Terrorismus in Populärmedien

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Code-Geass-Cosplay; Flickr cc, Kevin Dooley

Ein Terrorist als Held? Diese Idee klingt zunächst skurril, doch genau auf diesem Konzept basiert einer der international erfolgreichsten Animes. Die Rede ist von “Code Geass: Lelouch of the Rebellion”, der zuerst 2006 in Japan veröffentlicht wurde. Wie dieser Anime es schaffte so erfolgreich zu sein und welche Aussagen er über Terrorismus macht, werde ich nach der Zusammenfassung des Plots analysieren.

Der Anime spielt in einer alternativen Welt der nahen Zukunft in Japan, welches von dem britannischen Reich erobert wurde. Doch Lelouch Lamperouge (der Protagonist) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Japan zu befreien. Als er eines Tages schließlich eine Fähigkeit namens „Geass“ erhält, mit der er durch direkten Blickkontakt jedem befehlen kann was er will und dieser Befehl unabhängig vom Willen des Gegners ausgeführt wird, beginnt sein Kampf. Er maskiert sich und nennt sein Alter Ego „Zero“. Auf seinem Weg der Zerstörung der britannischen Regierung findet er viele Anhänger und gründet die „Black Knights“, mit denen er Japan erobern will.

Was sagt dieser Anime über Terrorismus aus und warum? Zunächst verwirft er die gegenwärtige steife Einstellung zu Terrorismus und Autorität. Der Protagonist ist kein Terrorist, wie man sich ihn vorstellen würde. Es handelt sich nicht um einen religiösen Fanatiker (der von den Medien oft als bärtiger Araber mit Turban verbildlicht wird), sondern einen kaukasischen Jungen, dessen Motive für das Publikum leicht nachvollziehbar sind. Er wird als Revolutionär dargestellt und erinnert somit eher an Che Guevara als an Osama Bin Laden. Zudem wird er zwar als Terrorist bezeichnet, sein Ziel ist es jedoch, die Menschen in Japan zu befreien. Code Geass präsentiert somit einen Terroristen als ansprechende und verständliche Heldenfigur.

Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, sind Charaktere aus verschiedenen beliebten Anime Genres zu finden. Seien es Samurai, Schulmädchen oder süße Tiermaskottchen. Auch bezüglich der Handlung fehlt es an nichts. Von Duellen auf dem Schlachtfeld bis High School Romanzen ist alles dabei. Eine weitere Taktik war das Design der Charaktere. Hierfür wurden die Manga-Künstler Clamp engagiert, welche für ihre cross-gender Anziehungskraft bekannt sind. Gut aussehende Männer im shôjo-Zeichenstil und leicht bekleidete Frauen mit Modelmaßen. Besonders bei dem Design von Lelouch wurde Wert darauf gelegt, dass er jedem gefällt. Code Geass war von Anfang an als Hit geplant, der allen gefallen würde.

Aufgrund dessen ist auch die Gewalt im Anime nicht mit der Realität zu vergleichen. Es sterben zwar Menschen, aber hierbei handelt es sich um eine namenlose Masse. Man sieht keine Gesichter und die Körper sind noch vollkommen intakt. Der einzige Hinweis darauf, dass es sich um Leichen handelt, ist das übertriebene Blut auf ihnen. Natürlich ist es in einem solchen Anime, der den Massen gefallen soll, wichtig, nur ästhetisch ansprechende Gewalt zu zeigen. Schließlich soll der Zuschauer nicht verstört, sondern gebannt werden. Das Ziel sind Tränen und keine Abscheu. Diese ästhetische Gewalt ist also ein Zeichen von Terrorismus, aber der Protagonist ist ein Terrorist, der das Publikum nicht beunruhigt.

Es gibt jedoch auch auffällige Bezüge zur Realität. Am Anfang des Animes z.B. droht Zero mit einer Giftgasattacke auf Zivilisten. Hierbei wird man an den Giftgasanschlag der Aum Shinrikyo Sekte in Tokio von 1995 erinnert. Jedoch versucht Zero, den Zivilisten nicht zu schaden und blufft lediglich. Als zum ersten Mal wegen ihm Zivilisten ums Leben kommen, zeigt er großes Bedauern und Verzweiflung.  Code Geass präsentiert also einen Terroristen, der dieselbe Einstellung zu Gewalt widerspiegelt, wie die der liberalen postmodernen Gesellschaft. Kollateralschäden und Unmenschlichkeiten sollen möglichst vermieden werden. Somit ist der hier dargestellte Terrorismus weit von echten Terroranschlägen entfernt.

