„Ich bin die Gerechtigkeit“ – Helden und Monster der japanischen Popkultur

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Tokyo-Ghoul-Cosplay von Leocadius, Foto: Flickr cc, Alkun(岸蓮)

Sie bestechen durch unglaublichen Facettenreichtum und Eigenschaften, die sie von der Masse abheben. Sie sind anders und doch scheinen sie genau wie wir zu sein. Doch ein Protagonist wird erst dann besonders faszinierend, wenn er mit Schrecken seinen eigenen Abgründen gegenüber stehen muss. Eren Jäger aus Shingeki no Kyojin, Kaneki Ken aus Tokyo Ghoul und Light Yagami aus Death Note erfreuen sich besonderer Beliebtheit unter den Zuschauern. Doch während Kira für hitzige Diskussionen sorgt, erregen Eren Jäger und Kaneki Ken Sympathie. Was macht Eren und Kaneki zu Helden, mit denen wir mitfühlen? Warum steht Light Yagami in Verruf, wenn alle drei Monster sind und schlussendlich, welches Heldenbild wird in diesen Animes/Mangas vermittelt?

Doch zuallererst, was definiert ein Monster? Mit dieser Frage hat sich Jeffrey Jerome Cohen in Monster Culture – Seven Theses auseinandergesetzt. So gibt es sieben Merkmale eines Monsters, die sich zum Teil in Eren, Kaneki und Light wiederfinden lassen. Eren Jäger und Kaneki Ken sind Hybride. Der eine ist halb Mensch, halb Riese (Titan), der andere halb Mensch, halb Ghoul. Diese Vereinigung zweier, sich oft widersprechender, Eigenschaften, macht es unmöglich das Monster zu kategorisieren, d.h. es hat keinen festen Platz in der aufgestellten Ordnung (Cohen, S. 6ff.). Für gewöhnlich sortieren und kategorisieren wir alles, was uns bekannt ist, in verschiedene Gruppen, so zum Beispiel Säugetiere, Reptilien, Fische, usw. Das Monster entzieht sich jeder Kategorie und bildet somit das Andere (Othering), das Unbekannte und Gefährliche. Somit stechen Eren und Kaneki durch ihre Andersartigkeit aus der menschlichen Gesellschaft heraus, sie sind kein Teil mehr von ihr und sind gezwungen ein Leben am Rande der Gesellschaft zu führen. Sie gehören keiner Gruppe an, weil sie weder das eine, noch das andere sind. Eren Jäger und Kaneki Ken stellen das Chaos dar, das die Gesellschaft stets versucht zu umgehen.

Light Yagami hingegen ist ein gewöhnlicher Mensch, der nur durch Intelligenz glänzt, was aber nicht bedeutet, dass er nicht auch ein Monster sein kann. Durch das Death Note erlangt er eine Macht, die andere Menschen nicht besitzen. Jedoch ist es wichtig zu betonen, dass er in einen ganz anderen Punkt des Monster-Daseins fällt, nämlich Cohens fünfter und sechster These:  „Das Monster bewacht die Grenzen des Möglichen“ (S. 12f. ) und „Die Angst vor dem Monster ist in Wahrheit eine Art von Verlangen“ (S. 16f.). Das Monster ist in der Lage seine Fantasien der Aggression und Dominanz frei auszuleben, etwas, das einem als Teil der Gesellschaft verwehrt bleibt. Dadurch strahlt das Monster eine gewisse Attraktivität aus, da es tun und lassen kann, was es will. Doch wer auch immer zu neugierig ist und dem Monster auf seinem Weg folgt, geht große Risiken ein: entweder er/sie stirbt, oder er/sie wird selbst zum Monster. Light Yagami kommt durch das Death Note das erste Mal in Berührung mit dem Monströsen und entscheidet sich, die gesellschaftlichen Grenzen zu überschreiten, um seinen Wunsch einer perfekten Welt zu erfüllen. Je länger er sich auf diesem Weg außerhalb der menschlichen Gesellschaft befindet, desto mehr verfällt er dem Monströsen. So muss ein Monster nicht zwingend ein Hybrid oder ein nicht-menschliches Wesen sein. Es kann auch ein Mensch sein, der gesellschaftlich aufgestellte Grenzen überschreitet.

Wenn also alle drei monströse Eigenschaften besitzen und als Monster gewertet werden können, warum sind dann ausgerechnet Eren und Kaneki diejenigen, die mehr Sympathie erregen, als Light Yagami, der einzig vollwertige Mensch in diesem Beispiel? Der Grund, warum sie zu Monstern wurden, macht den wesentlichen Unterschied. Eren und Kaneki Ken wurden infolge eines Experiments zu Monstern, über das sie keinen Einfluss hatten. Plötzlich die Entdeckung zu machen, dass man nicht gänzlich menschlich ist und sich somit nicht mehr als Mensch sehen kann, führt zu einer extremen Identitätskrise. Unfreiwillig werden sie aus der Gesellschaft gedrängt, als deren Teil sie sich den Großteil ihres Lebens gesehen haben und beide gelangen an einen Punkt, an dem sie nicht mehr wissen, wer oder was sie sind. Die Entscheidung der menschlichen Gesellschaft, die beiden auszustoßen, scheint somit ungerecht, da es aus Gründen geschieht, über die Eren und Kaneki keinen Einfluss haben. Die Verzweiflung, mit der sie versuchen erneut ein Teil der Gesellschaft zu werden, lässt sie in einem anderen Licht erscheinen. Sie wissen über ihre Gefährlichkeit und fürchten sich teils vor sich selbst, doch dennoch sehnen sie sich nach Akzeptanz und nach jemandem, der sie annimmt, wie sie sind. Sie fürchten sich davor, als Monster enttarnt und erneut verstoßen zu werden.

