Eine Reise in die Vergangenheit – Japan vor 62 Jahren

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Cover des Sammelalbums

Schon auf den ersten Blick wirkt es antik. Vergilbtes Papier und der Geruch nach altem Buch, sind die Beweise dafür, dass es, zwar nicht antik, aber schon älter ist. Zunächst von diesem Fund, der mir durch eine Bekannte zukam, wenig angetan, habe ich mir erst später die Zeit genommen, ihn genauer zu betrachten. Weil es einige Auffälligkeiten gab, habe ich dazu recherchiert. Bei diesem Buch, >>China, Tibet, Japan<< handelt es sich um ein Sammelalbum der Margarine-Firma Sanella, die 1953 mehrere solcher Sammelalben herausgebracht hat. Unter anderem zu Afrika, Mittel- und Südamerika und Australien.  Dieses Buch scheint selten zu sein, hat jedoch keinen hohen materiellen Wert, sondern eher einen historischen. Dass es sich um ein Sammelalbum handelt, wird nicht auf den ersten Blick deutlich. Erst nach dem Betrachten der kunstvollen Bilder, die nicht immer ganz perfekt an ihrem Platz angebracht sind, versteht man es.

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Ein Sammelbild

Den Rahmen des Werkes bildet eine Geschichte, die wie ein Reisebericht anmutet. Genau zu sagen, ob es fiktiv ist oder nicht, ist schwierig. Einerseits gleicht der Stil eher einem Roman, andererseits könnte man aufgrund der teilweise fundierten Japan-Kenntnisse davon sprechen, dass es entweder selbst erlebt oder sehr gut recherchiert wurde. Der Teil in dem Japan vorkommt, ist relativ kurz gehalten, mit gerade einmal acht Seiten. (im Vergleich, China werden 40 Seiten eingeräumt)

Die Figur, die sich auf ein Abenteuer nach Asien begibt heißt Tom Birkenfeldt und kommt aus Berlin. Auf seiner Reise startet er in China, reist nach Tibet und endet seine Reise in Japan.

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Japanischer Reiseprospekt

Einige Sachen sind mir bei der Lektüre  ins Auge gestochen. Anfangs unterscheidet sich die Erzählung nicht groß von anderen, >>typischen<< Reiseberichten und auch im Verlauf ändert sich das nicht maßgeblich. Japan ist ein Land in dem alle Menschen höflich sind, wo es Kirschblüten, heiße Quellen und Wohnungen, die mit Tatami-Matten eingerichtet sind, gibt. Also nicht gerade Dinge, die hierzulande in manchen Berichten unüblich sind. Daneben gibt es auch Beschreibungen, die man in klassischen Reiseberichten weniger erwarten würde. Zum einen wird über Engelbert Kämpfer berichtet, es wurde auch ein Zitat von ihm eingebaut, oder auch, wie ein japanisches Gedicht (Tanka in dem Fall) strukturiert sein sollte. Es ist eine Mischung aus Erzählung und geschichtlichen Fakten, die einen mehr, die anderen weniger bekannt. Toms Ausflug führt ihn sowohl zum Aso-Vulkan, als auch zur Inthronisierung des damaligen Kronprinzen Akihito.

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Eine 62 Jahre alte Japan-Karte

Das Bild von Japan unterscheidet sich nicht sehr viel von dem, was man von heutigen Zeiten kennt. Japan wird dargestellt als ein modernes, fortschrittliches Land, in  dem die Menschen sehr viel Wert darauf legen, sich mit Sitte und Anstand zu begegnen. An einigen Dingen lässt sich jedoch deutlich feststellen, wie alt dieses Werk wirklich ist. Zum einen die Umschriften auf der Karte. Da hieß Yokohama noch Jokohama und die Hauptinsel Honshū, wird dort Hondo genannt . >>Shi<<, wird (wie auf der Karte sichtbar) mit >>Schi<< umgeschrieben. Auch etwas befremdlich mutet die Schreibweise von Kyūshū, dort Kiuschiu, an. Der Bericht wurde erst 8 Jahre nach den Atombomben geschrieben, wobei gesagt wird, dass die Städte schon zu dieser Zeit weitgehend wiederaufgebaut waren. Tokyo wird damals schon als Metropole beschrieben, nur mit eben weniger Einwohnern. Interessant fand ich auch die Beschreibung von Nord-Kyushu als japanisches Ruhrgebiet mit Zechen, Eisenwerken usw.