Das gesamte Spektrum an politischen Problemen und Gewalt wird hier in einer absurden Narrative verschmolzen. Lelouchs Black Knights werden im Laufe des Animes von einer Gruppe schlecht bewaffneter Rebellen zu einer uniformierten militärischen Macht, die dem Staat ebenbürtig entgegentreten kann. Es gibt keine Verhandlungen oder ähnliches, die Feinde werden auf dem Schlachtfeld bekämpft. Auch dieses Szenario ist weit von der Realität entfernt. Echte Terroristen kämpfen nicht wie Soldaten, sie greifen keine bewaffneten Armeen auf dem Schlachtfeld an, sondern konzentrieren sich auf Zivilisten. Zudem werden die Kämpfe im Anime 1 vs. 1 mit „Knightmares“ (riesigen Robotern) ausgetragen. Hierdurch wird man eher an eine mittelalterliche Abenteuer-Romanze erinnert, als an Terrorismus. Kämpfe werden hier als heldenhafter Akt dargestellt, aber in Realität wird Ruhm auf dem Schlachtfeld immer mehr zu einem veralteten Konzept. Code Geass bietet somit eine beruhigende Karikatur, in der die Kämpfer entweder unwissentliche Spielfiguren eines bösen Herrschers sind oder rechtschaffene Individuen, die den unrechtmäßigen Staatsapparat bekämpfen.

Zusammenfassend ist also deutlich, dass dieser Anime so designt wurde, dass er eine große Auswahl an thematisch passenden Produkten an ein möglichst großes Publikum bringen kann. Hierzu entstand eine Mischung aus Genres, um den Massen zu gefallen. Man kann ihn somit in die Kategorie des „Blockbuster Terrorismus“ einordnen. Womit das Vorgehen von Populärmedien gemeint ist, bei dem komplexe politische Themen für kommerzielle Zwecke übervereinfacht werden. Es ist jedoch nicht zu vergessen, dass es sich bei Anime um ein Unterhaltungsmedium handelt. Letztendlich sagt Code Geass nichts über Terrorismus aus, sondern bedient sich lediglich des gehypten Themas. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es sich hierbei um einen äußerst sehenswerten Anime handelt. Er soll schließlich nicht ernste Fakten über Terrorismus vermitteln, sondern den Zuschauer unterhalten. Selbst wenn viele Genres gemischt werden, bietet er eine packende Atmosphäre und regt zum Nachdenken an. Obwohl ich ansonsten kein Fan von Mainstream Animes bin, hat Code Geass einen sicheren Platz in meinen Top Ten.

2 Gedanken zu „Terrorismus in Populärmedien

  1. Vielen Dank für Ihren Beitrag! Das von Ihnen angeführte Beispiel ist spannend, da es die Schwierigkeit der Definition von Terrorismus verdeutlicht: Was die einen als Terroristen sehen, kann von anderen als legitimer politischer Widerstand gesehen werden. Diese Schwierigkeit scheint im Anime selbst ja auch ein wenig reflektiert zu werden – wenn ich das richtig verstanden habe.

  2. Vielen Dank für den Artikel! Code Geass gehört sicherlich zu den spannenderen Serien im Animebereich, in die man auf jeden Fall einmal reingesehen haben sollte. Auf den Gedanken an ernsthafte Darstellungen von Terrorismus wäre ich bei der Serie allerdings nicht gekommen, das ist also eine neue Perspektive für mich.

    Was ich noch sehr bemerkenswert an der Serie finde, ist, dass Lelouch als (äußerst) privilegierter Britannier die unterprivilegierten Japaner befreien soll, die in ihm ja eigentlich ihren Feind und Unterdrücker sehen müssten. Wobei da vielleicht auch noch erwähnenswert ist, dass er vom Design her fast schon japanischer wirkt als wichtige japanischstämmige Charaktere in der Serie.

    Dazu spielt die Serie auf jeden Fall auch mit Dingen wie Rassismus / Stereotypie, wenn beispielsweise die Loyalität eines Charakters auf britannischer Seite angezweifelt wird, weil er ursprünglich Japaner ist.

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