Keitai shôsetsu – Das Phänomen der japanischen Handyromane

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Flickr CC hiromy

Für japanische Jugendliche sind sie oftmals gar nicht mehr wegzudenken. Sie lesen sie in der U-Bahn, in der Schule oder auch zuhause. Manch einer bezeichnet sie sogar als ein soziales Phänomen. Keitai shôsetsu (zu Deutsch: Handyromane) sind Romane, die oft von Laienautoren in ihrer Freizeit verfasst werden. Zur Verfügung gestellt werden sie online, auf speziellen Plattformen. Diese Romane werden, wie der Name schon sagt, in aller Regel auf dem Handy gelesen – wobei die erfolgreicheren teilweise auch als Buch publiziert werden.

Der Anfang der keitai shôsetsu liegt im Jahr 2000, als eine speziell auf keitai zugeschnittene Blog-Plattform von Maho no Airando, eine durch Werbung finanzierte mobile Website, ins Leben gerufen wurde. Doch es dauerte noch weitere 5 Jahre, bis sie wirklich Bekanntheit erlangten. Ein wesentlicher Faktor hierfür war der kommerzielle Erfolg von „Koizora“, einem Handyroman, der – angeblich autobiografisch – von der Teenagerliebe der Autorin Mika, die zeitgleich Protagonistin der Geschichte ist, erzählt. Eine Geschichte, die im Anschluss auch als Manga, Film und Drama umgesetzt wurde und viele Menschen berührte. Es ist mit Sicherheit nicht zuletzt die einfache, umgangssprachliche Erzählweise, die Handyromane vor allem bei jungen Leuten so beliebt machen. Die Sätze sind kurz gehalten und enthalten keine schwierigen grammatikalischen Konstruktionen. Gerade die Autorin von „Koizora“ schreibt einen großen Teil in Gedankenrede der Protagonistin, während die reine Handlungswiedergabe nur den Rahmen bildet. Obwohl der Handyroman selbst aus der Perspektive einer dritten Person geschrieben wurde, findet man sich so sehr gut in die Gefühlswelt Mikas ein. Auch setzt die Autorin sehr auf Lautmalerei, wodurch man sich die Szenen lebhaft vorstellen kann.

Das besondere, nicht nur bei „Koizora“, ist, dass die – zumeist – Leserinnen nicht nur passiv die Geschichten verfolgen, sondern sich aktiv beteiligen können. Über Online-Plattformen können sie Rückmeldung über Gelesenes geben, und Anregungen dazu, wie sich die Story entwickeln könnte.

Doch mit der Aufmerksamkeit, die den keitai shôsetsu zuteil wurde, folgte auch viel Kritik – vor allem von Seiten professioneller Autoren. Viele der Handyromane beschäftigen sich mit Themen, die in der Realität eher gemieden werden, wie zum Beispiel Mobbing und Ausgrenzung in Schulen, Schwangerschaften Minderjähriger oder Abtreibung. Kritisiert wird auch das sehr umgangssprachliche Japanisch, dessen sich die Autoren bedienen. Es finden sich durchaus falsch geschriebene Wörter oder grammatikalische Konstruktionen, die es so nicht gibt. Darüber hinaus befürchten einige Kritiker sogar, dass das Lesen von Handyromanen zu einer „Handy-Sucht“ führen könne. Das bietet natürlich viel Raum für Diskussionen, gerade bei einem Medium, das überwiegend von jungen Menschen konsumiert wird. Das Phänomen keitai shôsetsu wird von manch einem Kritiker tatsächlich als ernste Gefahr für die Jugend Japans gesehen, ja sogar als „falsche Literatur“ betitelt.

