会い に 行く よ – Nach einer wahren Begebenheit

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Abb. 1

2011. In diesem Jahr kam es zu einem der größten Erdbeben in der japanischen Geschichte. Und das blieb nicht ohne Folgen. An vielen Stellen bricht die Erde ein und reißt Gebäuder jeder Art in die Tiefe, Tsunami überschwemmen kilometerweit die Wohngebiete Tokyos. Überall wohin man sieht: Zerstörung, Chaos und Tod. Doch trotz all diesem Unglück gibt es Hunderte von Freiwilligen, die sich aufmachen, um die Folgen des Unglücks zu beheben und den unglücklichen Opfern zu helfen. Nobumi ist einer von diesen Helfern. Der Bilderbuchautor beschließt sich als freiwilliger Helfer zu melden, da er den Gedanken nicht ertragen kann, dass die Kinder im Katastrophengebiet leiden müssen. Seine Erlebnisse fasst er in seinem Bilderbuch „Ue wo Muite Arukô“ (Ich sehe hoch wenn ich hinab gehe) zusammen. Kurze Zeit später macht es sich George Morikawa, der u.a. für „Hajime no Ippo“ bekannt ist, zur Aufgabe diese Erlebnisse neuaufzuarbeiten und sie einem größeren Teil der Bevölkerung zugänglich zu machen. Gründe dürften u.a. wohl sein die Bevölkerung mit den wahren Ausmaßen des Bebens aufzuklären, welche von den nationalen Sendern verschleiert wurden. Der Titel des Manga „Ai ni iku yo“ (Ich gehe, um sie zu treffen) bezieht sich auf den Wunsch des Bilderbuchautors Nobumi die Kinder des Katastrophengebiets zu treffen und glücklich zu machen.

Die visuelle Gestaltung des Mangakas ist sehr detailliert, aber auch kontrastreich. So gibt es viele Szene, in denen Personen oder Hintergrund als schwarze oder weiße Schemen ohne Details dargestellt werden (Abb. 2). In anderen Szenen wiederum kann man Fantasyfiguren in verschiedenen Formen und Größen im Hintergrund sehen, die sehr kindlich, wie aus einem Bilderbuch für Kinder, wirken. Diese tauchen vor allem dann auf, wenn der Hauptcharakter Nobumi mal wieder sehr naiven oder unschuldigen Gedanken nachgeht. Gleichzeitig gibt es allerdings auch Szenen ganz anderer Art. Der Mangaka zögert nicht damit die Zerstörung der Stadtteile, sowie die Notsituationen der Opfer durchaus realitätsnah darzustellen. Zwar werden im Manga keine Leichen gezeigt, aber es werden u.a. Andeutungen auf diese gemacht.

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Abb. 2

Der Manga ist ist eingeteilt in einen Prolog und 5 Kapitel. Der Prolog besteht aus einer Szene, die mitten aus dem ersten Kapitel herausgegriffen wurde. Es handelt sich um die Szene, in der der Bilderbuchautor seine Sachen packt, um in das Katastrophengebiet zu gehen, trotz der Einwände seiner Frau.

Übergang Prolog zu Kapitel 1
Abb. 3

Als Übergang von Prolog zum ersten Kapitel dient eine Doppelseite (Abb. 3). Auf der ersten Seite zeigt manNobumi mit einem entspannten und freundlichen Lächeln, einem Bilderbuch in der Hand und dem Satz „Weil ich ein Bilderbuchautor bin“ in der Sprechblase, womit er seine Absicht ins Katastrophengebiet zu reisen und die Kinder zu treffen begründet. Auf dem Zweiten zeigt man Nobumi freudestrahlend und voller Motivation, umgeben von den Bilderbuch-Fantasytieren und -Kindern, während er auf dem Weg ins Katastrophengebiet ist. Im Hintergrund sieht man die ersten Ruinen des Katastrophengebiets, in welches er Reisen reisen wird. Ich mag dieses Bild sehr, da man Nobumi hier in seiner unschuldigsten Art und mit all seinen Hoffnungen im Kontrast mit der kommenden Grausamkeit seines Zieles zeigt. Dies ließ mich persönlich sehr neugierig auf seine Reaktion werden, wenn er dieses Gebiet das erste Mal in all seinen Ausmaßen sieht und inwiefern ihn diese Erfahrungen wohl verändern wird. Wie viel wird von seiner naiven Art am Ende des Mangas erhalten bleiben?

