Miss Manga – Die Plakatisierung einer Fangemeinde

Wenn man sagt, dass man Japan-Fan ist und dann komisch angeschaut wird, sollte man sich hierzulande nicht wundern. In der RTL2-Sendung „Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt…“ vom 29.10.2014 wird ein sogenanntes „Manga-Mädchen“ dargestellt. Natürlich ist das nur eine fiktive Sendung, aber wie wir sicher alle wissen, bedient RTL2 sich gerne dieses Themas (ganze Sendung zu sehen auf RTL2 now). Trotzdem wird hier ein völlig verzogenes Bild der Community erzeugt. Oder lauft ihr den ganzen Tag mit einer blauen Perücke herum? Sicher mag es die ein oder andere Ausnahme geben, das ist ja auch völlig okay. Doch allein schon die Unterscheidung von Manga und Comic, fällt RTL2 schwer.

Die „Betroffene“ in dieser Sendung wird als geisteskrank, kriminell und süchtig nach Manga dargestellt. Sie klaut Geld von ihrer Mutter und ihrem Arbeitsplatz, um sich Manga, Schminke und Klamotten kaufen zu können. In manchen Einblendungen wird Cosplay erwähnt, ohne auch nur einmal ansatzweise zu erklären, was das eigentlich ist. Meist wird Manga auch einfach mit Cosplay gleichgesetzt. Der Höhepunkt der Sendung ist jedoch der Schluss, wo die „Betroffene“ ihren „Mangawahn“ überwindet und dadurch sofort sämtliche Probleme gelöst sind. Sie versöhnt sich mit ihrer Mutter, bekommt einen Ausbildungsplatz und ist von ihrer Sucht befreit. Das heißt, sobald sie das Cosplay ablegt, wird sie als normal betrachtet, was im Umkehrschluss behaupten würde, dass eben dieses Hobby sie krank gemacht hat und nicht die Tatsache, dass sie sich von ihrer Mutter vernachlässigt gefühlt hat.

Ich habe die Theorie, dass die Medien nur Bruchstücke dieser Fangemeinde kennen und dieses Halbwissen in ihren Sendungen verarbeiten. Jemand, der nicht wirklich Teil der Community ist oder sich nicht angemessen darüber informiert, sollte darüber nicht berichten. RTL2 sieht jedoch nicht davon ab, es zu tun. Da ist man als „Manga-Fan“ nicht mehr nur Manga-Fan, sondern will auch gleich wie die Manga-Figuren aussehen. Das wird hier allerdings nicht nur durch Cosplay wiedergegeben, sondern auch durch den direkten Wunsch, sich die Augen operieren zu lassen und eine Wespentaille zu besitzen. Ich zitiere einen pädagogische Experten der Sendung: „Der Wunsch wie eine Manga-Figur auszusehen, wird immer stärker. Lucy braucht dringend Hilfe.“ Es ist zwar nur eine erfundene Sendung, dennoch gibt es viel Aufschluss darüber, wie diese Sendeanstalt, die Community der Japan-Fans vermarktet. Zum Leidwesen dieser, wird es viele Leute geben, die diese Sendung sehen und es als völlig normal in der Szene hinnehmen, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken.

Darf man als Fan der japanischen Popkultur nicht auch einfach normal sein? Muss man sich gleich von einem Extrem in das Nächste stürzen? Ich gehe einfach mal davon aus, dass jeder von uns sicherlich Fan von verschiedenen Manga und Anime bzw. Dorama ist. Sicher hat man auch das ein und das andere Merchandise zuhause und viele haben auch gecosplayt. Durch die Darstellung in den deutschen Medien wissen leider viele Leute nicht, was es wirklich damit auf sich hat und vor allem, dass mehr dahinter steckt, als das bloße Konsumverhalten. Nämlich das Interesse an Japan. Am Land, an der Kultur und an der Sprache. Und vor allem auch der Ausdruck von Kreativität und Individualität, die dem Cosplay zugrunde liegen. Leider wird das wohl nicht der letzte Beitrag von RTL2 zum Thema sein, auch wenn es durchaus Berichte über die japanische Populärkultur gibt, die sich neutral halten und auch Cosplayer zu diesem Thema befragen. (s.h Video) Wenn man jedoch betrachtet, wie das Thema in dieser fiktiven Sendung umgesetzt wurde, ist das wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

7 Gedanken zu „Miss Manga – Die Plakatisierung einer Fangemeinde

  1. Auch mir wurde der Link zu der Folge geschickt und aus Interesse habe ich kurz reingeschaut, jedoch nach spätestens 5 Minuten das Fenster wieder geschlossen. Generell ist es ja schon bekannt, dass RTL nicht unbedingt viel daran liegt, etwas korrekt darzustellen, sondern vielmehr die Zuschauer zu unterhalten. Von daher finde ich auch, dass man nicht viel auf so einen Beitrag geben sollte. Andererseits kann ich mir auch gut vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man selbst Teil der Cosplay- und Fanszene ist, wenn ein so falsches Bild vermittelt wird und das Ganze dann doch etwas ernster nimmt. Ich nehme einfach mal an, dass du auch zu der Szene gehörst und finde es daher interessant und gut, wie gut und neutral du damit umgehst und diese Sendung besprichst.

