Takahata Isao über „Kaguyahime“ und Verantwortung in Japan

10818681_10203107168226389_508738281_nEin persönlicher kleiner Traum ging in Erfüllung: Ich konnte einem Vortrag von meinem Lieblings-Anime-Regisseur Takahata Isao (u.a. „Die letzten Glühwürmchen“, „Pompoko“) beiwohnen. Takahata kam nach Kanazawa, um vor Studenten über sein bewegtes Leben und seine politischen Ansichten zu sprechen. Was für mich so erwartungsvoll begann, endete in einem kleinen Kulturschock.

Das Setting des Vortrags

Das viel beworbene Highlight des Universitätsfests (学祭) der Universität Kanazawa ist ein Gastvortrag des Anime-Regisseurs Takahata Isao (*1935) am 02.11.2014. Er ist neben Miyazaki Hayao die führende Persönlichkeit der Anime-Produktionsfirma Studio Ghibli und war verantwortlich für viele weltbekannte Anime-Filme wie „Die letzten Glühwürmchen“ (蛍の墓, 1988), „Only Yesterday“ (おもひでぽろぽろ, 1991),  „Pompoko“ (狸平成合戦ぽんぽこ, 1994) und „Die Legende der Prinzessin Kaguyahime“ (かぐや姫の物語, 2013). Der Vorlesungssaal, in dem der Vortrag stattfindet, hat 350 Plätze, von denen gut 80% besetzt sind. Das Publikum sind größtenteils keine Studenten, sondern Personen zwischen 40 und 60 Jahren. Studenten machen nur rund 30% der Zuhörer aus. Ich bin der einzige westliche Ausländer, was mich sehr überrascht.

Ein unauffälliger alter Mann

Takahata kommt bereits 15 Minuten früher in den Raum und setzt sich schweigend in die erste Reihe vor das Rednerpult; die meisten Zuschauer scheinen ihn nicht bemerken. Er trägt dasselbe braune Cordsakko mit fleischfarbenem Hemd wie auf dem Ankündigungsfoto, seine Kleidung wirkt weder modisch noch teuer. Er ist unauffällig, auf der Straße hätte ich ihn niemals erkannt. Um 14 Uhr wird er von einer Universitätsmitarbeiterin angekündigt mit den Worten, er werde über seine Animes und Frieden sprechen. Dann betritt er die Bühne und stellt sich hinter das Rednerpult. Er spricht ohne Notizen oder Skript und macht deshalb manchmal Gedankensprünge. Während seines Vortrags spielt er mit beiden Händen am Mikrofon oder mit seiner Taschenuhr herum. Er spricht leise und schnell, aber bestimmt.

„Kaguyahime“ und Emanzipation

Er beginnt mit einer kurzen Anekdote zu seinem letzten Film „Kaguyahime“, der auf dem bekannten japanischen Märchen „Taketori Monogatari“ (竹取物語) basiert. Er habe bereits seit 50 Jahren die Idee gehabt, aus diesem Märchen einen Anime zu machen. Er habe die Geschichte zum ersten Mal in der Grundschule (小学校) gehört und es beeindruckte ihn, dass eine Frau darin die Hauptrolle spielt. Bis vor etwa 30 Jahren hätten Frauen kaum arbeiten dürfen. Man habe von ihnen verlangt, dass sie Kinder bekommen und diese großziehen; das war ihre einzige Rolle in der Gesellschaft. Heute hingegen sind Frauen wichtig in der Arbeitswelt. Auch bei Studio Ghibli arbeiten sehr viele Frauen, sie seien fleißig und oft auch besser als die Männer. Er freue sich sehr über diese Emanzipation (女性労働反発), dass Frauen heute nicht mehr nur Ehefrauen sein müssen. Aber diese Entwicklung sei wegen der Japanischen Regierung leider erst spät gekommen, später als im Westen. (Er schaut auf seine Uhr. Erst 15 Minuten sind um. Er überlegt kurz, was er noch erzählen kann.)

Die Japanische Kunst und das Talent zur Umformung

Er spricht über Kunst. Für ihn gab es drei Zenite in der japanischen Kunstgeschichte: die Heian-Zeit, die späte Edo-Zeit und die Nachkriegszeit. Zur Heian-Zeit wurden besonders Literatur und die höfische Kultur aus China übernommen, welche die Japaner dann zu ihren eignen weiterentwickelt haben. In der späten Edo-Zeit wurden Holzschnitte (浮世絵) von Künstlern wie Hokusai oder Kuniyoshi zu einer beliebten Kunstform, die ihre Ursprünge in China, aber auch im Westen habe. Später wurden die Motive der Holzschnitte vom Westen in der Strömung des Japonismus weiterverwendet. In der Nachkriegszeit kam es zum Manga- und Anime-Boom in Japan. Diese Medienformate haben Vorbilder aus den USA, seien aber in Japan weiter ausgefeilt wurden. In diesen drei Epochen sei seiner Meinung nach grundsätzlich dasselbe passiert: die Japaner hätten eine ausländische Kunstform übernommen, nachgeahmt und verbessert. Das sei das wirkliche Talent der Japaner, etwas Fremdes zu etwas Eigenem umzuformen. Er begreift Kunst grundsätzlich als einen dynamischen Prozess, einer Art Fluss, der Länder und Kulturen überschreitet. Er findet daher Kampagnen wie „Cool Japan“, die eine ureigene japanische Kunstvorstellung promoten, Blödsinn (馬鹿). (14:50 Uhr. Er schaut erneut auf seine Uhr und überlegt schweigend für etwa 30 Sekunden, worüber er noch sprechen könnte.)