In meinen Augen spricht hier vor allem eine irrationale Angst vor etwas bis dahin Unbekanntem aus den Kritikern. Nicht ungewöhnlich bei neuen Medien, gerade weil diese von der jungen Generation schneller adaptiert werden als von den älteren. So entspricht die Art und Weise, wie Handyromane geschrieben werden, durchaus dem Sprachgebrauch der Jugendlichen untereinander. Ich denke nicht, dass sich daraus ernsthaft Folgen für die japanische Sprache ergeben. Vielleicht sehen die professionellen Autoren auch ihre eigene Profession bedroht – nebenbei geschriebene Geschichten, von meist jungen Menschen, die rein sprachlich nicht den Ansprüchen der konservativen Kreise entsprechen und heikle Themen aufgreifen – dabei aber teilweise mehr Erfolg haben als die eigens geschriebenen Bücher. Nicht ganz unverständlich, dass das Verunsicherung auslöst. Die Abwertung des neuen Mediums ist aber sicherlich keine Lösung, und es bleibt fraglich, ob sich vermutete Folgen der Rezeption von Handyromanen nach empirischer Prüfung als haltbar erweisen.

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Flickr CC Joi Ito

Persönlich wurde ich vor einigen Jahren, als ich den Film zu „Koizora“ sah, auf den zugehörigen Handyroman aufmerksam. Ich habe das Lesen der (in gedruckter Version) zwei Bücher als sehr interessant empfunden. Durch die Struktur war es leicht, dem Verlauf der Geschichte zu folgen, ohne dass einem langweilig wurde. Zum Japanisch lernen sind Handyromane durch die Umgangssprache zwar nur ansatzweise geeignet, doch man verliert sich als Nicht-Muttersprachler weniger in den Sätzen, da diese oft kurz gehalten sind und auch wenig komplizierte Kanji verwendet werden. Bereits beim Aufschlagen des Buches sieht man, dass man keinen klassischen Roman vor sich hat – der Schreibstil erinnert eher an eine Handy-Mail. Die Geschichten sind oft alltagsnah, und zumindest ich hatte das Gefühl, dass einem das Lesen einen kleinen Einblick in den Alltag der japanischen Jugend gewähren kann.

 

Quellen:

KIM, Kyoung-Hwa Yonnie (2012): „The Landscape of Keitai Shôsetsu: Mobile phones as a literary medium among Japanese youth“. In: ALLEN, Matthew (Hg.): Japanese popular culture. Volume III: Japanese popular culture in the twenty-first century. London (u.a.): Routledge, S. 311-324.

MAUERMANN, Johanna (2011): Handyromane. Ein Lesephänomen aus Japan. Berlin: EB-Verlag.

 

9 Gedanken zu „Keitai shôsetsu – Das Phänomen der japanischen Handyromane

  1. Erst einmal möchte ich sagen, dass der Artikel sehr interessant und gut geschrieben ist!
    Du hast einen sehr guten Einblick in das Thema gegeben.

    Ich persönlich habe schon viel von diesem Phänomen gehört, mich allerdings nie im Detail damit auseinandergesetzt. Und es scheint in Japan ja ein wichtiger Trend zu sein.
    Ich wusste zum Beispiel nicht, dass diese Romane so umgangssprachlich verfasst sind, oder dass Koizora ursprünglich ein Handyroman war. Wohl aber, dass sie es oft zu großer Beliebtheit bringen.

    So wie du, glaube ich auch nicht, dass sie eine Gefahr für die Sprache oder die Gesellschaft sein werden, denn nicht jeder Japaner wird gleich Fan davon sein. Auch andere japanische Autoren haben ihre Zielgruppen und Fans, die ihnen treu sind.

    Über die Aussagen mit der Handysucht, denke ich, dass viele andere Dinge dazu führen, dass die Gesellschaft sich immer mehr mit dem Handy beschäftigt, die Handyromane sind da sicher nur ein kleiner Teil. Außerdem leben sich die Jugendlichen kreativ aus und ich wüsste nicht, was daran schlecht oder falsch sein sollte. Von daher stimmte ich dir zu und denke auch, dass die Kritiken einfach aus der Angst vor dem neuen und unbekannten entstanden sind.