    Wie gesagt, ich habe die Sendung nicht ganz gesehen, aber in einem Absatz gehst du auf einen „pädagogischen Experten“ ein, ist dieser denn wirklich ein Experte oder wurde diese Rolle auch inszeniert? Ich weiß nicht, wie weit es verbreitet ist und ich möchte niemandem zu Nahe treten, aber gibt es nicht auch einige Fälle, die wirklich so einem Schönheitsideal nacheifern? Je nachdem wie dies im Beitrag nun aufgefasst wurde, würde ich sagen, dass es dennoch interessant ist, dass auf dieses Problem aufmerksam gemacht wurde, auch wenn es wahrscheinlich ans falsche Publikum gerichtet ist.

    Andererseits finde ich es interessant, wie du selbst schon sagst, „dass jeder von uns sicherlich Fan von verschiedenen Manga und Anime“ sei, also sind wir, die das Fach selbst studieren, schon irgendwie voreingenommen, „was für Leute“ sich für so einen Studiengang interessieren und sind einem „Klischee“ unterlegen 😉

    Außerdem hast du etwas erwähnt, wo ich mich selbst immer frage (eben weil ich nicht so in der Manga-Szene drin bin, mich wiederum mit Comics beschäftige): warum ist es „falsch“ einen Manga als einen Comic zu betiteln? Klar ist es stilistisch schon anders als zum Beispiel amerikanische Comics, aber grundliegend fällt es doch alles über die gleiche Überkategorie. Belgo-fränkische Comics sind auch nicht mit amerikanischen Comics gleichzusetzen, dennoch haben sie keinen eigenen Sammelbegriff. Und auch in unseren Vokabeln wird Manga mit Comic übersetzt. Es liegt doch auch eher an uns, dass wir mit dem Begriff Comic selbst zuerst amerikanische Comics verbinden, deswegen ist es doch nicht grundsätzlich falsch einen Manga auch einen (japanischen) Comic zu nennen? (Ich muss wieder sagen, dass ich den Beitrag nicht ganz gesehen habe und nun nicht weiß, wie es genau angesprochen wurde, aber aus deinem Artikel geht es nun für mich so hervor.)

    Ich finde es gut, dass du nochmal als Gegenbeispiel den anderen, neutraleren Beitrag von RTL 2 verlinkt hast, vielleicht könntest du noch einen Link zu der Sendung, um die es hauptsächlich geht, einfügen (da du die Seite selbst schon erwähnst)? So können Leute wie ich, die den Beitrag nicht (ganz) kennen, schneller darauf zugreifen 🙂

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar 😉

      Was den pädagogischen Experten betrifft, bin ich mir sicher, dass es auch nur inszeniert wurde, da dieser im Laufe der Sendung auch mal die Rolle wechselt. Das mit dem Schönheitsideal kann natürlich sein, dennoch wurde es hier eben übertrieben dargestellt.

      Was die Unterscheidung von Manga und Comic angeht, kann man grundsätzlich Manga als japanischen Comic bezeichnen. Allerdings geht es mir hierbei eher darum, dass Leute wenn sie an Comics denken, ein anderes Bild im Kopf haben und hier eben nicht klar differenziert wird. Im Beitrag selber wurde nämlich unter dem Begriff Manga, eigentlich so ziemlich alles was mit der Fangemeinde zu tun hat, verallgemeinert. Daher hatte ich diesen Punkt aufgegriffen.

      Danke nochmal für den Hinweis^^ Ich werde die Sendung verlinken.

  2. Danke für den Beitrag! Wenn man selbst Cosplayer ist, muss man schon so einiges ertragen von den deutschen Medien … aber ich glaube, dieses Befremdlichkeitsgefühl wird schnell abgebaut, wenn Menschen dann tatsächlich auf Fans japanischer Populärkultur treffen und sich ein eigenes Bild machen können. Ich höre auch öfters von Leuten, dass wieder so viele „Mangas“ in der Stadt unterwegs gewesen seien (so viel zur Verwendung des Begriffs Manga), aber trotz dieser (verständlichen) Unwissenheit höre ich von diesen Leuten eigentlich nur Positives, viele sind sogar richtig begeistert. Oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?

