Der Alltag an der Heimatfront: „In this Corner of the World“

Kôno Fumiyos Manga„In this Corner of the World“ schildert das Leben von Frauen in Japan zu Kriegszeiten mit einer großen Liebe zum Detail und auf hohem künstlerischen Niveau. Das hat zu einer großen Popularität des Werks geführt, das mittlerweile über die Anime-Adaption auch international bekannt geworden ist. Wie Lisa Weinert hier darstellt, liegt der Fokus des Manga jedoch vor allem auf der Opferperspektive, und Japans Kriegsschuld ist nicht wirklich ein Thema. 

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sind ein Thema in Japan, das immer wieder aufgegriffen und neu verarbeitet wird. Die Position Japans im zweiten Weltkrieg dagegen wird nur selten kritisch thematisiert oder von verschiedenen Seiten beleuchtet. Ein Blick auf das Leben der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten erleichtert es, die Opferposition, die Japan in dieser Erinnerungskultur einnimmt, zu zeigen und auf empathische Weise zu vermitteln. Die Frage, inwieweit man die normale Bevölkerung für die Kriegsverbrechen verantwortlich machen kann, welche von Japan im Zweiten Weltkrieg begangen wurden, wäre in diesem Kontext zwar eine sehr spannende, wird allerdings nur selten aufgegriffen. So bleibt sie auch in Fumiyo Kōnos Werk „In this Corner of the World“ aus, auch wenn die Geschichte durchaus das Potential gehabt hätte, sie zu untersuchen.

Fumiyo Kōno wurde 1968 in Hiroshima geboren und ist damit zu jung, um eigene Erlebnisse des Atombombenangriffs zu schildern, dennoch scheint dieses Thema für sie sehr wichtig zu sein. Bereits zwischen 2003 und 2004 erschien mit „Town of Evening Calm, City of Cherry Blossom“ (jap. Yûnagi no machi, sakura no kuni) ein Manga von ihr, in dem sie das Thema behandelte. Dieses Werk kann als ihr nationaler und internationaler Durchbruch betrachtet werden. 2008 bis 2009 veröffentlichte sie dann „In this Corner of the World“ (jap. Kono sekai no katasumi ni) in der seinen-Zeitschrift „Manga Action“, die vom Futabasha-Verlag publiziert wird. Der Manga wurde in drei Sammelbänden zusammengefasst und in den folgenden Jahren ins Spanische, Italienische, Französische und Deutsche übersetzt. Hier erzählt sie vom Alltag einer jungen Frau zu Zeiten des zweiten Weltkriegs in Kure, eine kleine Hafenstadt mit Marinestützpunkt in der Präfektur Hiroshima. Der Manga umfasst den Zeitraum von 1934 bis 1946 und thematisiert den Verlauf des Krieges sowie das Erwachsenwerden der Protagonistin. 2016 wurde die Geschichte auch als Anime-Film adaptiert.

Die Geschichte der Protagonistin Suzu Urano (später Suzu Hōjō) beginnt mit kurzen Erzählungen aus ihrer Kindheit und zeigt, wie sie mit ihrer Familie in Hiroshima aufwächst. Als junge Erwachsene heiratet sie den von ihren Eltern ausgewählten Shusaku Hōjō und Suzu zieht zu seiner Familie nach Kure. Hier lebt das Ehepaar gemeinsam mit den Eltern und der Schwester von Shusaku sowie ihrer Tochter. Suzu wird als fröhlich, hilfsbereit und tollpatschig dargestellt. Trotz der stereotypen Darstellung einer freundlichen und unschuldigen Frau hat sie auch Charakterzüge, die sie als weniger perfekt zeigen, da sie durch ihre unbekümmerte Art manchmal nicht den für Frauen angemessenen Konventionen entspricht.  Der Alltag an der Heimatfront: „In this Corner of the World“ weiterlesen

Akutagawa zum Anhören – Teil 2: Rashômon

Wikimedia cc

Nach „Im Dickicht“ präsentieren wir nun den zweiten Teil unserer Reihe „Akutagawa zum Anhören“. Ein Modernes-Japan-Student hat für uns die Geschichte Rashômon (1915) als Podcast aufgenommen.

