Wie Vögel im Goldenen Käfig

titan
Flickr cc, Dex

„On that day, mankind received a grim reminder. We lived in fear of the Titans, and were disgraced to live in these cages we called walls.“

So lautet die wohl gängigste Übersetzung des Beginns eines Animes, der in kürzester Zeit gigantische Wellen schlug und eine große Fangemeinde aufbauen konnte. Shingeki no Kyojin heißt dieser Anime, oder auch Attack on Titan. Basierend auf dem noch fortlaufenden Manga von Isayama Hajime (bisher 11 Bände in Japan) wurde Shingeki no Kyojin seit April 2013 als Anime aus der Produktion von WIT Studios in Japan ausgestrahlt, und hat seitdem einen großen Hype rund um die Welt ausgelöst.

Die Welt und ihre Geschichte

Shingeki no Kyojin zu beschreiben, ohne euch durch Spoiler den Spaß an der Serie zu verderben, ist schwer. Im Grunde dürfte man nicht mehr sagen, als dass es darum geht, dass Menschen gegen die sogenannten „Titanen“ kämpfen, um zu überleben. Da das alleine aber mit Sicherheit niemandes Interesse wecken würde, muss noch der Grund eben dieser Geschehnisse genannt werden: Die Geschichte spielt in einer postapokalyptischen Welt, welche vielleicht sogar unsere sein könnte. In der dortigen Zeitrechnung schreiben wir das Jahr 845. Vor über 100 Jahren tauchten die Titanen auf, gewissermaßen der natürliche Todfeind unserer Spezies. Sie sind gigantische, menschenähnliche Wesen, die im Grunde nur ein Ziel haben: Menschen fressen. Sie sind stark, beinahe unverwundbar und nur schwer zu besiegen, weshalb die Menschheit bis auf einen kleinen Teil vollkommen ausgerottet wurde. Nur der klägliche Rest der Menschen baute drei große, kreisförmige Mauern, und lebt seitdem dort eingepfercht und ohne Hoffnung. Doch seit 100 Jahren gab es keinen Zwischenfall mehr, und das Leben in den Mauern war friedlich, weshalb die Menschheit langsam ihre Furcht vor den Titanen und die Gedanken an die Außenwelt vergaß. Lediglich die „Scouting Legion“, oder „Außenmission“, versucht noch, gegen die Titanen vorzugehen und einen Weg zu finden, diese endgültig zu besiegen – und irgendwann einmal die Welt für sich zurückzuerobern.

Das ist die Vorgeschichte der Serie, und hier beginnt das Unglück. Der Protagonist des Animes, Eren, lebt hinter einer dieser 50 Meter hohen Mauern ein friedliches Leben mit seinen Eltern, seiner Adoptivschwester Mikasa, und seinem besten Freund Armin. Er ist einer der wenigen, die die Titanen noch fürchten und weiterhin nach der Außenwelt streben – weswegen der kleine Junge von den meisten nur belächelt wird. Doch der Anime wäre nicht interessant, würde die Serie nicht genau damit beginnen, dass sich Erens Vermutungen bestätigen: Die Menschheit hat offensichtlich doch kein unüberwindbares Hindernis gebaut. Ein Titan von gut 60 Metern Größe erscheint, und reißt ein Loch in die Mauer – und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Interessante Aspekte

Es gibt verschiedene Dinge, die Shingeki no Kyojin so interessant machen. Zum einen natürlich der dystopische Aspekt der Serie: Es handelt sich immerhin um ein postapokalyptisches Setting, in dem große Ängste der Menschheit dargestellt werden – zum Beispiel dieser gigantische, unbesiegbare Feind. Aber die Serie sticht auch dadurch heraus, dass sie zum Einen zeigt, wie schwer der Tod auf einem einzelnen Individuum lasten kann, und wie häufig und nebensächlich er in so einem Krieg doch gleichzeitig ist – und auch, dass nicht jeder „Held“ ein dramatisches Ende bekommt.

Was für uns Deutsche vor allem von Interesse sein könnte, sind die Namen der Charaktere. Viele der Namen sind französisch oder deutsch – so heißt der Protagonist der Serie „Jäger“ mit Nachnamen, und seine Adoptivschwester „Ackermann“, was vermuten lässt, dass die Serie im europäischen Bereich rund um Deutschland und Frankreich spielen könnte. Alles in allem ist die Serie auch durch ihre Musik deutsch angehaucht; nicht nur einige der Lieder des Soundtracks sind deutschsprachig, auch die beiden Openings (von Linked Horizon) enthalten viele deutsche Worte und Sätze. So zum Beispiel auch der wohl bekannteste Teil des ersten Openings: „Sie sind das Essen und wir sind die Jäger“, oder die „Flügel der Freiheit“ im zweiten Opening, welche das Symbol der Außenmission sind.