Katastrophen in Japan

Er erzählt, Japan habe sich im Vergleich zu Europa seit dem Krieg von außen betrachtet stark verändert. Die Städte seien riesig geworden, viel Natur wurde zerstört. Aber eigentlich lebe man heute, im Vergleich zur Kriegszeit, in einer Epoche des Glücks (幸せ). Es würde oft gesagt, die Dreifach-Katastrophe in Tôhoku 2011 sei ein unvergleichbares Unheil gewesen, aber die Leute würden seiner Meinung leider vergessen, dass es solche Katastrophen schon immer gab. Der Krieg sei so eine Katastrophe gewesen. (Takahata macht dann einen Themensprung, wird aber auf den Krieg noch zurückkommen.)

Japanische Sprache im Wandel

Er erzählt weiter über die japanische Sprache. Man sage oft, die Sprache habe sich stark gewandelt, das geschriebene und das gesprochene Wort würden heute weit auseinanderdriften. Aber er findet, Schrift- und gesprochene Sprache hätten sich ständig gewandelt, viele Dialekte seien von der Standardsprache weit entfernt, obwohl dieselben Schriftzeichen benutzt werden, beispielsweise würde in einigen ländlichen Orten das Schriftzeichen „Berg“ (山) nicht さん, sondern せん gelesen. Er erwähnt das Manyôshû als eines seiner Lieblingswerke. Auch dort gebe es viele sprachliche Variationen. Er nennt als Beispiel das Zeichen „Liebe“ (恋), das eigentlich mit こい gelesen wird und für die Beschreibung der Beziehung zwischen zwei Menschen benutzt wird. An einer Stelle im Manyôshû allerdings, wo es um einsame Person geht, wird es mit der Bedeutung von „traurig“ (悲しい) gelesen.

„Kaguyahime“ und das Leben auf dem Mond

Er kommt zurück zu „Kaguyahime“. Die Geschichte würde man als Fantasy einordnen, weil sie übernatürliche Elemente enthält. Dennoch habe sie ihn bereits vor 50 Jahren zum Nachdenken angeregt. Besonders hätten ihn zwei Fragen beschäftigt. Erstens, warum Kaguyahime vom Mond zu Erde gekommen ist, und zweitens, wie das Leben auf dem Mond sein mag. Auf beide Fragen liefere die Geschichte keine Antwort. Man könne erahnen, dass das Volk auf dem Mond der damaligen menschlichen Zivilisation überlegen ist, u.a. weil sie zur Erde reisen können. Gerade deshalb erscheint für ihn die Frage interessant, warum Kaguyahime freiwillig auf der Erde leben will, und warum sie dann recht plötzlich wieder zurück muss. Er habe oft versucht, Kollegen davon zu überzeugen, seine Ideen als Impulse zu nehmen und einen Anime zu „Kaguyahime“ zu machen, aber da dies in den letzten 50 Jahren niemand machen wollte, tat er es schließlich selbst. Dies sei auch sein einziger Film, für den er sich streng an eine Vorlage halten wollte. Er möge die neue CGI-Technik für Trickfilme aus den USA nicht so gerne und freue sich, dass es in Japan noch viele größtenteils gezeichnete Animes gibt. („Kaguyahime“ ist zeichnerisch recht simpel, nahezu altmodisch gestaltet.)

