Tentakel-Monster und anderer „Schweinekram“ – Zwischen Obszönität und Meinungsfreiheit

Flickr cc, Jason Ahrns – Tentacles

Wer sich mit Japan auseinandersetzt, begegnet immer wieder Vorurteilen und Stereotypen. Gerne werden auch Hentai und Anime von Unwissenden durcheinander geworfen. Aber warum hat sich besonders Hentai so in das öffentliche Bewusstsein gebrannt? Schließlich ist es nur ein kleiner, sehr spezieller Teil der Anime-Kultur. Aber eben dieser kleine Teil ist so skurril und fremd, dass er bei vielen auf Unverständnis trifft. Obwohl auch Hentai, wie herkömmliche Animes, viele Genres bietet, scheinen besonders die sogenannten „Tentakel-Pornos“ heftige Reaktionen hervorzurufen.

Unter „Tentakel-Pornos“ versteht man gemeinhin Werke, die eine oder mehre Kreaturen mit Tentakel ähnlichen Gliedmaßen beinhaltet, welche in sexuellen Aktivitäten mit einem oft weiblichen Charakter involviert sind. Dieses kann Elemente der Gewalt beinhalten, was aber nicht zwingend erforderlich ist.

Dass diese Art der Darstellung keineswegs etwas Neues ist, zeigen Shunga, japanische Farbholzschnitte. „Der Traum der Fischersfrau“ aus dem frühen 19. Jahrhundert von dem Künstler Katsushika Hokusai (bekannt für die Farbholzschnitte der Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“) etwa, zeigt eine unbekleidete Frau die mit zwei Oktopussen interagiert. Dieser Holzschnitt ist jedoch mehr als Ausnahme zu betrachten, da der Großteil der Shunga einvernehmlichen Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau zeigt. Dennoch könnte man in diesem Bild die Anfänge des „Tentakel-Pornos“ sehen.

Ein weiterer Grund für die Popularität von Tentakeln und anderen phallusähnlichen Objekten ist, dass diese nicht zensiert werden müssen. Artikel 175 des japanischen Strafgesetzbuches verbietet immer noch die Veröffentlichung, Darstellung und den Verkauf von „obszönem“ Material. Was jedoch genau unter den Begriff „obszön“ fällt bleibt Auslegungssache, da keine Definition gegeben wird. Aus diesem Grund üben viele Künstler eine strenge Selbstzensur und verdecken eventuell „obszöne“ Stellen mit schwarzen Balken oder einem Pixel-Mosaik. Aber nicht nur professionelle Zeichner sind betroffen, auch Fans die Doujinshi (Fanfiction) herstellen müssen darauf achten was sie zeichnen. Bei Missachtung drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von bis zu 2.500.000 Yen.

Bis in die 1990er Jahre wurden besonders Schamhaare als „obszön“ betrachtet. Um das zu umgehen, zeichneten viele Mangaka in der Erotik-Branche Charaktere gänzlich ohne Schamhaar. Da das aber besonders im Westen die japanische Pornografie leicht pädophil anmuten lässt, weil die Charaktere jünger aussehen als vielleicht beabsichtigt, gibt es Proteste von allen Seiten. Die USA fordert stärkere Gesetze gegen Kinderpornographie, auch rein virtuelle. Die Meinungen dazu sind verschieden. Was die einen als einen notwendigen Schritt gegen Kindesmissbrauch sehen, erachten andere als weitere Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit.

Bevor man sich jedoch als Außenstehender eine Meinung dazu bildet und in die eine oder andere Richtung argumentiert, sollten beide Seiten der Medaille betrachtet werden. Von dem deutschen bzw. westlichen Standpunkt betrachtet ist das naheliegende, für härtere Gesetze zu plädieren. Allerdings sollte beachtet werden, dass diese Debatte eng mit der indirekt eingeschränkten Meinungsfreiheit verbunden ist und nicht mit unseren Maßstäben bewertet werden darf. So sind nicht nur Macher von erotischen Anime und Manga betroffen, sondern auch Künstler, die den menschlichen Körper zum Objekt ihrer Kunst machen. Die künstlerische Freiheit steht zur Debatte. Immerhin hängt die Definition von „Obszönität“ vom persönlichen Empfinden ab und kann nicht festgelegt werden. Was für die einen anstößig ist, können andere als harmlos wahrnehmen.

