich aber auf „Rashomon“ gestoßen und war begeistert. Rasch folgten „Ikiru“ (1950), „Die verborgene Festung“ (für Star Wars-Fans wirklich sehr interessant), „Rotbart“ (1965) und „Yôjimbô“, den ich nächste Woche vorstellen werde. Mein Lieblingsfilm von ihm ist und bleibt (vermutlich) „Die sieben Samurai“, ein flammender Appell für Zusammenarbeit und Humanismus. Was ich an seinen Werken so mag und bewundere, sind die Geschichten und Bilder, mit denen er den Zuschauer konfrontiert. Er hat vielen gezeigt, zu was das Kino alles imstande ist. Daher empfinde ich den Vorwurf, er sei zu westlich, als nicht sehr fair (wenn er denn überhaupt stimmt), vor allem nicht aus der Sichtweise eines normalen Zuschauers. Natürlich wird die Art, wie wir einen Film sehen, zu einem großen Teil von der Kultur geprägt, in der wir aufwachsen. Letztendlich verfügt aber ein Medium wie der Film, meiner Meinung nach, über die Fähigkeit, Menschen aus komplett unterschiedlichen Kulturkreisen und Gesellschaften anzusprechen und uns zu begeistern. Kurosawa sagte selbst einmal, dass er, trotz mangelnder Fremdsprachkenntnisse, sich überall auf der Welt wohl fühlen würde. Er lernte von Regisseuren wie John Ford (1894- 1973) und Sergej M. Eisenstein (1898- 1948) und gab dies an Steven Spielberg, George Lucas, Martin Scorsese, sowie vielen anderen Künstlern (auch aus Japan) weiter. Dafür gebührt ihm Respekt und Dank.

In seinem Leben und in seiner Karriere erfuhr er sowohl harte Niederlagen, als auch große Triumphe. Am Ende hat er aber seine Spuren hinterlassen. Das war ihm, bei allem Eifer, sicherlich auch an dem Abend der Oscar-Verleihung klar. Auch auf die Gefahr hin zu pathetisch zu klingen: Wenn es einen cineastischen Olymp der Regisseure gibt, so hat dieser Mann dort seinen Platz sicher, egal ob als westlichster Regisseur Japans, egal ob als Schüler, Lehrer oder alles zusammen. Darüber können die Filmliebhaber, egal ob Anfänger oder Experte, mehr als glücklich sein.

Daher bleibt mir nichts anderes mehr zu sagen als: Vielen Dank Sensei. Alles Gute zum Geburtstag. お誕生日おめでとうございます。

3 Gedanken zu „Akira Kurosawa zum 105.- Ein japanischer Kosmopolit

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