Light Yagami hingegen gibt da ein ganz anderes Bild ab. Er war immer Teil der Gesellschaft, ein hoch geachtetes Mitglied sogar, mit einer strahlenden Zukunft. Doch mit Erhalt des Death Notes hat er sich bewusst gegen die Gesellschaft entschieden und schlug den anderen Weg ein. Er selbst wandte sich von der Gesellschaft ab, er hatte die Wahl, ob er ein Monster sein wollte oder nicht. Er versuchte nicht, Teil der Gesellschaft zu sein wie Eren und Kaneki es tun, sondern lebt stattdessen seine Fantasien der Dominanz und Gewalt aus. Er verfällt in Narzissmus und entwickelt ein extremes Überlegenheitsgefühl. Die Versuche der Polizei seine Identität aufzudecken machen ihm keine Angst, es verleiht ihm Nervenkitzel. Sein offensichtliches Fehlen von Empathie trägt zu seiner Monstrosität weiterhin bei. Er scheint keine Gefühle für die Menschen um sich herum zu empfinden, sondern nutzt sie für seine Zwecke aus. Ein fast gegensätzliches Bild zu Eren und Kaneki, die trotz ihres eigenen chaotischen Innenlebens immer wieder Empathie beweisen.

Was für ein Heldenbild entsteht daraus? Meiner Meinung nach ein positives. Trotz der immensen Schwierigkeiten, der Ausgrenzung durch ihre Gesellschaft und ihren eigenen Abgründen geben Eren und Kaneki nicht auf. Sie stehen weiterhin zu denjenigen, die ihnen wichtig sind und legen einen starken Beschützerinstinkt an den Tag. Sie versuchen das Beste aus ihrer Situation zu machen, egal, wie unglücklich sie damit sind. Ohne Frage stellen beide tragische Helden dar, die immer wieder gebrochen werden und nur mühsam den Kopf heben können, um erneut nach vorne zu schauen. Doch tief innen drin sind sie gute, sehr menschliche Charaktere, was noch erkennbarer wird, sobald man über ihre Andersartigkeit hinwegsieht. Solange man das Herz am rechten Fleck hat, findet auch ein „Monster“ Freunde, die einen annehmen und mögen, wie man ist. Denn letztendlich sind es nicht unbedingt diejenigen, die sich deutlich von uns unterscheiden, die man fürchten sollte.

 

Quellen: Jeffrey Jerome Cohen (1996): Monster Culture. University of Minnesota Press, Minneapolis. 

3 Gedanken zu „„Ich bin die Gerechtigkeit“ – Helden und Monster der japanischen Popkultur

  1. Vielen Dank für diesen Kommentar! Ich finde deine Art die Charaktere wirklich hervorragend und kann dir dabei nur zustimmen! Ich denke auch, dass wohl der größte Unterschied in dem Grund für ihre Monströsität liegt. Wie du gesagt hast, sind Kaneki und Eren ungewollt so Halbwesen geworden. Sie gehören in keine vorgefertigte Schachtel, sondern sind etwas einzigartiges, dass in dieser Form nicht bekannt ist. Ihr altes Leben wird für sie unmöglich und, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, sie werden zum Teil zu einem Wesen, dass sie eigentlich hassen bzw. fürchten. Beide sind Weisen, die nun fürchten das Vertrauen ihrer Freunde zu verlieren, was sie unweigerlich zu Einzelkämpfern macht. Ihr größter Wunsch ist es ihre Freunde zu beschützen und am Ende nicht allein dastehen zu müssen, während sie sich gleichzeitig bemühen nicht zu Mördern an Menschen zu werden.
    Yagami ist das genaue Gegenteil. Er lebt in einer typischen, liebevollen 4-Mann Familie, mit einem hart arbeitenden und erfolgreichen Vater, während er selbst als „Genie“ bezeichnet wird. Er hat keine großen Sorgen im Leben. Tatsächlich ist genau dies sein größtes Problem: ihm wird langweilig. Das Death Note bietet ihm eine willkommene Abwechslung und dazu noch die Möglichkeit die Welt innerhalb kürzester Zeit und zunächst ohne großen Aufwand zu verändern. Er entscheidet sich bewusst für ein Leben als Mörder. Er wendet sich immer weiter von seiner Familie ab, hat keine Freunde und schämt sich nicht davor die Personen, die zu ihm aufsehen, schamlos auszunutzen.

  2. Vielen Dank für Ihren Artikel, auf den ich hiermit viel zu spät eingehe – Sorry! Ihr Beitrag ist sehr schön aufgebaut und flüssig geschrieben. Toll finde ich, dass Sie sich selbst eine theoretische Unterfütterung gesucht und diese angewendet haben. Zu den Anime schreibe ich evtl. später noch einmal was, ich bin hier gerade noch dabei, Rückstände aufzuholen und die eine oder andere Folge zu schauen 😉

  3. Der Artikel ist sehr angenehm zu lesen und hat ein interessantes Thema zu Grunde liegen. Ich kann die Ansicht in diesem Beitrag gut nachvollziehen und ihr auch zustimmen, ebenso wie Miriams Kommentar.
    Das Buch von Cohen scheint interessante Ansätze zu enthalten und der Artikel macht Lust auf mehr zu dieser Thematik.

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