Crossplay – Wenn Frauen Männer werden und Männer Frauen werden

„Let’s  get  one  thing  straight.  I  am  not  gay.  I  like  girls  a  lot.  That’s  why  most  of  my  favorite  anime characters are girls. I like them so much that I sometimes dress up like them.“ Tenshi, Crossplay.net, quoted on “Why Crossplay?” forum,(May 2012).

Triple MadokaTriple Madoka, Flickr cc, Daremoshiranai

“Crossplay”setzt sich aus den Wörtern “crossdressing” und “cosplay” zusammen. Es bezeichnet diejenigen Cosplayer, die einen Charakter darstellen, dessen biologisches Geschlecht nicht mit dem eigenen übereinstimmt. Es handelt sich dabei um ein weit verbreitetes Phänomen in der Cosplay-Community.

Man unterscheidet zwischen sogenannten female-to-male (FtM) und male-to-female (MtF) Crossplays.

Female-to-male(FtM)

FtM Crossplay bezeichnet Frauen die männliche Charaktere cosplayen.

Wenn ihr eine deutsche Convention besucht, könnt ihr euch eigentlich fast sicher sein, dass hinter ca. 80 % aller männlichen Cosplays die ihr sehen werdet, eigentlich Frauen stecken.

Warum ist das wohl so?

Tatsächlich gibt es statistisch gesehen mehr weibliche Cosplayer als männliche, vor allem in der westlichen Cosplay-Szene. Aber die Anzahl der weiblichen Anime/Manga-Charaktere, die zum cosplayen anregen, zumindest bei den in den westlichen Kreisen beliebten Serien, ist verschwindend gering.

Sehen wir den Tatsachen doch mal ins Gesicht: Wie viele weibliche Anime/Manga-Charaktere mit starker Persönlichkeit und normalen Körpermaßen gibt es? Die Zahl ist winzig im Vergleich zu den „ich bin hilflos und muss beschützt werden, aber dafür habe ich riesige Brüste und sehe gut aus“ Charakteren.

Ich denke es ist leicht nachzuvollziehen, dass man als Frau auch mal gerne einen ernstgenommenen Charakter darstellen will und nicht nur seinen Körper zur Schau stellen möchte. Und natürlich steckt auch ein gewisser Reiz dahinter für einen kurzen Zeitraum das andere Geschlecht zu verkörpern. Besonders für Leute die Probleme damit haben, sich in unserer in „Männlein“ und „Weiblein“ geteilten Gesellschaft einzuordnen, scheint Crossplay eine ideale Möglichkeit zu sein, sich aus dem binären Geschlechtscode zu befreien.

Aber auch viele Yaoi (Boys Love)-Fans, die nun mal überwiegend weiblich sind, versuchen sich gerne im Crossplay, um so Liebesszenen zwischen ihren Lieblingscharakteren nachstellen zu können. Ein Beispiel findet sich hier.

Male-to-female(MtF)

Das Pendant zu den FtM Crossplayern, nämlich die MtF Crossplayer (also männliche Cosplayer die weibliche Figuren darstellen) sind viel seltener anzutreffen.

Bei dem Gedanken, dass ein Mann ein süßes Anime-Mädchen cosplayt, kommt vielen Leuten sofort das Bild einer übergewichtigen Sailor Moon mit Vollbart in den Sinn:

Sailor Bubba„Sailor Bubba“, Flickr cc, KnitChick1979

Aber das sind nichts weiter als Vorurteile.

Im Großen und Ganzen, sollte man zwischen zwei Arten von männlichen Crossplayern unterscheiden:

  • Diejenigen die das Ganze als humoristische Performance und als Parodie der Weiblichkeit darstellen ( wie z.B Sailor Bubba) und dabei nicht als „echte“ Frau durchgehen wollen
  • Und diejenigen die tatsächlich ernsthaft an die Sache herangehen und das ursprüngliche Ziel des Cosplay verfolgen; nämlich einen Charakter möglichst orignalgetreu darzustellen.

 

Zwar wird es in unserer Gesellschaft inzwischen weitgehend akzeptiert, wenn Frauen sich eher männlich verhalten und Hosen anstatt Röcke tragen, aber Männer die sich nur im geringsten weiblich verhalten, werden sofort als homosexuell abgestempelt. Für einen Mann ist das Verkleiden als Frau nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen kann. Was für Frauen inzwischen weitestgehend ok zu sein scheint, gilt für Männer leider heute immer noch als ein Tabu.

Viele männliche Cosplayer entscheiden sich deshalb dafür, nur männliche Charaktere darzustellen, auch wenn sie vielleicht den ein oder anderen weiblichen Charakter auch gerne cosplayen würden. Andere wiederum versuchen, um jenen Vorurteilen eben nicht zum Opfer zu fallen, das Ganze auf eine lustige Art darzustellen, in dem Sie sich z.B nicht rasieren oder sich übertrieben weiblich verhalten.

Aber zum Glück gibt es auch diejenigen, die sich trauen aus den gesellschaftlichen Gender-Normen auszubrechen und sich an „richtige“ MtF Crossplays wagen.

Crossplay entlarvt den fiktiven Charakter des sozialen Geschlechts. Letzten Endes geht es einzig und allein darum, wie sich jemand verhält und kleidet. Auch ein Mann kann von Außenstehenden als Frau identifiziert werden, genauso wie auch eine Frau einen Mann perfekt darstellen kann.

Abschließend hierzu sollte man sagen, dass es beim Cosplay darum geht seinen Lieblingscharakter möglichst authentisch darzustellen. Das eigene Geschlecht, oder das des Charakters, sollte dabei keine Rolle spielen. Und wie man an einigen Crossplayern sehen kann, funktioniert es unter Umständen sehr gut und kann ordentlich für Verwirrung sorgen.