Rashômon erzählt eine düstere Geschichte, deren Handlung im Kyôto der Heian-Zeit angesiedelt ist. Ein Diener, der seine Anstellung verloren hat und dadurch völlig mittellos geworden ist, gerät in eine Situation, in der er sich entscheiden muss: Werde ich ein Verbrecher, oder riskiere ich, irgendwann an Hunger und Kälte zu sterben? Akutagawas Erzählung basiert auf einer Geschichte der mittelalterlichen Sammlung Konjaku Monogatarishû. Der Autor verleiht dieser eigentlich simplen, grotesken Anekdote eine schaurige Atmosphäre und eine tiefe psychologische Dimension.

„Rashômon“ liegt in einer deutschen Übersetzung von Jürgen Berndt vor, die in dem gleichnamigen Band „Rashômon“ im Verlag Sammlung Luchterhand erschienen ist (2001). Hier auf Popyura gibt es auch eine Rezension zu einer Manga-Adaption dieser Erzählung.

Viel Spaß beim Anhören!

Nihilismus und Fanatismus in “Onward towards our noble Death”

Mizuki Shigeru ist vor allem für seine Manga bekannt, die sich um japanische Ungeheuer (yôkai) drehen. Er war jedoch auch einer der ersten, der seine Erfahrungen im Pazifikkrieg (er wurde 1943 als Soldat in Rabaul auf Neubritannien stationiert) in einem autobiographisch inspirierten Manga verarbeitete. Das 1973 erschienene Werk Sōin Gyokusai Seyo! stellt uns hier Thomas Twickler vor.

In Sōin Gyokusai Seyo! (dt. „Auf in den Heldentod“, engl. „Onward towards our noble Death“) wird der Pazifikkrieg behandelt, genauer gesagt die Traumata, die dieser Krieg für die japanischen Soldaten mit sich brachte. Der Autor, Mizuki Shigeru (1922-2015), ist selbst Teil der kaiserlich japanischen Armee gewesen und hat die Schrecken des Krieges am eigenen Leib erfahren. Er sah Kameraden sterben, wurde Opfer einer unmenschlichen Führung und kehrte nur durch glückliche Fügung mit seinem Leben, jedoch ohne seinen linken (dominanten) Arm nach Japan zurück. Diese Erlebnisse prägten ihn schwerwiegend, so dass er zum Pazifisten wurde. Man kann den Manga also mit gutem Gewissen als Trauma-Bewältigung betrachten. Das Werk wurde zuerst als Oneshot-Manga im Jahr 1973 vom Kodansha-Verlag veröffentlicht. Seitdem hat es mehrere Neuauflagen gegeben, Übersetzungen ins Englische und Deutsche, sowie eine Fernsehadaption, die mit Preisen ausgezeichnet wurde. Aber auch der Manga selbst erhielt nationale und internationale Kunst- und Kulturpreise für seine Botschaft. Auf Deutsch ist das Werk 2019 im Reprodukt-Verlag erschienen.

Der Manga spielt in der Zeit des zweiten Weltkrieges, genau genommen im Pazifikkrieg. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor erklären die Vereinigten Staaten Japan den Krieg. Japan, welches zu diesem Zeitpunkt einen beachtlichen Anteil des Asiatischen Seeraums eingenommen hatte, versuchte dem amerikanischen Vormarsch etwas entgegen zu setzen. Auch wenn die japanische Flotte zu Beginn des Konflikts technisch überlegen war, so war jedoch außer Frage, dass Japan unter der wirtschaftlichen Übermacht der USA erdrückt werden würde. Die Überflügelung im technischen Bereich durch die Amerikaner und das Ende des europäischen Kriegsschauplatzes beschleunigten dies lediglich. Der Krieg zwischen den USA und Japan, welcher zu diesem Zeitpunkt schon auf japanischen Hoheitsgebiet stattfand, endete mit dem Abwurf zweier Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki, was die Kapitulation Japans zur direkten Folge hatte.

Innerhalb dieses Konflikts betrachtet der Manga die Schlacht um Neuguinea, die von Januar 1942 bis zum Kriegsende andauerte. Wie der Name nahelegt, fand diese Schlacht im zuvor von Australien kontrollierten Neuguinea statt. Dieser Kriegsschauplatz zeichnet sich durch starke Verluste und die Tatsache aus, dass Hunger und Krankheiten mehr japanische Leben forderten als der Feindkontakt. Durch Blockaden schnitten die alliierten Streitkräfte die eingeschlossen Japaner von Versorgungsgütern ab. Zugleich beschreibt der Historiker John Laffin den Neuguinea-Konflikt als den beschwerlichsten Konflikt des zweiten Weltkriegs von alliierter Seite.