Shingeki no Kyojin und die Populärkultur

Gründe, warum Shingeki no Kyojin nach Serienstart so beliebt wurde, gibt es vermutlich noch viele mehr. Bei der wissenschaftlichen Betrachtung dieses Teils der japanischen Populärkultur fiel mir als erstes ein, was Iwabuchi Koichi in „Recentering Globalization“ (Durham und London: Duke University Press, 2002) zum Thema Populärkultur sagte: In den besonders stark konsumierten Produkten der japanischen Populärkultur verschwimmen oder verschwinden die kulturellen oder länderspezifischen Merkmale Japans teils vollständig. Dies nennt sich mukokuseki, und ist definitiv in Shingeki no Kyojin wiederzuerkennen (vgl. Iwabuchi 2002: 28) – immerhin verschwimmen in dieser Serie nicht nur länder- oder kulturtypische Elemente, sowie ethnische und geschlechterspezifische Wertungen, sondern auch Nationalitäten (z.B. wird – mit Ausnahme von Mikasa – eigentlich nie über die „Nationalität“ der Charaktere, geschweige denn die „Japaneseness“ geredet, da diese fast nicht vorhanden ist). Durch diese verschwommene kulturelle Zugehörigkeit der Serie kann sie besonders viele Leute in den unterschiedlichsten Ländern ansprechen.

 

Alles in einem wird Shingeki no Kyojin seinem Hype größtenteils gerecht, da es sehr zum Nachdenken und Fantasieren anregt – aber natürlich auch zum Spoilern. Denn in Shingeki no Kyojin gibt es einige Elemente, die zwar teils zu erwarten sind, aber teils auch vollkommen unberechenbar sein können, was bereits den halben Spaß an der Serie ausmacht. Bei Interesse sei also äußerste Vorsicht im Internet geboten. Ansonsten: Keep calm and carry on – and don’t get eaten by a Titan.

 

12 Gedanken zu „Wie Vögel im Goldenen Käfig

  1. Ich finde, der Artikel ist sehr gut gelungen! Bestimmt werden einige Leser, die Shingeki no Kyojin noch nicht kennen, Interesse bekommen und diesem Meisterwerk genauso verfallen, wie alle anderen auch 😉

  2. Dieser Artikel weckt definitiv Interesse ohne irgendetwas vorwegzunehmen, was bei dieser Serie wirklich nich einfach ist. Sehr gut gelungen. Also, wer shingeki no kyojin noch nicht gesehen hat, unbedingt mal reinschauen. 🙂

  3. Ich finde auch, dass der Artikel das Interesse an der Serie weckt (ich bin bisher noch keine Konsumentin gewesen). Vielleicht könnte man bei einem so langen Artikel noch Unterüberschriften machen, um ihn etwas besser zu gliedern.

    Beim Lesen Ihrer Vorstellung kam mir der Gedanke, dass der Film „Pacific Rim“ doch ein recht ähnliches Handlungsschema aufweist. Auch heißen dort die großen Mechas, mit denen die Ungeheuer bekämpft werden, „Jaeger“. Wissen Sie etwas darüber, ob Pacific Rim auch von Shingeki no Kyojin beeinflusst wurde (neben dem offensichtlichen Einfluss von Kaijû Eiga)?

    1. Das mit den Unterüberschriften ist eine gute Idee; ich habe mal welche eingefügt, aber vielleicht fallen mir irgendwann auch noch bessere ein.

      Die Ähnlichkeit zu Pacific Rim ist mir beim Schauen des Filmes auch sofort aufgefallen. Von einer Beeinflussung des Filmes durch SnK wüsste ich allerdings nicht, und habe auch nichts dazu herausfinden können. Ich denke auch nicht, dass da eine direkte Beeinflussung besteht, da das Prinzip des gigantischen, bzw. scheinbar unbezwingbaren Feindes auf der anderen Seite einer Mauer/Grenze, dessen Absichten man nicht wirklich kennt, ja kein seltenes Motiv ist. In der Anime- und Manga-Szene fallen mir da zwar spontan keine wirklich passenden Beispiele ein, aber z.B. auch bei berühmteren Büchern/Serien wie Game of Thrones lässt sich dieses Motiv im Hintergrund wiedererkennen (wenn auch nicht als primäres „Problem“, wie bei Pacific Rim oder SnK), da es ja auch hier eine Mauer gibt, hinter der die „White Walker“ lauern sollen, die auch unter die Kategorie des oben genannten Feindes fallen.
      Was übrigens die Jaeger in Pacific Rim angeht, lässt sich auch eine nette Parallele zum Hauptcharakter von SnK ziehen: Natürlich auch dadurch, dass dessen Nachname „Jäger“ lautet, aber gleichzeitig auch noch durch etwas anderes – was allerdings leider zu viel von der Story vorwegnehmen würde, um es hier zu nennen 😉