Das erste Kapitel beginnt mit einem Rückblick auf das Erdbeben aus Sicht von Nobumi. Darauf folgen Ausschnitte aus TV-Berichten und einem weiterem Erdbeben in der Nacht. Seine eigenen Kinder verschlafen dieses zwar, aber nun fängt Nobumi an sich um die Kinder in den Krisengebieten zu sorgen. Wie viele Kinder haben im Katastrophengebiet wohl ihre Eltern verloren? Was wird nun aus ihnen?

Nobumi startet ein eigenes Projekt um den Kindern zu helfen. Doch als er von den Projekterfolgen auf seiner Homepage berichtet, erhält er eine Mail, in der er als „Heuchler“ und „Show-off“ bezeichnet wird, mit der Aufforderung zu sterben. Obwohl ihn diese Mail in ein emotionales Loch stürzt, beschließt Nobumi selbst ins Katastrophengebiet zu reisen und sich sein eigenes Bild zu machen. Bei seinem Aufbruch wird das erste Mal von vielen weiteren Malen der Gedanke „Ai ni Iku yo“ gezeigt.

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Abb. 4

Im Teil darauf schließt er sich den anderen Helfern an. Hierbei werden die Charaktere Kenji, Minoru und Miki, sowie der Leiter des Einsatzes Ayumu vorgestellt, welche im Verlauf des Mangas noch öfter von Bedeutung sein werden. Während der Busfahrt werden die Details zum Aufenthalt im Katastrophengebiet von Genba bekannt gegeben und es wird schnell klar, dass so gut wie niemand eine genaue Vorstellung von den Umständen im Krisengebiet oder von den kommenden Tagen hat. Gleich nach ihrer Ankunft in einem anliegendem Stadtteil läuft Nobumi den Anderen voraus in Richtung Krisengebiet. In einem Moment ist er noch in Begleitung der Fantasyfiguren (Abb. 4). Dann, eine Seite weiter, die Zerstörung all seiner naiven Hoffnungen. Nobumi hat das Krisengebiet erreicht. Vorfinden tut er zerstörte Gebäude, in deren Ruinen und Trümmern zerstörte Autos, LKWs, Strom- und Telefonmasten, sowie Boote und Schiffe wiedergefunden werden können (Abb. 1). Menschen sieht man jedoch keine. Nicht fähig zu verstehen was vor sich geht, bricht er in Tränen aus.

Im zweiten Teil geht es um die Verteilung der Aufgaben, aber vor allem wird dieses Kapitel genutzt, um den Unterschied zwischen Nachrichtenüberlieferungen und Realität darzustellen. Nobumis erster Einsatzort ist ein geflutetes Altersheim. Selbstzweifel nagen an ihm und der schlimme Zustand des Altersheims, das u.a. mit Produkten aus dem Meer und der Kanalisation gefüllt ist, machen es ihm nicht leichter. Trotz des Wissens, dass alle Bewohner des Altenheims in Sicherheit gebracht werden konnten, ist es harte und langwierige Arbeit. Nach einigen nervenaufreibenden Zwischenfällen ist es endlich geschafft. Freude vertreibt die Zweifel.

Ein für mich besonders emotionaler Moment in Kapitel 2 ereignet sich zur Mittagszeit. Nobumi und Kenji haben die Aufgabe, die in den Ruinen verstreuten Opfer zur Lebensmittelausteilung zu rufen. Doch trotz all ihrer Anstrengungen trifft keiner von ihnen auf Menschen. Als Nobumi gerade dabei ist die Hoffnung aufzugeben, taucht plötzlich ein älteres Paar auf. „Es gibt eine Essensausgabe?“ „Es ist das erste Mal, dass wir gefunden worden sind.“ Gleich darauf stehen überall in den Ruinen Menschen und Nobumi bricht erneut in Tränen aus. Dieses Mal jedoch sind es Tränen der Freude.

Am nächsten Tag macht sich die Gruppe auf dem Weg zu einem höhergelegenem, vom Tsunami geschützten Tempel. Bei der Ankunft erlebt Nobumi die größte Überraschung seit seiner Ankunft in Genba: Er sieht ein Kind.