Der Manga betrachtet einen Ausschnitt aus dem Leben des Soldaten Maruyama, eine Art alter Ego von Mizuki Shigeru, durch das er viele Erfahrungen, die er als Soldat gemacht hat wiedergibt. Dennoch ist das Werk nicht eindeutig eine Autobiographie, sondern lediglich an seine Erfahrungen angelehnt. Es behandelt die Vorbereitung zum Kampf gegen die Amerikaner, ebenso wie die Kämpfe selbst.  Nihilismus und Fanatismus in “Onward towards our noble Death” weiterlesen

Shōwa: A History of Japan – Ein Monumentalwerk über Japan im Krieg

Wie kann es gelingen, die gesamte Geschichte der Shôwa-Zeit (1926–1989) inklusive des Kriegsgeschehens nachzuerzählen, und das Ganze auch noch unterhaltsam und witzig zu gestalten? Mizuki Shigeru ist das in seinem Manga „Shōwa: A History of Japan“ gelungen. Hasan Acur stellt uns hier dieses Monumentalwerk vor.

„Shōwa: A History of Japan“ (jap. コミック昭和史 Komikku Shôwa-shi) ist ein Manga des Künstlers Mizuki Shigeru (1922–2015), der zuerst von 1988 bis 1989 bei Kodansha in Japan veröffentlicht wurde. Die Rezeption dieses Mangas war überwiegend positiv und er erhielt viele Preise, wie beispielsweise den renommierten Kodansha-Award. Er ist mittlerweile auf Japanisch und Englisch verfügbar.

Der Autor Mizuki Shigeru ist eigentlich überwiegend für seine yôkai-Manga bekannt, die er als einer der ersten Autoren dieses Genres mit Werken wie GegeGe no Kitarō prägte. In „Shōwa: A History of Japan“ erzählt er unter anderem auch, wie er auf dieses Genre gestoßen ist und was ihn inspirierte. Der nezumi otoko („Rattenmann“) ist eine in vielen seiner Werke wiederkehrende yôkai-Figur, die auch in Shōwa prominent auftaucht. Hier übernimmt er die Rolle des Erzählers und berichtet meist über die historischen Ereignisse. Dabei durchbricht er auch oft die „vierte Wand“ und wendet sich direkt an das Publikum. Zudem kommentiert der „Rattenmann“ oft Ereignisse oder Entscheidungen kritisch, führt Interviews mit anderen Charakteren (z.B. mit dem Autor selbst) und wirkt wie die „Stimme der Vernunft“. Er spiegelt wahrscheinlich auch die Meinung des Autors wider und dient dazu, den verarbeiteten Stoff (beispielsweise mit Humor) leichter zu vermitteln.

„Shōwa: A History of Japan“ ist eine semi-autobiographische Erzählung der Shōwa-Zeit und erschien ursprünglich in acht Bänden in Japan (Die englische Version wurde in vier Bänden veröffentlicht). Es ist eine Nacherzählung vieler wichtiger historischer Ereignisse und zugleich eine autobiographische Reflexion des Autors, der in diesem Werk von seinem Leben in diesen Zeiten erzählt. In diesem Blogartikel werden nur die ersten drei der insgesamt vier englischen Bände vorgestellt, da in diesen der Pazifikkriegt thematisiert wird.

Abb. 1 Putschversuch vom 26. Februar 1936

Die historischen Ereignisse sind meist sehr realistisch und ernst gezeichnet: Oft werden dafür Originalfotos oder Dokumente nachgezeichnet, wie zum Beispiel bei der Darstellung des Putschversuchs vom 26. Februar 1936 (vgl. Abb. 1). Durch dieses Einbeziehen von historischen Objekten und Ereignissen wird dem Werk Authentizität verliehen. Die schwarz-weiße Darstellung im Manga lässt den Kampf noch dunkler erscheinen, Meer und Himmel werden manchmal schwarz oder grau dargestellt, was für eine sehr düstere Atmosphäre sorgt. Im Gegensatz dazu werden die Alltagsgeschichten von Mizuki Shigeru in einem leichteren Comic-Stil erzählt. Der Manga verbindet diese beiden Elemente gut; so wechseln sich die historischen Erzählungen mit den „leichteren“ Erzählungen aus Mizuki Shigerus Alltag zu dieser Zeit ab, was bei den Lesenden für eine gute Abwechslung sorgt.  Shōwa: A History of Japan – Ein Monumentalwerk über Japan im Krieg weiterlesen