Der blödsinnige Krieg und das Problem der Verantwortung

Dann beginnt der letzte und wohl auch wichtigste Teil seiner Rede. Ob er ihn sich bewusst bis zum Ende aufgehoben hat, kann ich nicht sagen. Es geht um Politik. Er kritisiert den Premierminister Abe, dieser würde seine Entscheidungen nicht ausreichend erklären, aber niemand würde sich daran stören. Die Zeitungen würden, ebenso wie die Bevölkerung, das einfach so hinnehmen. Wir würden in einer beängstigenden Zeit (恐ろしいとき) leben. Es gebe so viele Lügen (嘘のものいっぱい), z.B. viele Filme wollen die Menschen nur unterhalten (感動) und zeigen ihnen daher Lügen. Natürlich seien viele seiner Filme aus dem Genre „Girl Fantasy“, aber sie beginnen in einer realen Welt und zeigen diese auch mit ihren Problemen. Vor dem Krieg habe er Amerika gemocht, dann kam der Krieg und er sollte auf einmal Amerika hassen, nach Kriegsende in der Besatzungszeit sollte er Amerika wieder mögen. Im Krieg schrie man „Banzai!“ und alle sollten den Tennô lieben. Wieso solle er den Tennô lieben? Er liebe seine Ehefrau, das reiche aus. Früher seien die Menschen in Japan religiös gewesen und glaubten an Götter (神様), aber im Krieg gab es nur den Tennô als Gott, und nach dem Krieg gab es keine Götter mehr. Viele aus der Elite (エリート) hätten damals den Krieg kritisch gesehen, er auch. Sie hätten sich gefragt, was bei einer Niederlage passieren würde, aber die meisten Leute hätten immer geglaubt, man könne den Krieg nur gewinnen (勝つしかない). Aber man hat den „blödsinnigen Krieg“ (馬鹿な戦争) verloren. Heute sei es immer noch dasselbe. Japaner würden immer „ja, ja, ich stimme zu“ (はい、はい、賛成) sagen. Es gebe keinen Grund für einen Krieg heute, auch nicht wenn andere Länder Atombomben hätten (原爆を持っているって、関係ない!). Japan und auch China würden sich in den momentanen Konflikten idiotisch (馬鹿) verhalten. Das Wesen der Japaner (日本の人間) habe sich nicht geändert. Die Japaner würden keine Verantwortung übernehmen (責任を曖昧にしてしまう). Die Dreifach-Katastrophe sei in dieser Hinsicht genau wie der Krieg verlaufen, man habe die Verantwortung abgewendet und sei damit durchgekommen. Das sei bis heute das große Problem der japanischen Gesellschaft. (Die Organisatoren ermahnen Takahata leider, er müsse zum Ende kommen).

Die blödsinnigen Fragen aus dem Publikum

80 Minuten hat er gesprochen. Ich habe erwartet, er würde über seine Animes sprechen, und bin positiv überrascht von seiner kritischen Position zur japanischen Politik. Sechs Personen aus dem Publikum, alle sind Männer zwischen 30 und 50 Jahren, dürfen ihm noch Fragen stellen. Eine Frage bezieht auf das aktuelle Personal beim Studio Ghibli, die Takahata abblockt und darauf verweist, dass man so etwas im Internet finde könne (自分で勉強してください). Die Frage einer etwas verwirrt scheinenden Person geht in ihrem dreiminütigen Monolog unter, scheint aber die Darstellungsweise des Krieges in „Die letzten Glühwürmchen“ zu kritisieren. Die letzten vier Fragen bewegen sich alle in eine ähnliche Richtung. Eine Person behauptet, das Problem beim Krieg sei gewesen, dass die Amerikaner bessere Kriegsschiffe hatten. Takahata unterbricht ihn sauer und weigert sich, das zu kommentieren. Eine Person will wissen, ob Takahata Japan liebe oder hasse (好きか、好きじゃないか), bei seinem Vortrag sei das unklar gewesen. Takahata antwortet schnell und energisch, dass man das nicht so leicht sagen könne (簡単じゃない). Man müsse sehr viele Aspekte beachten. Die Menschen, die sich hinstellen und sagen „Japan ist toll“ (日本は素晴らしい), sind für ihn Idioten (馬鹿). Eine Person kritisiert, dass er selbst ja den Krieg nicht miterlebt habe und deshalb nicht wisse, ob die Kriegseindrücke, wie sie Takahata in seinem Anime vermittelt, der Wahrheit entsprechen. Die letzte Frage schloss direkt daran an: Die einen würden dies über den Krieg sagen, die anderen das, man wisse deshalb nicht, wen man glauben soll. Takahata reagiert sehr wütend. Man könne sich über den Krieg informieren (調べることができる), man könne viele Fragen nicht schnell beantworten und müsse dann weiter recherchieren (また調べる). Sich zu informieren sei wichtiger als Gefühle (感動), die z.B. Politiker oder Filme einem geben. Man würde – wenn man sich selbst bemüht – den Krieg verstehen (わかる) und die Wirklichkeit (リアリティ) erkennen. Diese eigene Recherche sei das wichtigste (調べることは大事!).

Wer hat sich schlecht benommen?

Am Ende bekommt Takahata viel Applaus, und bevor er durch eine Hintertür verschwindet, entschuldigt er sich dafür, dass er sich vielleicht beim Beantworten der Fragen etwas schlecht benommen habe (態度が悪かった、すみません). Auf meinem Feedback-Zettel, den alle Zuhörer erhalten und dessen Botschaften angeblich an Takahata weitergeleitet werden, entschuldige ich mich für die idiotischen Fragen (馬鹿な質問) aus dem Publikum, danke ihm für seinen guten Vortrag und seinem Mut. Ich hoffe sehr, dass vielleicht die Studenten im Raum etwas mehr von seinen Worten mitnehmen als die ältere Generation. Die lokale Zeitung Hokkoku Shimbun veröffentlicht am nächsten Tag einen Artikel zu seiner Rede, in dem seine kritische Haltung positiv bewertet wird, auch wenn sein deutlicher Wortlaut nur unzureichend wiedergegeben wird.

Ein Gedanke zu „Takahata Isao über „Kaguyahime“ und Verantwortung in Japan

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