      1. Ja, die Unterüberschriften machen sich gut! 🙂

        Ich habe auch noch ein bisschen gegoogelt und nichts über eine Beeinflussung des Regisseurs durch den Manga/Anime gefunden. Aber im japanischen Internet wird schon viel über die Ähnlichkeit geschrieben und auf Youtube gibt es Videos von SnK mit der Musik von Pacific Rim und umgekehrt.

        Die Story klingt auf jeden Fall sehr spannend, hoffentlich finde ich bald mal Zeit dafür!

  4. Die Hauptinspirationen waren glaube ich Godzilla und das Mecha-Genre, hier ein Video von Regisseur del Toro, während er das Gundam Museum besucht:

    http://www.youtube.com/watch?v=nYoAIgjlvL4

    und das deutsche Begriffe verwendet werden, um cool zu wirken, kenne ich aus japanischer Populärkultur und von meinen amerikanischen Verwandten

    hier sagt del Toro auch, dass er Ultraman in seiner Kindheit gesehen hat (wieder fast vollständig japanisch):

    http://www.youtube.com/watch?v=AiwkProsb5o

  5. Ja, dass del Toro selbst sehr stark von japanischer Populärkultur beeinflusst ist sieht man ja eindeutig. Die Parallelen zu Shingeki no Kyojin können sich auch einfach aus dieser Inspiration heraus ergeben haben – man kann sagen, beide haben sich aus der gleichen „Database“ bedient. Mal sehen, wie es bei Pacific Rim 2 weitergeht 😉

    Ach ja, wir können gerne ein paar Moderatoren bestimmen, falls Sie also Interesse an „ModPower“ haben, geben Sie Bescheid!

  6. Ich muss sagen, ich habe mich anfangs von einer groben Beschreibung des Anime von Freunden (also einer groben Zusammenfassung des Plots wie sie auch hier vorgenommen wurde) nie angezogen gefühlt, da ich eigentlich dachte, so etwas sei so gar nicht mein Genre.
    Es hat mich dann aber echt fasziniert, dass es mich doch so mitgerissen hat, dass ich jede Woche der neuen Folge entgegengefiebert habe.
    Angesichts des Riesenerfolgs kann man wohl hoffentlich auch mit einer zweiten Staffel für den Anime rechnen.

    Zu den deutschen Einflüssen: ein Tandempartner von mir erwähnte, dass die deutsche Stadt Nördlingen auch von Mauern umgeben sei, als wir über SNK redeten.
    Ich weiß nicht warum er genau diese Stadt assoziierte, denn vermutlich gibt es mehrere deutsche Städte, die noch erhaltene Stadtmauern haben(?), aber ich frage mich wirklich, ob es einen tieferen Grund dafür gibt, dass hier so viele deutsche Elemente vorzufinden sind.
    Gelungener Artikel!

    1. Mir ging es damals mit SnK eigentlich ganz genauso 🙂 Ich habe es auch nur mehr oder weniger aus Jux mit einer Freundin angefangen zu schauen – „weil darum ja so ein großer Hype gemacht wird“… und kurz darauf haben wir auf jede weitere Folge hingefiebert. Dass es eine 2. Staffel geben wird ist ziemlich wahrscheinlich, denke ich, sowohl storymäßig als auch vom Erfolg her – also schön weiter Daumen drücken, dass daraus wirklich was wird ;D

      Das mit Nördlingen ist mir auch bekannt. Ich habe auch bereits auf Youtube ein Video gesehen, in dem davon die Rede ist, dass Nördlingen sowas wie das Real-Life Shinganshina ist. [ http://www.youtube.com/watch?v=_Czj4Z-lIjM ] Aber generell sind ja ziemlich viele ältere deutsche Städte so herrlich passend (in der Nähe meiner Heimatstadt und entlang des Rheins finden sich zum Beispiel ja auch einige Städte mit Stadtmauern). Warum genau es diese ganzen deutschen Elemente gibt, würde ich aber auch wirklich gerne wissen. Vermutlich liegt es einfach nur an der Faszination Japans an Deutschland, aber vielleicht steckt da ja auch noch viel mehr dahinter 🙂