They Called us Enemy – Eine Kindheit im Internierungslager

George Takei (geb. 1937) ist nicht nur durch Star Trek bekannt, er ist auch eine einflussreiche Social-Media-Persönlichkeit (9.9 Mio Follower auf Facebook, 3 Mio auf Twitter). Seine Popularität hat er jetzt genutzt, um auf ein Thema aufmerksam zu machen, das ihn persönlich betrifft und bewegt: Die Internierung von japanischstämmigen Amerikanern während des zweiten Weltkrieges. In der Graphic Novel They Called us Enemy (2019), die uns Chiara Borgmann hier vorstellt, erzählt er auf eindrückliche Weise seine Familiengeschichte.

Nach dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 während des zweiten Weltkriegs fingen die Anfeindungen gegenüber der japanischstämmigen Bevölkerungen in den USA an. Bald darauf wurden eben diese Menschen in Lagern zusammengepfercht und mussten dort jahrelang im Ungewissen leben. Dieses Schicksal widerfuhr auch George Takei, dem berühmten Schauspieler, der die Rolle des Hikaru Sulu in vielen Star-Trek-Verfilmungen gespielt hat. Da dieses Thema immer noch weit im Hintergrund steht und nicht sehr viel Bekanntheit in den Breiten der Bevölkerung erlangt hat, entschied er sich (in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Harmony Becker und den Co-Autoren Justin Eisinger und Steven Scott), seine Autobiografie in der Form einer Graphic Novel mit dem Titel They Called Us Enemy herauszubringen.

Wie bereits erwähnt ist es eine autobiografische Geschichte und erzählt viel vom Leben George Takeis während seiner Kindheit, angefangen vom Kennenlernen seiner Eltern, bis zum Neuanfang seiner Familie, nachdem sie das Internierungslager endgültig verlassen hatten. Die Geschichte fesselt sehr schnell durch die moderne Aufmachung und die detailreichen Zeichnungen. Besonders toll dabei ist die Darstellung der Emotionen auf den Gesichtern der Charaktere, die einen beim Lesen schnell in den Bann ziehen und es erlauben richtig mitzufühlen.

Man betrachtet das Geschehen hauptsächlich durch die Augen Georges im Kindesalter, wobei Anmerkungen und Erklärungen des erwachsenen Georges die Handlung ergänzen. Seine Eltern lernen sich in den USA kennen (wo seine Mutter als Kind von japanischen Einwanderern geboren wurde), und heiraten auch dort. George und sein kleiner Bruder werden in den USA geboren und wachsen dort auch auf – zunächst in einem Einfamilienhaus, das sich die Eltern erarbeitet haben. Nach der Kriegserklärung der USA gegenüber Japan richtet die amerikanische Regierung die sogenannten Internierungslager ein, die dafür erschaffen wurden um die „japanische Bedrohung“ einzudämmen. Japanischstämmige Bürger werden von fast allen anderen als bedrohlich wahrgenommen und sie werden behandelt wie zukünftige Terroristen – dabei ist es egal, ob sie als erste Generation in den USA sind, oder ob die Familien schon in der zweiten oder sogar dritten Generation dort leben.  They Called us Enemy – Eine Kindheit im Internierungslager weiterlesen

Cocoon von Kyô Machiko: Ein Blutbad unter Palmen

Viele populärkulturelle Werke über den Pazifikkrieg, die in Japan erschienen sind, nehmen einen weiblichen Blickwinkel ein – und rücken dabei häufig den Fokus weg von den Grausamkeiten der Front. Cocoon von Kyô Machiko ist anders: Obwohl sich die Künstlerin einer Ästhetik der Niedlichkeit bedient und eine Gruppe von Mädchen zu den Protagonistinnen ihres Werks macht, zeigt sie in erschütternder Direktheit die Entmenschlichung, welche die Schlacht um Okinawa (1. April – 30. Juni 1945) mit sich brachte. Martin Breuer stellt uns dieses Werk vor, das sicher nichts für zart besaitete Leser/innen ist.  