    Japan wird eben von den Medien immer gerne als besonders Exotisch, anders und teilweise auch sexuell sonderbar dargestellt – dass jetzt auch noch das Element Kriminalität bzw. Sucht mit hineingebracht wird, ist eine weitere Steigerung. Solche Beiträge sind zwar nicht unbedingt wert, dass man sie sich anschaut, aber sie liefern doch wenigstens gutes Material für Untersuchungen zum Japan-Pop-Diskurs in Deutschland 😉 Von daher: Toll dass Sie das hier besprechen, und dann auch noch so zeitnah zur Ausstrahlung!

    1. Ich für meinen Teil als Cosplayer, habe unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Wie Sie schon erwähnt hatten, gibt es natürlich auch Leute, die sich dafür begeistern und uns dann auch fragen, was wir eigentlich machen.

      Auf der anderen Seite gibt es leider auch genug Leute, die uns als „Karneval“ oder „irre“ bezeichnen, ohne auch nur ansatzweise etwas darüber wissen zu wollen. Doch ich glaube, dass es nicht nur ein Problem der Cosplayer-Szene ist. Sicher haben andere Leute, die sich in anderen Szenen bewegen, ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass man oft vorschnell verurteilt wird. Mein Anliegen in diesem Fall war, deutlich zu machen, dass die Medien dieses Problem nur noch verstärken und die Leute verblenden, anstatt sie aufzuklären.

  3. Ich finde es auch gut, dass du dir die Mühe gemacht hast einen Beitrag darüber zu schreiben. Es ist wirklich schade, dass Cosplayer in den Medien so schlecht dargestellt werden. Oft hat man das Gefühl, dass die Worte „Manga“, „Anime“ und „Cosplay“ wie Schimpfwörter benutzt werden.

    Nicht jeder Manga-Leser ist auch automatisch ein Cosplayer oder läuft in seiner Freizeit mit bunten Perücken und farbigen Kontaktlinsen durch die Stadt. Zudem ist bestimmt auch nicht jeder Cosplayer ein Manga-Fan.

    Es ist mir leider schon oft passiert, dass ich in der Bahn komisch angeschaut wurde, wenn ich einen Manga gelesen habe. Ihr habt da sicher auch schon eure Erfahrungen gemacht …

  4. Ich finde deine Eintrag wirklich gut und vor allem, dass du ihn so neutral gehalten hast. Ich glaub das schafft nicht jeder, zumal ich persönlich das Thema Manga/Anime/Cosplay-Beiträge bei RTL und Co. immer recht schwierig finde, da die meisten Beiträge der Sender nicht gerade positiv ausfallen.
    Den Bericht von RTL2 hab ich nun selber nicht gesehen und ich glaube ich bin auch ganz froh drum ^^

    Wie jetzt auch schon in den anderen Kommentaren gesagt wurde, ist es wirklich Schade, wenn man als Fan (egal ob nun Anime, Manga oder Cosplay) blöd angeschaut oder für verrückt gehalten wird und man gleich verurteilt wir.
    Für mich ist es bis heute ein Rätsel, warum das in den Medien allgemein so schlecht und mit Problemen, Kriminalität und Süchten verbunden dargestellt wird. Man liest es ja auch ab und an in der Zeitung oder in andere Presserzeugnissen.
    Ich glaube auch dieses mediengeprägte Bild hält viele Menschen davon ab, sich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen und zu befassen.

  5. Diese Berichterstattung über japanische Populärkultur fällt meiner Ansicht nach in die Kategorie „Kuriositäten aus Japan“, die eigentlich schon existiert, seit es überhaupt Medienberichte über Japan gibt. Mit Berichten über seltsame Verhaltensweisen wird die Neugier nach Exotischem bedient und ein ganz bestimmtes Bild von Japan konstruiert.

    Eine solche Erfahrung durfte ich auch gerade wieder machen, als ich anlässlich von Hello Kittys Geburtstag von einem (seriösen) Radiosender interviewt wurde. Zur kawaii-Kultur kam die Frage, ob das nicht ziemlich deutlich sexuell konnotiert sei. Als ich dann gesagt habe, dass wenn überhaupt nur sehr wenige Menschen in Japan bei kawaii an Sexuelles denken, war richtiggehend Enttäuschung zu spüren. Die Frage wurde dann auch rausgeschnitten aus dem Interview.

    Wir können solche pauschalisierenden Berichte nur immer wieder kritisieren – wie das Frau Leopold hier getan hat – und hoffen, dass wenigstens ab und zu mal ein guter Beitrag dabei ist…

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