  2. Ich kann nur zustimmen, der Artikel ist wirklich sehr informativ und das Thema finde ich sehr interessant, gerade weil ich von keitai shôsetsu vorher noch nichts gehört hatte, aber durch den Artikel bekommt man einen guten Überblick.

    Die Angst vor neuen Medien ist ein normales Phänomen und deshalb erstmal nicht verwunderlich. Auch das Problem der nicht immer korrekten Grammatik und Schreibweise etc. finde ich nachvollziehbar, aber ich denke nicht, dass es so gravierend ist, dass es das Sprachbewusstsein der Konsumenten signifikant beeinflussen könnte.
    Ich finde sogar, dass beim keitai shôsetsu die Vorteile die Gefahren überwiegen. Es wird ja des Öfteren (zumindest bei uns) beklagt, dass die jüngeren Generationen zu wenig lesen würden; wenn der keitai shôsetsu dazu Anreiz geben kann, ist das eigentlich nur positiv. In dem Zusammenhang würde mich interessieren, ob es auch in Deutschland Entwicklungen zu Handyromanen gibt? Natürlich kommt es dadurch auch dazu, dass das Handy öfter benutzt wird, aber es kommt ja auch darauf an, zu welchem Zweck und da finde ich Lesen nicht am schlechtesten.
    Ich persönlich finde die Information interessant, dass der Satzbau anscheinend nicht allzu schwierig gestaltet ist, was Handyromane auch für Japanisch-Lernende attraktiv machen würde.

  3. In wiefern gibt es bei der Keitai shôsetsu Kultur überschneidungen zu der Web Novel Kultur? Oder sind die beiden Erscheinungen streng getrennt von einander?
    Falls Web Novel nicht bekannt sein sollten, das sind Romane die Light Novel ähneln aber von Autoren ohne Herausgeber auf Internetplattformen hochgeladen werden.

  4. Ich finde deinen Eintrag wirklich gut und er gibt auch einen guten Überblick, um was es sich bei den keitai shôsetsu handelt.
    Ich hab davon ehrlich gesagt noch nie was gehört, aber es klingt wirklich Interessant.

    Wie Denise auch schon sagt, ist die Angst vor neuen Medien auch normal. Es ist einfach was unbekanntes, aber ich denk mir immer: Frühere hat man halt Zeitung gelesen, während man mit der Bahn zu Arbeit fuhr. Dabei hat man sich auch angeschwiegen 😉

    Aber vielleicht setzt sich so das Lesen bei der jüngeren Generation wirklich wieder mehr durch und auch das selber etwas schreiben. Es wäre natürlich eine schöne und postive Entwicklung, wenn das passieren würde. Vielleicht setzt es sich dann sogar auch in anderen Ländern durch und wir haben das hier in Deutschland auch bald in dieser oder ähnlicher Form?

  5. Bevor ich den Artikel gelesen habe, wusste ich nicht einmal, dass es so etwas wie keitai shôsetsu gibt! Die Kritik an den Geschichten und der Gefahr der Handysucht klingt beinahe genauso wie die Kritik an Internet Novels oder Fanfictions, die meist auch als „niedere“ Literatur betrachtet werden.
    Daher kann ich deiner Meinung nur zustimmen, dass es meist die Angst vor Neuem ist. Literatur ist immerhin auch eine Art des Entertainments und ich bewerte es auch sehr positiv, wenn mehr Leute Interesse am Schreiben zeigen, auch wenn es eben „nur“ keitai shôsetsu ist.

  6. Vielen Dank für deinen Artikel! Ich hab zwar vorher schon von den keitai shôsetsu gehört, aber ich hab bisher nie das Prinzip davon verstanden. Dementsprechend schließe ich mich Jan Ole an und frag: Worin liegt der Unterschied zu Web Novels? Heißen die Keitai Shôsetsu so, weil sie bevorzugt auf Handys gelesen werden oder weil sie nur auf Handys gelesen werden können?
    Ansonsten finde ich deinen Artikel wirklich sehr informativ. Ich wusste nicht, dass manche von ihnen tatsächlich als richtige Romane und in Buchform herausgebracht wurden. Doch ich finde es verständlich, dass die Leserzahl im Internet höher ist als die Käuferzahl. Immerhin werden wohl viele aus Geldgründen im Internet lesen, aber auch, weil es praktischer ist als sein Buch ständig mitzunehmen.