Zum Schluss des Buches werden für Interessenten sogar noch weitere Bücher, zu den jeweiligen Ländern, aufgelistet.

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Zwei Seiten aus dem Buch

Alles in allem kann man sagen, dass das Bild von Japan sich nicht allzu sehr von dem heutigen unterscheidet. Das Buch gibt einen kleinen Überblick über alle wichtigen Fakten, die das Land ausmachen, oder die historisch von Bedeutung sind. Gerade von einem Sammelalbum hätte ich persönlich nicht erwartet, dass es sich so intensiv mit diesen Ländern auseinandersetzt. Die Idee und die Umsetzung sind sehr gut gelungen. Somit bekommt man einen abwechslungsreichen Einblick in das Land, was durch die schöne Gestaltung noch untermalt wird.

 

6 Gedanken zu „Eine Reise in die Vergangenheit – Japan vor 62 Jahren

  1. Sehr interessanter Artikel, besonders die Bilder. Es scheint wirklich viel Liebe in diesem Buch zu stecken. Schade, dass der Teil über Japan so kurz geraten ist.

  2. Vielen Dank für den tollen Artikel! Da haben Sie ja wirklich einen ganz besonderen Fund gemacht … ich hätte nicht gedacht, dass wir hier mal so etwas haben werden 😉 Ich erinnere mich, dass Verwandte von mir in den 50er Jahren auch solche Sammelalben hatten, das gab es wohl von mehreren Marken (gegenüber mir wurden mal Haferflocken erwähnt). Ihre Fotos zeigen finde ich, dass es sich dabei um wirklich schöne, sehr bunte Werke handelte. Offenbar sind sie ja auch nicht mit einer direkten Werbebotschaft verbunden, sondern stehen – wenn man alle Bilder gesammelt hat – für sich. Man kann sich finde ich gut vorstellen, wie es damals gewesen sein muss, diese Bilder zu sammeln.

    Sehr gut finde ich, dass Sie den Inhalt auch schon für uns kritisch geprüft haben. Das klingt ja tatsächlich mal nach einem Bericht, in dem exotistische Stereotypen weniger im Vordergrund stehen als die aktuelle Situation im Land.

  3. Ein wirklich sehr interessanter Artikel! Man bekommt ja nicht oft Einblick in solche alten Sammelalben und dass eine Firma wie Sanella ein Album u.a. über Japan herausgebracht hat, finde ich erstaunlich. Du hast einen sehr schönen Einblick gegeben und ich finde es gut, dass du Auffälligkeiten, wie die Unterschiede in der Schreibweise und die Darstellungsweise des Japan-Bildes, herausgearbeitet hast.

  4. Es ist immer wieder interessant zu lesen, wie sich bestimmte Ansichten verändert haben oder auch gleich geblieben sind. besonders, wenn sich der Text, hier also ein Sammelalbum, an eine breitere Masse richtet. Ich kann mir vorstellen, dass einem, wenn man diesen Vergleich mit Fachliteratur zieht, andere Dinge auffallen. Dein Schreibstil gefällt mir auch gut.

  5. Ich bin gerade mit dem Künstler Georges Adéagbo in Shanghai, er wollte dieses Buch (eine Reproduktion von diesem Cover) in seiner Installation zeigen, jedoch wurde uns abgeraten, da die Zensur seine Ausstellung (Shanghai Biennale) schliessen könnte.
    Interessant dass Sanella damals Tibet als eigenes Land definiert hat. wer weiss mehr dazu?

    1. Lieber Herr Köhler, vielen Dank für Ihren Kommentar, den ich gerade erst bemerkt habe! Leider weiß ich selbst auch nicht mehr dazu, ich werde noch einmal die Studentin fragen, die sich mit dem Album beschäftigt hat.
      Sehr interessant was Sie schreiben, die Brisanz des Ganzen war mir gar nicht aufgefallen!

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