Der Manga „Cocoon“, der 2010 von Akita Shoten veröffentlicht wurde, befasst sich mit den „Himeyuri-Schülerinnentrupps“, die während der Schlacht um Okinawa zu Ende des Zweiten Weltkrieges als Krankenschwestern für verwundete Soldaten eingesetzt wurden. Von den 222 Schülerinnen, die auf diese Weise zum Einsatz kamen, verloren die meisten ihr Leben. Die Verfasserin des Manga machte ihren Abschluss an der „Tokyo University of Arts“ und arbeitet heute unter dem Pseudonym Kyô Machiko. Sie wurde von einem ursprünglich aus Okinawa stammenden Redakteur gebeten, dieses Werk zu verfassen und betrachtete es als eine große Herausforderung, da sie wie sie in einem Interview schildert, weder Kriegsopfer in ihrem näheren Bekanntenkreis hat, noch in einer Region aufwuchs, welche stark vom Krieg beeinflusst wurde.  „Cocoon“ sticht im Vergleich zu den anderen eher niedlich gehaltenen Projekten auf dem Blog der Künstlerin („Sennen Pictorial“) deutlich durch schockierende Kriegsszenerien hervor. Kyôs Ziel war es, mit dieser fiktiven Geschichte, die nah an die Realität angelehnt ist, ein beunruhigendes Gefühl beim Leser auszulösen, was ihr meines Erachtens sehr gut gelungen ist.

Zunächst beginnt alles noch recht friedlich. Die Hauptcharaktere San und Mayu sowie einige ihrer Klassenkameradinnen werden uns vorgestellt, während sie an einem sonnigen Tag Zeltplätze für Soldaten errichten. Mayu ist durch ihr Aussehen und Auftreten eins der beliebtesten Mädchen der Schule geworden, wohingegen San eher verträumt und zurückhaltend dargestellt wird. Zunächst ist der Krieg, der im Hintergrund abläuft, nur dadurch bemerkbar, dass die erste Szene auf einem Soldatenzeltplatz spielt. Während man den Mädchen beim Plaudern und Austauschen von Postkarten zuschaut, ahnt man noch nichts Böses. Erst als die mit San und Mayu befreundeten Zwillinge auf eine ironisch glückliche Art und Weise erklären, warum man sie seit dem letzten Luftangriff nun nicht mehr verwechseln könne, offenbart sich das wahre Ausmaß des Krieges. In einer Rückblende sieht man dazu, wie eine der Zwillingsschwestern durch brennende Trümmer auf den Boden gedrückt wird, welche ihren Rücken verbrennen und eine unübersehbare riesige Narbe hinterlassen.  Cocoon von Kyô Machiko: Ein Blutbad unter Palmen weiterlesen

Echo der Erinnerung: Das Schicksal der Atombombenopfer in „Struck by black rain”

Der Manga-Künstler Nakazawa Keiji ist vor allem für seine Serie „Barfuß durch Hiroshima” bekannt, in der ein Junge mit den Folgen des Atombombenabwurfs zu kämpfen hat. Dieses Werk ist jedoch bei weitem nicht das einzige, in dem sich Nakazawa mit den Auswirkungen der Bombe beschäftigt hat. Joshua Thrun stellt uns hier das erste Werk dieses großen Mangaka vor, in dem er sich an dieses für ihn sehr persönliche Thema wagte: Kuroi ame ni utarete („Struck by black rain”).

Hiroshima. Fällt der Name dieser bekannten japanischen Präfektur mit der gleichnamigen Hafenstadt, denken wir wahrscheinlich zuerst an die Atombombe, die damals Abertausende von Leben forderte. Der 6. August 1945 war ein weltbewegender Tag voller Leid aufseiten Japans. Auch wenn der Krieg für die Alliierten eigentlich bereits als gewonnen galt, so bestand spätestens an jenem Tag kein Zweifel mehr daran. Am 2. September 1945 folgte die Unterzeichnung der offiziellen Kapitulation des Japanischen Kaiserreichs, die bereits am 15. August in einer Radioansprache durch den Kaiser verkündet worden war. Der Krieg war vorbei, doch das Leid hallte nach, wie ein Echo der Erinnerung.

