Ladies & Gentlemen: The Bawdies!

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Flickr cc, twelvemajorchords – Frontmann Roy bei einem Auftritt in Sydney (2008)

The Bawdies? Wer? „Klingt irgendwie nach den Beatles, sieht auch ein bisschen aus wie die Beatles, sind aber irgendwie doch nicht die Beatles“ mag den einen oder anderen beim Anblick der vierköpfigen Japanischen Rock Band aus Tokyo durch den Kopf schießen. Wer würde bei Namen wie „Roy“, „Taxman“, „Jim“ oder „Marcy“ auch schon an Japaner denken? Wohl kaum einer. Und genau dieser Aspekt des Unerwartbaren macht die Bawdies zu etwas besonderen. Was  genau hinter diesen 4 Herren im Einheitslook steckt, und in welcher Hinsicht sie sich von anderen Bands Japans abheben wird der nun folgende Artikel genauer beleuchten.

Wer sind The Bawdies? Ganz gleich dem Englischen Vorbild besteht die Band aus vier Mitgliedern und weist eine klare Rollenverteilung auf. Während Roy (Watanabe Ryô) als Frontmann und Bassist das Tempo vorgibt, sind die beiden Gitarristen Taxman (Funayama Taku) und Jim (Kimura Yorihiko) für die blitzschnellen Akkordabfolgen, die psychedelischen Zwischenspiele und die Soli zuständig. Doch eine Band ohne Schlagzeuger ist nur die halbe Miete. Den Platz des Drummers übernimmt Marcy (Yamaguchi Masahiko) und sorgt mit unterschiedlichsten Beats für eine facettenreiche und wiedererkennbare Harmonie.

Gegründet wurde die Band am New Year’s Day im Jahr 2004. Roy, Jim und Marcy kannten sich bereits seit der Kindheit.  Funayama „Taxman“ Taku lernten sie in der Highschool Zeit in Tôkyô kennen. Nachdem die Band mehrere Jahre lang durch die Indie-Szene Japans reiste, absolvierten sie 2007 ihre erste Übersee-Tour in Australien. Ihr erstes Album „YESTERDAY AND TODAY“ welches sowohl eigene als auch Cover Songs beinhaltet, wurde ein Jahr vorher beim SEEZ RECORDS Label veröffentlicht. Die wohl bekannteren Stücke auf diesem Album sind „I Got You (I Feel Good)“ von James Brown oder auch „Tutti Frutti“ von Little Richard.

Wie muss man sich den Sound der Bawdies vorstellen? Quäkige Japaner in schicken Anzügen die berühmte Hits covern? Nicht ganz. Fangen wir mit Frontmann und Sänger Roy an. Seine Stimme klingt tief, rau und „schmutzig“ zugleich. Eine Mischung aus Little Richard, James Brown und Joe Cocker. Mit seiner markanten tiefen Stimme könnte Roy auch problemlos in einer Hard Rock oder Heavy Metal Band singen. Sein Bass-Spiel erinnert stark an das von Paul McCartney. Während man passable Gitarristen wie Sand am Meer findet, sind brauchbare Bassisten schon wahre Raritäten. Einen Bassisten zu finden, der gleichzeitig spielen und singen kann ohne aus dem Takt zu kommen ist wie sechs Richtige im im Lotto.

Funayama „Taxman“ Taku greift in seiner Rolle als Rhythm Gitarrist oft auf den sogenannten „Twelve-bar blues“ zurück. Diese Spielweise findet sowohl im Rock’N’Roll als auch im Blues eine große Verwendung und ist durch Songs wie „Johnny B Goode“ von Chuck Berry oder Johnny Cashs „Folsom Prison Blues“ bekannt. Neben seiner Rolle als Gitarrist unterstützt Taxman auch noch Frontmann Roy mit Background-Sänger. Zweiter Gitarrist, und hauptsächlich verantwortlich für Solo Einlagen, ist Kimura „Jim“ Yorihiko. So wie seine Bandkollegen ist auch er im Jahr 1983 geboren. Jim ist das älteste Mitglied der Band,  zugleich aber auch das impulsivste. Bei Konzerten springt er nicht nur gerne mal auf die Absperrungen um den direkten Kontakt zu denFans zu suchen, nein, er springt auf der Bühne umher als wäre er das Kind zweier Flummibälle (oder ein entfernter Verwandter von Mick Jagger). Er ist die treibende Kraft wenn es darum geht die Fans anzuheizen und Stimmung zu verbreiten.

Die Hauptthematik die sich in fast allen Songs der Bawdies wiederfinden lässt ist die Liebe. Ob die Trauer um die einstige Liebe, den Problemen der Aktuellen oder die Suche nach einer neuen Liebe – Love is all you need. Sämtliche Songs sind in Englischer Sprache und werden von den Bandmitgliedern (90 % von Roy) selbst geschrieben. In einem Interview mit dem Japanische Online Portal Natalie (ナタリー) aus dem Jahr 2010 gab Bassist Roy an, dass durch die Verwendung Englischer Lyrics ein einmales Gefühl entstehen würde, welches sich mit keiner anderen Sprache dieser Welt erzeugen lässt. Die Band könnte zwar auch auf Japanisch gute Rock Musik spielen (und die ein oder anderen Erfolge erzielen), jedoch den „Kern“ des Rock’N’Rolls nicht einfangen. Aktuell umfasst das Gesamtwerk der Bawdies 8 Alben (2 Cover Alben), 10 Singles (von denen ein Großteil in den Japan Hot 100 eingestiegen sind) sowie 4 DVD und Vinyl Veröffentlichungen. Die Band tritt regelmäßig bei Japanischen Festivals auf (Rock In Japan Festival, Sweet Love Shower etc.) und touren mehrmals im Jahr durch ganz Japan.

