Viele Fragen und John Fiske

fiskeIn unserer Seminarsitzung gestern ging es vor allem um eine Frage: Warum soll man sich überhaupt wissenschaftlich mit Populärkultur beschäftigen?

Einer, der schon Antworten darauf geliefert hat, als viele Wissenschaftler noch die Nase über solche Themen rümpften, ist John Fiske (geb. 1939). Fiske ist zwar schon seit 2000 aus der Wissenschaft ausgestiegen, seine Ansätze gelten aber immer noch als wegweisend in der Medienwissenschaft und in den Cultural Studies (einen kleinen Überblick über die Cultural Studies gibt es hier).

In seinem Buch „Reading the Popular“ (1989, zitierte Ausgabe hier), aus dem wir uns im Seminar einen Ausschnitt angesehen haben, beschreibt Fiske Kultur im Allgemeinen und Populärkultur im Speziellen als Prozess, bei dem es immer um die Produktion von Bedeutungen, um soziale Identität und um die Verteilung von Macht geht. In der Populärkultur zeigt sich das darin, dass die „Herrschenden“ aus ökonomischen Interessen heraus populärkulturelle Produkte erzeugen und in Umlauf bringen. Diese Produkte müssen aber nicht zwangsläufig in dem Sinne konsumiert werden, wie dies von den Produzenten beabsichtigt ist. Unterdrückte Bevölkerungsgruppen können diese populärkulturellen Erzeugnisse in ihrem eigenen Interesse nutzen, auch wenn sie gleichzeitig damit die ökonomischen Interessen der „Herrschenden“ bedienen – eine widersprüchliche Situation. Fiske sieht in der Populärkultur trotz dieses Spannungsverhältnisses eine Art subversiver Kraft: „Popularkultur wird von innerhalb und unterhalb geschaffen, nicht von außerhalb oder von oben her auferlegt […]“ (Fiske 2000: 15)

Das Publikum ist damit nach Fiske den Medienprodukten nicht einfach nur passiv ausgeliefert. Eine wichtige These von Fiske ist außerdem, dass die Bedeutung von Populärkultur nicht in den Texten selbst identifiziert werden kann. Texte werden ihm zufolge erst durch soziale und kulturelle Beziehungen „aktiviert“ und die Rezipienten der Populärkultur produzieren selbst ihre Bedeutung: „Die Bedeutungen der Popularkultur existieren nur in ihrer Zirkulation, nicht in ihren Texten […]“ (Fiske 2000: 17)

Fiskes Texte sind zwar inzwischen schon etwas angestaubt und auch nicht unumstritten. Seine Thesen können uns aber auf jeden Fall dazu anregen, Populärkultur immer in ihrem Kontext zu sehen und ein besonderes Auge auf die Rezeptionsprozesse zu haben, in denen Populärkultur sich erst richtig entfaltet.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Seminarsitzung haben außerdem folgende Fragen gesammelt, die an populärkulturelle Produkte und Praxen herangetragen werden können:

  • Auf welche Weise verbreitet sich Populärkultur?
  • Wer sind die Zielgruppen von bestimmten populärkulturellen Produkten (Alter, Geschlecht, gesellschaftliche Stellung)?
  • Welche wirtschaftlichen Interessen stehen hinter Populärkultur?
  • Welche Auswirkungen hat Populärkultur auf das Bild einer Nation?
  • Wie haben sich bestimmte populärkulturelle Strömungen entwickelt?
  • Wie beeinflusst sich die Populärkultur aus unterschiedlichen Kulturkreisen gegenseitig?
  • Sind historisch wiederkehrende Muster im Konsum/der Aneignung von Populärkultur erkennbar?
  • Kann Populärkultur als eine Art „Spiegel der Gesellschaft“ fungieren?
  • Wie lässt sich der Erfolg von bestimmten populärkulturellen Strömungen erklären?
  • Ab wann kann man überhaupt von Populärkultur sprechen?
  • Welche gesellschaftlichen Voraussetzungen tragen zur Entstehung und Verbreitung bestimmter populärkultureller Sparen bei?
  • Welchen Einfluss hat Populärkultur auf die Identitätsbildung einzelner Individuen?
  • Wie ist der Einfluss japanischer Populärkultur im Ausland?
  • Was ist das Selbst- und Fremdbild von Anhängern bestimmter populärkultureller Strömungen?
  • Inwiefern beeinflusst die Anhängerschaft/das Interesse für eine bestimmte populärkulturelle Strömung den Lebensstil oder sogar die Biographie der Rezipienten?
  • Wie sind die Regeln/Konventionen innerhalb einer Gruppierung von Anhängern einer bestimmten Richtung der Populärkultur?
  • Wie sieht die Arbeit in der „Kulturindustrie“ aus, d.h. welche Produktionsmechanismen stehen hinter der Populärkultur?

 

Außerdem kann man folgende Fragen in Anlehnung an John Fiske stellen:

  • Wie eignen sich gesellschaftliche Subjekte populäre Texte an?
  • Welche Bedeutungen produzieren sie damit?
  • Und welche Lebensverhältnisse kommen damit zum Ausdruck?

2 Gedanken zu „Viele Fragen und John Fiske

  1. Das ist eine gute Zusammenfassung von der letzten Sitzung, die mir den Text greifbarer macht. Den Text konnte ich nach dem ersten Lesen nämlich noch nicht richtig greifen.
    Sie schreiben, dass Fiske nicht unumstritten ist. Beim Lesen des Textes, spürte ich an einigen Stellen einen Widerspruch in mir. Manchmal habe ich seine Aussagen als etwas verallgemeinernd empfunden, da muss ich allerdings noch richtig festmachen woran das lag.

    Dass Populärkultur immer im Kontext gesehen werden muss, finde ich, ist notwendig und auch selbstverständlich. Das ist ja nur nicht bei Populärkultur so, sondern eigentlich bei allen Sachen, wenn man sie untersucht und versuchen möchte sie zu verstehen.

  2. Da sind Sie ja schon ganz im Sinne der Cultural Studies „unterwegs“, wenn Sie den Kontext immer mitberücksichtigen 😉

    Kritik an Fiske wird aus unterschiedlichen Gründen geäußert. Zum Beispiel gibt es Stimmen, die seine Einschätzung der Populärkultur als Mittel des Widerstandes als zu optimistisch, vielleicht sogar romantisch empfinden. Auch wird angeführt, dass seine Thesen theoretisch nicht gründlich fundiert sind.

    Wie sehr wir als Konsumierende von Populärkultur nur ökonomischen Interessen in die Hand spielen bzw. wie viel wir selbst gestalten ist die entscheidende Frage, über die uns Fiske zum Nachdenken anregt. Vielleicht ist das auch die Stelle, in der sich bei Ihnen Widerstände regen.

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