  7. Hab jetzt auch mal mit SnK angefangen und gerade überraschend festgestellt, dass es hier auch schon einen Artikel dazu gibt. Wie ich drauf gekommen bin? Die neuen Mangaprogrammankündigungen für Frühling/Sommer stehen kurz bevor und im comicforum wird unendlich viel darüber geredet, ob SnK dabei sein wird. Der Anime/Manga verursacht ja einen regelrechten Hype. Aber erstmal was zu deinem Artikel: liest sich flüssig und die Gliederung gefällt mir. Neben deutschen und französischen Namen konnte ich noch englische und osteuropäische entdecken. Vermute also auch stark, dass es im europäischen Gebiet ist und klar der Bezug zu Deutschland ist am meisten vorhanden. Schon alleine durch die Passagen im Opening, das erwähnt du ja auch. Ich muss sagen der Anime gefällt mir ( nicht übermäßig, aber irgendwas fesselt einen da doch). Generell würde ich sagen dystopische Geschichten erwecken oft Interesse und Faszination. Ständig sind wir mit dem Thema in Film, Buch und Spiel konfrontiert und das Thema muss anscheinend immer weiter und wieder bedient werden. Erfrischend bei SnK finde ich, dass die Dystopie nicht im us-amerikanischen Gebiet angesiedelt ist, wie es oft in Filmen dargestellt wird.

  8. Ein etwas verspäteter Eintrag zu dem Thema, aber besser spät als nie 😉
    Ich muss gestehen, dass ich den ersten Folgen des Animes nicht viel abgewinnen konnte und ich stellte mir die Frage, wie es sein kann, dass der Hype darum so groß ist. Ich habe mich aber (zum Glück) dazu entschlossen weiter zu schauen (was zum Großteil daran liegt, dass fast jede Folge mit einem Cliffhanger endet und man einfach nicht anders kann, als weiter zu schauen 😀 ).
    Nach wenigen Folgen entwickelt sich die Geschichte jedoch sehr schnell und unerwartet- und genau das finde ich an der Serie so faszinierend. Es geschehen soviele Dinge mit denen man einfach nicht rechnet und die man so noch nicht, oder nur selten, in anderen Animes und Mangas gesehen hat.
    Ich kann die Serie ebenfalls nur empfehlen 🙂 und es wurde wohl bereits bestätigt, dass SnK nun auch bald in Deutschland als Manga erhältlich sein wird.

    Es gibt mittlerweile in Japan auch schon einen SnK Manga „Ableger“ in einem anderen Magazin. Er heißt „shingeki no kyojin gaiden: kuinaki sentaku“ (進撃の巨人 外伝 悔いなき選択) in dem die Vergangenheit eines SnK Charakters (Levi) im Mittelpunkt steht.Mittelpunkt steht.

  9. Ein etwas später Eintrag zu diesem netten Artikel ;). Ich selbst bin schon seit längere Zeit ein Fan von Shingeki no Kyojin und war deswegen recht erfreut, als ich gesehen habe, dass ein Artikel über die Serie verfasst wurde. Zuerst einmal finde ich ich sehr schön, dass du dir die Mühe gemacht hast die Geschichte und Welt angemessen vorzustellen. Doch besonders gelungen finde ich es, wie du auf die Darstellung des Todes, bzw. den Umgang mit diesem eingegangen bist. Denn gerade dieser Aspekt fasziniert mich sehr an dem Anime/ Manga. Der Autor schaffst es wirklich ein starkes Gefühl der Angst und der Hilflosigkeit zu erzeugen, die den Zuschauer packt und mitreißt. Man hat wirklich das Gefühl, dass es zu jeder Zeit jeden Treffen könnte. Durch die plötzlichen, teilweise verstörenden Todesmomente gewinnt die Geschichte, trotz ihres fiktiven Setting, an Authentizität. Was ich ebenfalls an der Serie mag ist, wie schon im Artikel beschrieben, der Bezug zur deutschen Sprache, der sich in Charakternamen und Songtexten wiederspiegelt. Vor allem den Soundtrack ,,Vogel im Käfig“ finde ich besonders schön, obwohl die deutsche Aussprache der Japaner nicht immer zu 100% verständlich ist, macht es Spaß zuzuhören. Allerdings muss ich hier kurz anmerken, dass der Anfangssatz des ersten Openings nicht: ,,Sie sind das Essen und wir sind die Jäger“, sondern: ,,Seid ihr das Essen? Nein, wir sind der Jäger!“ lautet ;). Ich habe nämlich auch das zuerst anders verstanden und fand das etwas komisch, weil es ja eigentlich keinen Sinn macht. Dann bin ich der Sache nachgegangen und habe die offiziellen Lyrics gefunden, die dann auch Sinn ergaben. Aber das ist ja nicht schlimm, die singen das ja auch ziemlich unverständlich ;).

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