Schmökertipp: Von mörderischen Hausfrauen, Yakuza und Vereinsamung

Was passiert, wenn man die Grenze überschreitet?CAM01285

Das Setting von Natsuo Kirinos Roman „Die Umarmung des Todes“ kann man sich gut vorstellen: Japan zum Ende der 90er, die Blase der Bubble-Economy ist längst geplatzt, die Gesellschaft hat unter vielen Missständen zu leiden. Und so ergeht es auch den vier Protagonistinnen des Romans: Masako, Kuniko, Yoshie und Yayoi. Als Team arbeiten die vier Frauen gemeinsam am Fließband einer Bento-Fabrik in der Nachtschicht.

Jede der vier Frauen hat ihr eigenes schweres Los zu tragen: Masako ist nach außen hin die Stärkste der Gruppe, und doch hat sie etwas Unnahbares.  Sie ist verheiratet und hat einen Sohn im Teenager alter, doch die Familie lebt aneinander vorbei. Masako scheint etwas Düsteres in sich zu tragen, und doch wirkt sie wie ein Pol, der die anderen Frauen in ihre Umlaufbahn zieht.

Kuniko ist die jüngste der Vier. Sie ist materialistisch und legt viel Wert auf Äußerlichkeiten, was zu dem Teufelskreis führt in dem sie steckt: da sie selbst eher plump ist und kein Selbstwertgefühl hat, gibt sie Geld für Kleidung und ein Auto aus, dass sie nicht hat. Die Schulden sind ihr weit über den Kopf gewachsen, und das zusammenleben mit ihrem Freund ist längst nicht mehr so, wie sie es sich erhofft hatte.

Yoshie ist das älteste Mitglied der Gruppe, die Witwe kümmert sich nicht nur um ihre Bettlägerige Schwiegermutter, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, sondern auch um ihre Tochter, die ihr langsam aber sicher entwächst. Sie ist mit der Situation überfordert, das Geld für die Pflege der Schwiegermutter kann sie kaum aufbringen, und der Vermieter ihrer Wohnung kündigt Renovierungsarbeiten für das gesamte Haus an – Yoshie befürchtet, dass sie sich die Wohnung nicht mehr leisten kann und bangt um ihre Existenz.

Die letzte im Bunde ist Yayoi, die mit ihrem Ehemann zwei kleine Söhne hat. Die kleine Familie hat lange gespart, um sich eine Eigentumswohnung leisten zu können, doch Kenji, Yayois Ehemann, verprasst sein Gehalt in letzter Zeit in einem Nachtklub und dem darüber liegenden Casino.  Nachdem er eines Abends gesteht, die gesamten Ersparnisse durchgebracht zu haben, und in der folgenden Nacht in Handgreiflichkeiten mit dem Besitzer der beiden Etablissements gerät, kommt es zum Eklat: vor lauter Wut erwürgt Yayoi ihren Ehemann. Sie bittet Masako um Hilfe bei der Entsorgung des toten Gatten.

Und so kommt es, dass am nächsten Morgen Masako mit der Hilfe von Yoshie und Kuniko sich Kenjis Leiche vornehmen, und in kleine Stücke zerteilen, um sie in Säcken in der ganzen Stadt zu verteilen. Der Plan scheint perfekt, doch dann wird einer der Säcke von der Polizei gefunden. Da der Ehefrau nichts nachzuweisen ist, führt die Spur zu dem Nachtklub, in dem Kenji sich Geld geliehen hatte und es zu Streitigkeiten mit dem Besitzer kam – welcher Kontakte zur Mafia hat. Und da ein Geheimnis immer nur so stark ist, wie das schwächste Glied der Gruppe, die es hütet, bekommen die vier Frauen durch Kuniko nicht nur Ärger, sondern schnell auch neue Arbeit…

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Die Story ist überaus fesselnd, wenn auch ziemlich düster, und hält bis zum Ende den ein oder anderen Twist bereit. Out ist das erste Werk der Autorin, dass ins Englische übersetzt wurde. Der 1997 in Japan erschienene Roman erntete sowohl positive als auch negative Reaktionen, und gewann unter anderem den Mystery Writers of Japan Award, die höchste japanische Auszeichnung des Genres. Kritikpunkt sind vor allem die brutalen Gewaltdarstellungen in Kirinos Mystery-Thriller.

3 Gedanken zu „Schmökertipp: Von mörderischen Hausfrauen, Yakuza und Vereinsamung

  1. Die Geschichte klingt sehr interessant. Werde mir das Buch, wenn ich mehr Zeit zum Lesen habe, sicher zulegen. Mal sehen, ob ich dann die Einschätzung bestätigen kann.

  2. Vielen Dank für Ihren Beitrag! Schön, dass hier auch einmal Literatur zur Sprache kommt. Ihr Artikel ist lebendig und sprachlich gewandt formuliert, und die Kommasetzung ist hier auch wohltuend 😉

    Ich glaube es handelt sich bei „Out“ um einen der meistdiskutiertesten Romane der letzten Zeit, zumindest was die westliche Forschung betrifft. Häufig wird die Geschichte aus der gender-Perspektive betrachtet, aber auch soziale Differenzen spielen eine große Rolle. Out ist eine spannende Kriminalgeschichte, die zugleich eine Verarbeitung gesellschaftlicher Problematiken darstellt – also ein wirklich interessanter Schmökertipp und natürlich auch ein möglicher Stoff für Hausarbeiten.

  3. Ein Buch, über das ich schon viel gehört, es aber noch nicht gelesen habe. Ich werde den Beitrag zum Anlass nehmen, das bei nächster Gelegenheit zu ändern. Die Geschichte klingt wirklich interessant und ich bin gespannt, ob ich die doch oft positive Bewertung des Romans teilen kann. Danke für den Tipp!

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