 

(Übrigens hier noch der Link zu einem  süßen CMV (Cosplay Music Video) zu Chobits, von demselben Crossplayer der das Sailor Uranus Cosplay gemacht hat 🙂 )

 

13 Gedanken zu „Crossplay – Wenn Frauen Männer werden und Männer Frauen werden

  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag! Sie gehen sehr reflektiert an das Thema heran und können das Phänomen daher differenziert beleuchten. Schön, dass Sie sich auch schon mit Gender-Theorie beschäftigt haben und diese hier mit einfließen lassen. Ein guter Ausgangspunkt für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema.

    1. Danke für Ihren Kommentar. Ich denke, dass man Gender-Theorie auf viele Bereiche der japanischen Populärkultur anwenden kann. Und gerade im Bezug zum Cosplay, finde ich das besonders interessant.

  2. Wirklich ein sehr Interessanter Beitrag.
    Ich finde das Thema Crossplay sehr interessant und dein Beitrag hat eigentlich perfekt auch die Situation auf so manchen Conventions dargestellt meiner Meinung nach.

    1. Dankeschön! Ja, es ist wirklich ziemlich krass wie viele weibliche Crossplayer auf deutschen Conventions zu finden sind. Ich frage mich, ob das in Japan wohl genauso ist? Wäre bestimmt mal interessant herauszufinden 🙂

  3. Dem schließe ich mich an.
    Leider ist das soziale Geschlecht immer noch als unverrückbar und in strenger Rollenverteilung im großen der Gesellschaft in den Köpfen eingemeißelt. Crossplay als Ausweg aus den typischen Gender-Rollen finde ich sehr interessant. Gerade die Identifikation mit Geschlechtern passt doch auch gut in die aktuelle Diskussion über Videospiele. Mal weiter gedacht, ist es (mittlerweile, denke ich zum Großen Teil) doch auch mehr oder weniger egal, ob der Protagonist männlich, weiblich, etc. ist. Die Möglichkeit der Identifikation ist doch gleichermaßen gegeben.
    Es ist lediglich der Diskurs der Videospiel-Branche, der wiederum versucht, die sozialen Rollen (das hilflose Mädchen, das gerettet werden will) zu konzipieren.

    Ein sehr anregender Beitrag, danke! 🙂

    1. Danke für den Kommentar. Was die Videospiel-Branche betrifft: ja, zum Glück ist es nicht mehr ganz so schlimm wie früher und in vielen Videospielen hat man heute die freie Wahl zwischen einem männlichen und weiblichen Charakter zu Beginn des Spiels (bestes Beispiel Pokemon, bis zur Kristall Edition konnte man ja nur einen Jungen spielen, was mich persönlich damals schon immer gestört hat.) Aber was die Geschlechter Identifikation angeht muss man vorsichtig sein. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als plötzlich massenweise Computerspiele auf dem Markt erschienen, mit sexy-protagonistinen (wie z.B die ersten Lara Croft-Spiele) und ich wage zu bezweifeln, dass der Sinn dahinter war, dass die Spieler sich mit dem Geschlecht der Figur identifizieren können. Aber man muss wirklich sagen, dass sich das heute gebessert hat (Lara hat ja inzwischen auch eine normale Körbchengröße 😉 )

  4. Wow, sehr interessant geschrieben! Du hast es geschafft, dass ich mich weiter über das Thema informieren werde, denn wie du schon erwähnst – weibliche Crossplayer gibt es en masse. Ich finde männliche Crossplayer dagegen wesentlich interessanter, hatte aber bis jetzt so gut wie keine Ahnung von ihnen. Danke! 🙂

    1. Danke ! Ich finde männliche Crossplayer auch unglaublich interessant. Liegt wohl einfach daran, dass sie seltener zu finden sind und man daran noch nicht so gewöhnt ist 😉 Außerdem ist es wirklich schön zu wissen, dass es auch so etwas gibt, und vor allem, dass es immer mehr davon gibt. Und die Cosplay-Szene ist auch sehr offen, was das betrifft: ein gutes MtF Crossplay wird meistens sehr gelobt!

  5. Ich finde deinen Beitrag sehr interessant und gut geschrieben, vielen Dank dafür.
    Auch wenn ich mich selber in der Szene nicht besonders auskenne, muss ich sagen, dass bei den Leute von denen ich weiß, dass sie Cosplayen, fast alle weiblichen Crossplay machen, die männlichen jedoch nicht. Wie du bereits angesprochen hast, hängt das denke ich mit den gesellschaftlichen Konventionen zusammen, dass es normaler ist, wenn eine Frau in eine männliche Rolle schlüpft als andersrum. Eigentlich unfair im Sinne der Gleichberechtigung. Von daher haben die Herren die sich doch an ein weibliches Cosplay heranwagen auf jeden Fall meinen Respekt. 😉

    1. Danke. Da stimme ich dir zu 🙂 Hoffentlich werden wir in der Zukunft noch mehr MtF Crossplayer auf deutschen Conventions zu sehen bekommen!

  6. Ein sehr schöner Beitrag zu diesem Thema 🙂
    Ich hab bisher auch nur wenige Männer gesehen, die ernsthaft Crossplay betreiben. Es sind meistens wirklich eher Frauen, die in die Männerrolle schlüpfen. Bei manchen männlichen Anime Charakteren muss ich auch gestehen, dass manche Frau einfach besser geeignet ist- besonders wenn dieser Charakater sehr androgyn oder zierlich gehalten ist. Ich werde jedenfalls bei den nächsten Conventions die Augen nach Crossplayern aufhalten 😉

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