Baseball, italienische Motorroller und E-Bässe! … und Roboter, die einem Teenager aus dem Kopf wachsen?!

flcl
Flickr cc, kazamatsuri

Klingt verrückt, ist es auch!

Oder wie Amarao aus der Serie es erklärt:

 „Er nutzt die Differenz der Gedankengänge zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte, öffnet einen Hyperraumkanal und akkumuliert darin Materie.“

Ich will euch einen etwas anderen Anime ans Herz legen: フリクリ.

Hierzulande bekannt als FLCL und bedeutet so viel wie Fooly Cooly. Die in gerade einmal sechs Folgen abgeschlossene Serie aus der Produktionsschmiede GAINAX aus dem Jahre 2000 ist im intermedialen Fokus als populärkulturelles Artefakt besonders interessant. So richtig einordnen lässt sich das Genre nicht, zwischen Sci-Fi, Action, Fantasy, Comedy und Parodie kann man sie höchstens vermuten. Ebenso wie die Vermischung unterschiedlicher Zeichenstile und Einsatz vom Szenen im Manga-Stil. 

Offizieller englischer Trailer von FLCL zum BD-Rerelease durch FUNimation

Eine Manga-Adaption, die an den Anime angelehnt ist, ihm aber nicht strikt folgt und mit alternativem Ende aufwartet ist ebenfalls erhältlich.

Ohne viel von der Story zu verraten: Es geht um den zwölfjährigen Naota, der kurz vor der Pubertät steht, und eines Tages nicht nur von Harukos Vespa überfahren wird, sondern prompt auch noch ihren Rickenbacker-Bass über den Schädel gezogen bekommt. Fortan wachsen Naota eigenartige roboterhafte Erscheinungen aus der Stirn. Es passiert also doch Außergewöhnliches in der japanischen Vorstadt Mabase. Im Anime selbst wird vieles thematisiert und die Metaphern sind zahlreich: So können die zahlreichen Gegenstände aus Naotas Stirn im Zuge seines Erwachsenwerdens als Phallussymboliken und Erektionen interpretiert werden (vgl.: flcl world). Das Fehlen der Mutter im 3-Generationen-Haushalt, der Umgang mit den deutlich älteren Mädchen Mamimi (16), die (Ex-)Freundin seines im Ausland lebenden Bruders, und Haruko (schätzungsweise 20) tun ihr Übriges dazu. Naota muss zahlreiche Prüfungen absolvieren, die Haruko ihm zum „Erwachsenwerden“ auferlegt.

Weshalb das Gebäude des ortsansässigen Pharmakonzerns Medical Mechanica einem riesigen Bügeleisen entspricht, überlasse ich an dieser Stelle den Rezipienten. Seht es euch an!

FLCL strotzt nur so vor Querverweisen auf andere Animes und die japanische Populärkultur. Wer sich im Anime –Universum auskennt, wird nicht nur Anspielungen durch Szenen oder Requisiten auf Neon Genesis Evangelion finden, sondern auch z.B. auf Hamtaro.

Ein weiterer großer Reiz, den die Serie bietet ist unumstritten der Soundtrack. Vieles wird von der J-Pop/Rock Band The Pillows beigesteuert, die ihren Bekanntheitsgrad nach Erfolgen wie dem Ending-Theme Ride on Shootig Star enorm steigern konnten. Immer passend, atmosphärisch packend und mitreißend steuern The Pillows massenweise guter Songs zum Erfolg der Serie bei. Das macht FLCL nicht nur zum technisch außergewöhnlichen Anime, sondern bereitet Lust auf audiovisueller Ebene und zieht in den irrwitzigen kurzweiligen diegetischen Kosmos. Wenn alles nur nicht so schnell enden würde!

 

Also erstens: FLCL anschauen!

Zweitens: The Pillows anhören!