  7. Auch von mir vielen Dank für diesen tollen Artikel! Ich kann mich dem Lob meiner Vorschreiber/innen nur anschließen, Sie haben hier sehr gut in das Thema eingeführt, die Handyromane (auch stilistisch) charakterisiert und auch zur Debatte um das Genre Stellung bezogen. Es wird deutlich, dass Sie sich mit dem Thema schon umfangreicher auseinandergesetzt haben und es daher gut reflektieren können. Auch Ihr Schreibstil ist super!

    Zu den gestellten Fragen zwecks Web Novels usw.: Ich denke, dass sich die Unterschiede mittlerweile auflösen. Die keitai shôsetsu sind ja schon entstanden, als es noch keine Smartphones gab. Damals wurden sie u.a. per SMS verbreitet, weswegen es eine starke Zeichenbegrenzung für jede „Folge“ gab. Mittlerweile ist es ja ganz normal geworden, auf dem Smartphone zu lesen, vor allem mit E-Books – da kann dann das Argument vom „Kulturverfall“ auch nicht mehr gelten (nicht dass es jemals gerechtfertigt gewesen wäre), da man darauf ja auch „Highbrow“-Klassiker lesen kann.

    Ich habe das Phänomen Handyroman kaum selbst verfolgt, aber ich gehe einfach mal davon aus, dass es sich mit den neuen technischen Möglichkeiten verändert und die Grenzen zu anderen freien Publikationsformen fließend wird.

  8. Zunächst einmal vielen Dank für die zahlreichen Kommentare und das Interesse am Thema!

    Dass die Grenzen mittlerweile durch die technische Entwicklung verschwimmen, dem kann ich mich nur anschließen. Es ist aber daher sicherlich eine interessante Frage, wie sich die keitai shôsetsu nun in Anbetracht der Durchsetzung von Smartphones in den letzten Jahren entwickelt haben. Meines Wissens nach gibt es hierzu auch noch keine aktuellen Untersuchungen. In seinem Artikel beschrieb Kyoung-hwa Yonnie Kim auch seine Forschung, die er von 2006 bis 2010 durchführte – aus seinen Ergebnissen ist herauszulesen, dass gerade das Medium „keitai“ für viele Jugendliche beim Lesen und Schreiben von Handyromanen von großer Bedeutung ist. Doch in Anbetracht der technischen Entwicklungen der letzten Jahre wäre es interessant zu wissen, ob sich das nach wie vor so darstellt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das „keitai“ an Bedeutung verliert und die Handyromane entsprechend an neue Medien angepasst werden. Insgesamt vermute ich aber, dass sich das Genre durchaus halten wird – eben weil es sich nun seit ca. 10 Jahren gut etabliert hat. Ich denke auch, keitai shôsetsu bieten sich durch ihre Aufmachung weiterhin an, auf dem Handy (ob Keitai oder Smartphone sei dahingestellt) gelesen zu werden. Zumindest ich empfinde es durch die „Handymail“-Form als angenehmer auf dem kleineren Bildschirm zu lesen, als klassische Romane. Allerdings kann man zum Beispiel bei mahô no irando mittlerweile zahlreiche Romane auch am PC lesen oder, wie gesagt, in gedruckter Form kaufen.

  9. Witziger Weise habe ich, ein paar Tage bevor du diesen Artikel geschrieben hast, das erste Mal von Ketai shôsetsu gehört, weswegen es mich sehr gefreut hat diesen Artikel zu lesen und so mehr Informationen über dieses Phänomen zu erhalten.
    Der Eintrag gut geschrieben ist und enthält interessante Auskünfte.

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