Nach diesem Moment stellt sich ein sich stetig wiederholender Tagesrhythmus ein und Nobumi trifft auf eine Vielzahl von Menschen mit bewegenden Geschichten. Eine bedrückende Stimmung legt sich auf die Gruppe, unterbrochen von einzelnen Momenten der Freude, aber vorwiegend Momenten der Angst und Panik. Nobumis einziger Lichtblick sind die Momente seiner Freizeit, die er mit den Kindern verbringen darf. Davon abgesehen jedoch durchlebt Nobumi eine zu erwartende, aber auch überraschende Charakterentwicklung. Wenn er zu Beginn noch zu Selbstzweifel, emotionalen Tiefpunkten und Gefühlsausbrüchen neigt, so erscheint er später in gewissen Situationen schon fast emotionslos. Er wird immer mehr zu einer Person, die an eine neue Situation rangeht und mit anpackt, anstatt erstmal in Verzweiflung zu versinken. Gleichzeitig jedoch verliert er sein Lächeln nicht.

Bei seiner Heimkehr fällt es ihm schwer das Erlebte hinter sich zu lassen. Es droht ein Rückfall in sein altes Muster. Seine Erinnerungen an die getroffenen Personen, ihre Geschichten, ihre innere Stärke und ihr Dank geben ihm jedoch die Kraft, die er braucht, um mit dem Erlebten fertigzuwerden. Er kehrt mit einem Lächeln heim und hin-und-wieder sieht man selbst zum Schluss noch ein paar Bilderbuchfiguren.

Letztendlich hat mir der Manga sehr gut gefallen. Es gab verschiedene Persönlichkeiten mit vielen Facetten und viele Annahmen, die ich mir zu Beginn von den Personen gebildet hatte, haben sich später als falsch erwiesen. In manchen Situationen hätte ich es mir etwas detaillierter beschrieben gewünscht. Der Fokus des Manga lag auf die Zerstörung durch das Erdbeben und den Tsunami, sowie auf den Verlust der Opfer. Doch obwohl der Manga in der Ich-Perspektive verfasst ist,  wirkt er teilweise wie aus einer sehr oberflächlichen Perspektive erzählt. Dafür fand ich jedoch die visuelle Darstellung sehr gut gelungen. Sie hat mir einen guten Überblick über die Katastrophe gegeben und gleichzeitig an manchen Stellen zum Verweilen und Träumen eingeladen. Schwierig war für mich die richtige Übersetzung des Manga, da das Gesprochene teilweise widersprüchlich zu den Bildern war und der unterschwellige Humor oft unerwartet eintrat. Abgesehen davon jedoch war es mir eine große Freude den Manga gelesen zu haben und ich würde ihn  jedem jederzeit weiterempfehlen!

3 Gedanken zu „会い に 行く よ – Nach einer wahren Begebenheit

  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag! Schön, dass Sie sich für uns in diesen Manga eingearbeitet haben, der bisher nur in japanischer Sprache verfügbar ist. Besonders gut gefällt mir an Ihrem Beitrag, dass Sie auch schon stark auf die Bildsprache eingehen. Sie haben gut dargestellt, wie der Manga mit Kontrasten arbeitet – vor allem zwischen der naiven Herangehensweise der Hauptfigur und der tatsächlichen Situation vor Ort.

    Super für unseren Blog ist, dass Sie hier sehr originellen Content liefern – im deutschsprachigen Internet gibt es denke ich noch gar nichts über diesen Manga, und auch in englischer Sprache sind die Informationen sehr spärlich.

  2. Vielen Dank für den sehr umfangreichen und interessanten Einblick in den Manga! Ich finde es toll, dass du auf vielfältigen Ebenen Informationen zum Manga lieferst, dass du z.B. auf die zeichnerisch-visuelle Gestaltungsweise ebenso eingehst wie auf den Inhalt und hier auch schon Deutungsansätze lieferst. So finde ich deine Beobachtung der starken Kontraste, sowie die Hinweise auf die charakterliche Entwicklung des Protagonisten sehr interessant. Außerdem gefällt mir sehr gut, dass du zwischendurch deine eigenen Leseerfahrungen- und eindrücke mit einfließen lässt. Deine Präsentationsweise motiviert auf jeden Fall zum Lesen.

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