6 Gedanken zu „Baseball, italienische Motorroller und E-Bässe! … und Roboter, die einem Teenager aus dem Kopf wachsen?!

  1. Ein interessanter Artikel, der mein Interesse an der Serie wohl wecken würde, wenn ich sie nicht schon gesehen hätte.
    Allerdings: es bleibt zwar hier den Leser_innen überlassen, was das Bügeleisen zu bedeuten hat, aber gibt es denn dafür Interpretationsansätze und wenn ja, welche sind das? Gerade das Bügeleisen ist zum Beispiel etwas, was mich beim Ansehen symbolisch sehr verwirrt hat. Die Phallussymbole sind dagegen schon recht offensichtlich.

    Ergänzend kann man übrigens noch erwähnen, dass es nicht nur eine Manga-Umsetzung von FLCL gibt, sondern auch eine Roman- bzw. Light-Novel-Version in drei Bänden. ( mal ein Link zum ersten Band bei Amazon Japan, leider ist die Reihe wohl vergriffen und kann nur noch gebraucht erworben werden)

  2. Hmm… ich dachte nicht, dass das doch so viele Fragen aufwirft…:)

    Mein Ansatz (es kursieren Ähnliche im Netz) ist folgender: Man sieht das Bügeleisen in erster Linie als das, was es ist: als Bügeleisen…
    So, wie es auch in Anime gezeigt wird baut Medical Mechanica diese Gebäude/Waffen, um die Welt „platt zu bügeln“.
    Jetzt wird’s interessant: Amaro merkt zum Dampf des Bügeleisens an, es bügle einem die Falten aus dem Hirn, sodass man nicht mehr denken könne. Im Inneren könnten also mysteriöse Vorgänge geschehen. Hier kann man nun ansetzten, dass Medical Mechanica aus Freigeistern „gleiche, glattgebügelte Erwachsene“ (Es geht schließlich ums Erwachsenerden) macht. Haruko als Rebellin mit Vespa und E-Bass (Rock ’n‘ Roll!) passt da natürlich auch perfekt in die Rolle des Kontrahenten…;)

    Soweit meine Theorie…Mag wer mitdiskutieren, hat jemand eine andere Idee oder einen anderen Ansatz? 🙂

    1. Das klingt für mich nach einer schlüssigen Interpretation, auch wenn Gainax nicht unbedingt eine kohärente oder konsequente Symbolik benutzt :).
      In Episode 2 (11:40) sieht man ein Close-up von Naotas Kopf, der den Dampf des Bügeleisen auszuströmen scheint. So wird Naotas Gehirn nicht plattgebügelt und sein verrücktes Erwachsenwerden kann beginnen!
      Leider bin ich mir über die juristischen Hintergründe unklar, sonst würde ich ein Screenshot der Szene hochladen.

  3. Ein sehr Interessanter Artikel der mich auf jeden Fall dazu gebracht hat mal in den
    Anime rein zu schauen! 🙂
    Ich persönlich finde es sehr spannend wenn in einem Anime Anspielungen auf andere Werke gemacht werden und einige Metaphern vorzufinden sind.
    So lässt man sich wenigstens nicht nur stumpfsinnig unterhalten sondern bekommt auch ein wenig Stoff zum nachdenken.
    Außerdem finde ich sehr spannend, dass in den meisten Animes das Heranwachsen
    oder Selbstfindung Thematisiert werden mich würde an dieser Stelle sehr interessieren wieso dies so ist.
    Einerseits könnte man vermuten
    Japan und dessen oft so stricktes Gesellschaftsgefüge könnten ausschlaggebend dafür sein, dass sich Animes und andere Werke so oft um das Finden der eigenen
    Individualität drehen, aber andererseits kann man wohl auch nicht verkennen,
    dass dies eine universelle Thematik ist die nicht auf Nationen beschränkt ist.
    Mich würde interessieren ob es wohl schon Forschungsansätze zu diesem Thema gibt.

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