Abschließend möchte ich anmerken, dass dieser Artikel als Denkanstoß gedacht ist und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Vielen Dank an Andre Nobielski für den Link zum Blog über Shunga

5 Gedanken zu „Tentakel-Monster und anderer „Schweinekram“ – Zwischen Obszönität und Meinungsfreiheit

  1. Passend zu dem Thema „künstlerische Freiheit“ im Hinblick auf Sexualität sind folgende Berichte über die japanische Künstlerin „Rokudenashiko“ interessant. Diese wurde nämlich verhaftet und angeklagt, weil sie diverse Kunstwerke kreierte, die zum Teil ihrer eigenen Vagina nachempfunden waren.

    http://kotaku.com/japanese-artist-wants-to-make-a-vagina-boat-554259407
    http://kotaku.com/yes-the-vagina-boat-finally-became-a-reality-1576771068
    http://kotaku.com/vagina-artist-arrested-in-japan-1604550217

    1. Vielen Dank für den Hinweis.
      Eben solche Fälle zeigen wie aktuell das Thema ist. Soweit ich weiß, ist der Prozess auch noch nicht endgültig abgeschlossen und ich bin auf das Ergebnis gespannt.

  2. Ich persönlich bin beim Thema der Pornographie folgender Meinung: solange dabei kein Mensch zu schaden kommt, sollte jeder seiner Phantasie freien lauf lassen dürfen und sich keine spießbürgerliche Moral aufzwingen lassen müssen. Japan insbesondere ist bekannt für sehr harte, anstößige Pornographie und darstellung von Paraphilien, aber im Kontrast dazu gibt es eine verhältnismäßig niedrige Vergewaltigungsrate. Vielleicht gibt es da sogar einen Zusammenhang? Menschen, die ihre Phantasien künstlerisch verarbeiten können, haben vielleicht nicht mehr das bedürfnis sie umzusetzen und damit womöglich einem Menschen zu schaden.

    1. Das ist natürlich ein Argument was immer wieder angeführt wird. Die Meinungen scheiden sich dann in die, die Zeichnungen und Animationen als Ventil betrachten und andere, die denken dadurch würde sich das Problem nur verschlimmern. Da es aber immer eine gewisse Dunkelziffer gibt, kann man leider weder in die eine noch in die andere Richtung mit Statistiken argumentieren.
      Im Grunde würde ich dir aber zustimmen, besonders weil gerade Anime und Manga Freiheiten bieten wie kein anderes Medium. Ich denke das macht auch einen großen Teil des Charmes aus. Diese Freiheit wird beschnitten mit einer hypothetischen, allgemeinen Moral im Hinterkopf die nirgendwo definiert wird.

  3. Vielen Dank für diesen Artikel, mit dem Sie gut in diese kontroverse Diskussion einführen!

    Auf Ihren Artikel hin habe ich versucht, mich ein wenig in die rechtliche Seite des Ganzen einzulesen und habe dabei festgestellt, dass es doch sehr komplex ist. Die Anwendung des Artikel 175 auf Manga wurde erst in jüngster Zeit in einem langwierigen Prozess legitimiert: Von 2002 bis 2007 ging ein Prozess gegen den Verlag Shôbunkan durch alle Instanzen, wegen des Manga Misshitsu 蜜室 („Honey Room“) von Suwa Yûji. „Honey Room“ ist ein expliziter Hentai-Manga, in dem auf fast jeder Seite sehr detaillierte Bilder von Geschlechtsteilen zu sehen sind. Ergebnis des Prozesses: Manga-Künstler (und Verlage) können wegen Obszönität (waisetsu) bestraft werden, dies widerspricht nicht der Meinungsfreiheit. Alle Bücher von Suwa Yûji wurden vom Markt genommen, im Internet lebt Misshitsu aber natürlich weiter.

    Zu dem Problem der Zensur in Japan ist 2014 ein sehr interessantes Buch von Kirsten Cather erschienen: http://www.uhpress.hawaii.edu/p-8622-9780824835873.aspx

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