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Flickr cc, twelvemajorchords – Rhythm Gitarrist „Taxman“ bei der Arbeit (2008)

Ob auf Twitter, Facebook, oder im eigenen Ameba Blog: der Kontakt zwischen Musik Bands und ihren Fans war noch nie in seinen Möglichkeiten so groß wie im 21. Jahrhundert. Während die eine Sorte von Bands lediglich Tourdaten und neue Werke zu promoten versuchen, nutzen die anderen die Internetpräsenz um auf unentdeckte Talente hinzuweisen, eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen, oder aber auch um alltägliche Spaziergänge genaustens zu protokollieren und für die Fans zu konservieren. Jeder der 4 Bawdies hat einen eigenen Twitter Account (und es gibt einen Band-Account). Frontmann Roy tauscht sich beispielsweise gerne mal mit Fans über Songs der 1960er und 1970er aus, stellt selbst Songs anderer vor, oder aber twittert fleißig Bilder von den verschiedensten Locations Japans. Während die Fans der Beatles früher tagelang Zeitungen und andere Prospekte haargenau studieren mussten um herauszufinden was ihre Idole auf der anderen Seite der Welt machen, reicht es heute bereits den Computer oder das Smartphone anzuschalten um sich an einer Vielzahl von Feeds bedienen zu können.

Wer sich legal Songs von den Bawdies im Web anhören will kommt um die Benutzung von Plattformen wie Itunes und co schwer herum. Die meisten offiziellen Videos der Band auf Youtube sind in in Deutschland durch die GEMA und Universal Music gesperrt.

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Flickr cc, twelvemajorchords – An der Lead Gitarre: Kimura „Jim“ Yorihiko (2008)

Zu guter Letzt noch ein paar Videos:

Just Be Cool
https://www.youtube.com/watch?v=C1CdLXMlzpI
You Gotta Dance
https://www.youtube.com/watch?v=-pyL0LwJJAc
I Beg You
https://www.youtube.com/watch?v=Rfy7BrUYVs4
I’m In Love With You
https://www.youtube.com/watch?v=8pM3hTy8-x8

Parallelen zu den Beatles:

  • „Yesterday and Today“ hieß auch ein 1966 von den Beatles veröffentlichtes Album.
  • „Taxman“ ist der Titel eines Beatles Songs der von George Harrison geschrieben wurde.
  • Beide Bands haben einen Bassisten als Lead-Sänger.
  • Sowohl die Beatles (1966) als auch die Bawdies (2011) haben im Nippon Budokan, einer berühmten Kampfsporthalle in Tôkyô Konzerte gespielt.

Links:

4 Gedanken zu „Ladies & Gentlemen: The Bawdies!

  1. Unser Musik-Experte hat wieder gesprochen 🙂
    Vielen Dank für den sehr kompetenten und flott formulierten Artikel! Man merkt, dass Sie wirklich im Thema drin sind – dadurch können Sie hier etwas liefern, dass man noch nicht auf x anderen Internetseiten nachlesen kann. Zudem ist die Musik auch noch ziemlich cool 😉

    Mit der Aktivität in den sozialen Netzwerken sprechen Sie schon einen Aspekt an, der sich auch sehr gut eignen würde, um eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Thema zu stricken. Ich würde vorschlagen, dass Sie da dranbleiben!

    1. Ich persönlich finde es interessant, dass ein gewisser Diskurs bei den meisten in Deutsch verfassten Online Blogs zum Thema Japanische Musik zu erkennen ist. Oft liegen die Schwerpunkte auf Genre wie Visual Kei, Rock oder Pop. Man könnte glatt auf die Idee kommen, dass ausschließlich Bands aus diesen Bereichen auch über die Grenzen Japans hinweg einen Grad an Popularität aufweisen können und eine größere Anzahl an Fans besitzen. Deutschsprachige Blogs die Informationen und Artikel über ältere Japanische Bands (oder auch über Enka Sänger) bereitstellen, gibt es meiner Meinung nach wenige bis hin zu gar keine.

      Die Vernetzung zwischen den Künstlern populär-kultureller Werke und deren Konsumenten und Fans, erachte ich auch als etwas, dass man gut erforschen könnte. Die Verlagerungen von einer Sozialen Plattform zur nächsten, und das Ableben einzelner Kommunikationsplattformen finde ich ist auch ein interessanter Aspekt den man genauer betrachten könnte. Ich bin selbst seit der Jahrtausendwende in der Japanischen Musikszene unterwegs. Damals waren z.B. Internetforen als Kommunikationsort sehr beliebt. Doch mittlerweile, so kommt es mir vor, werden eher soziale Netzwerke (wie Tumblr, FB oder auch LiveJournal) durch die Fans einzelner Bands dazu genutzt um untereinander interagieren zu können.

  2. „Man könnte glatt auf die Idee kommen, dass ausschließlich Bands aus diesen Bereichen auch über die Grenzen Japans hinweg einen Grad an Popularität aufweisen können und eine größere Anzahl an Fans besitzen.“

    Ja, und das ist nicht nur in deutschen Medien so, auch in der Forschung werden vornehmlich Idols, Visual Kei etc. behandelt. Eine Ausnahme sind Enka, deren Fankultur von Christine Yano behandelt wurde. Es gibt also noch viel zu tun! Die Ansätze, die Sie hier nennen, halte ich für eine interessante Möglichkeit. Und für Projekte in Japan selbst bietet der Bereich natürlich auch jede Menge Stoff 😉

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