Globaler Japan-Pop und viele Ansatzpunkte

fragezeichenNachdem wir hier seit der letzten Woche schon über den Populärkultur-Begriff, über die lokale Verortung von Populärkultur und ihre Zielgruppen diskutiert haben, ging es gestern noch einmal um das Spektrum von „japanischer Populärkultur“, das wir hier im Blog und im Seminar behandeln. Eine Teilnehmerin brachte es ganz gut auf den Punkt: Was wir behandeln ist in Japan entstandene Populärkultur, die den Sprung über die Grenzen des Lokalen hinaus geschafft hat und zur globalen Populärkultur geworden ist.

Eine andere Studentin ergänzte, dass sich weltweit jedoch wieder lokale Ausprägungen von dieser ursprünglich japanischen Populärkultur bilden und ihre Eigenheiten entwickeln. So betreibt man Cosplay in Japan in streng begrenzten Bereichen (z.B. in der Convention-Halle), während hierzulande Sailor Moon und Naruto munter über die Immermannstraße flanieren, einkaufen und Cafés besuchen. Überdies sind Cosplayer zwar über das Internet global vernetzt, für viele sind aber immer noch die Freunde aus der gleichen Region der wichtigste Ankerpunkt – weil sie mit ihnen gemeinsam an Kostümen arbeiten und zu Conventions gehen. Marco Höhn betitelt diese Art von Populär- bzw. Jugendkultur, die sowohl global als auch lokal ausgerichtet ist, als „translokale Medienkultur“. Mehr darüber kann man auf Popyura hier lesen.

In unserem Blog und Seminar geht es also mehr um diese translokale Medienkultur – Anime, Manga, Cosplay, Videospiele, J-Horror usw. – als um weitgehend lokale Phänomene wie Enka oder Pachinko. Somit ensteht zwar ein ganz bestimmtes Bild von „Japanischer Populärkultur“, wir sind uns dabei aber immer bewusst, wie dieses zustande kommt. Welche Fragen können wir nun an diese populärkulturellen Produkte stellen? Welche Untersuchungsebenen bieten sich an? Ganz unten auf dieser Seite sind Ideen aus unserem Kreis zu verschiedenen Medien/Genres zu finden. Daraus haben wir einige allgemeinere Untersuchungsebenen abgeleitet:

  • Produktion (Künstler, Produktionsfirmen, Verlage, ökonomische Bedingungen, Vermarktung, technische Rahmenbedingungen etc.)
  • Medium (auch: Inter- und Transmedialität)
  • Produkt (Motive, Themen, Stil etc.)
  • Rezeption (Publikum, Nutzung, psychologische Aspekte, Fan-Produktion etc.)
  • Kulturelle Verortung
  • Gesellschaftliche Rolle
  • Ursprung/Entwicklung und Einflüsse (historische Perspektive)

Vor allem bei der Analyse der Produktebene ist Vorsicht geboten: Die Medien, die wir untersuchen, bilden nicht die „Wirklichkeit“ ab! Wir gehen an unsere Analysen mit einem konstruktivistischen Verständnis von Repräsentation heran, d.h. wir gehen nicht davon aus, dass in Populärkultur eine „Realität“ abgebildet oder widergespiegelt wird. Vielmehr folgen wir der These, dass es sich bei Repräsentation um eine soziale Praxis handelt. Wenn Wahrheiten und Wissen gesellschaftlich über Diskurse produziert werden, dann formen auch mediale Repräsentationen das mit, was als „Wirklichkeit“ verstanden wird.

Eine kurze Einführung zum Thema Repräsentation findet sich hier. Dort steht auch folgender Satz: „Weil der Vorgang der Repräsentation eine soziale Praxis ist, die unmittelbar mit dem Hervorbringen von Bedeutungszusammenhängen und -angeboten verknüpft ist, bekommt sie über den rein symbolischen Charakter hinaus auch einen politischen.“ Dieser politischen Dimension von Populärkultur widmen sich die Cultural Studies, deren Vertreter John Fiske uns gestern auch kurz begegnet ist.

Zum Abschluss noch ein Zitat aus seinem Werk „Understanding Popular Culture“ – ein Aufruf, Populärkultur immer im Kontext zu sehen –, bevor unten die Ergebnisse unseres Brainstormings folgen:

„Die Bedeutungen der Popularkultur existieren nur in ihrer Zirkulation, nicht in ihren Texten; die Texte, die in diesem Prozeß entscheidend sind, dürfen nicht für und durch sich selbst verstanden werden, sondern in ihren Wechselwirkungen mit anderen Texten und dem sozialen Leben, denn auf diese Weise wird ihre Zirkulation sichergestellt.“ (Fiske 2000: 17)

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