Für die Überlebenden der Atombombenexplosion, hibakusha (jap. 被爆者, dt. Explosionsopfer) genannt, begann nämlich ein neuer Kampf, der Kampf für Anerkennung und Gleichstellung, nachdem die Opfer alles verloren hatten und Gerüchte ein ganzes Leben bestimmen konnten. Mit eben jenen Schicksalen befasst sich der Mangaka Nakazawa Keiji (中沢 啓治, 1939–2012), welcher selbst in Hiroshima lebte und Überlebender der Atombombenexplosion war. Nakazawa Keiji wurde am 14. März 1939 in Naka-ku, Hiroshima geboren. Noch als Grundschüler war er vor Ort, als die Bombe fiel. Die meisten seiner Familienmitglieder starben bei diesem Unglück, darunter auch sein jüngerer Bruder, seine Schwester und sein Vater; außerdem das neugeborene Geschwisterkind, welches nach dem Bombenabwurf entweder an den Folgen der radioaktiven Strahlung oder an Mangelernährung verstarb. 1961 zog Nakazawa nach Tokyo, wo er zum ersten Mal als Mangaka tätig war. Zuerst hielt er seinen hibakusha-Status geheim, da er der negativen Konfrontation in der Gesellschaft entgehen wollte. Nachdem seine Mutter 1966 verstarb, entschied er sich jedoch, die Folgen für die Betroffenen des Atombombenunglücks in einem Manga aufzuzeigen – die Geburtsstunde von „Struck by black rain” (jap. Kuroi ame ni utarete).

Das Erscheinen des Manga 1968 verlief keineswegs reibungslos. In Japan ist es üblich, dass verschiedene Manga als Serien in einem Magazin aufgenommen werden. Nakazawa war kein sonderlich populärer, jedoch auch kein unbekannter Mangaka und veröffentlichte bereits einige seiner vorherigen Werke unter den führenden Verlagen dieser Zeit. Die Thematik rund um Hiroshima jedoch, die er in „Struck by black rain“ zum ersten Mal in einem Manga illustrierte, war eine schwierige und auch zu einem gewissen Grad eine tabuisierte, sodass die „Big Player“, namentlich Kodansha, Shogakukan, Hobunsha und Shueisha, den Manga nicht in ihren Magazinen aufnehmen wollten. So blieb Nakazawa nichts anderes übrig, als sein Werk in einem unbekannteren Magazin, Manga Panchi, zu veröffentlichen. Dieses bestand zum größten Teil aus freizügigen Manga für Erwachsene und stellte somit nicht die ideale Veröffentlichungsplattform dar. Dennoch erhielt Nakazawa nach dem Erscheinen des ersten Teils des Manga positive Rückmeldungen von anderen Manga-Künstlern und konnte das Werk als Serie mit weiteren Episoden fortsetzen. Echo der Erinnerung: Das Schicksal der Atombombenopfer in „Struck by black rain” weiterlesen

The Outrage: Rashômon im Western-Setting

Abb. 1 Filmplakat

Rashômon von Kurosawa Akira (1950) gehört nach Ansicht vieler Kritiker zu den „besten Filmen aller Zeiten“. Ungleich weniger bekannt ist ein in den 1960er Jahren erschienenes Remake dieses Meisterwerks, das die Geschichte in ein Western-Setting verlegt: The Outrage. Simon Richter stellt uns hier diesen Film vor, in dem immerhin Paul Newman die zentrale Rolle des Räubers spielt – der hier ein Mexikaner ist. 

Nachdem der Film „Die sieben Samurai“ (Shichinin no Samurai, 1954) im Jahr 1960 sein amerikanisches Remake im Stil eines Western-Filmes mit dem Titel „Die glorreichen Sieben“ bekam, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch weitere Filme von Kurosawa Akira dieser „Verwestlichung“ unterzogen wurden (zu Japan und dem Western-Genre siehe auch hier). Im Oktober 1964 kam der Film „The Outrage“, bei dem Martin Ritt Regie führte, in die amerikanischen Kinos. Im Jahr darauf gab es ihn auch in (West-)Deutschland zu sehen, allerdings unter dem Titel „Carrasco, der Schänder“. Das Drehbuch wurde von Michael Kannin geschrieben und basiert auf dem Skript, das Kurosawa Akira 1950 zusammen mit Hashimoto Shinobu für den Film „Rashōmon“ verfasst hat. Dieses wiederum war eine Adaption der Erzählung „Im Dickicht“, die Akutagawa Ryūnosuke 1922 veröffentlichte. In „Carrasco, der Schänder“ werden sowohl Kurosawa Akira als auch Akutagawa Ryūnosuke im Abspann mit entsprechendem Hinweis erwähnt. Damit gehen die Produzenten hier offener mit ihren Quellen um als dies zum Beispiel bei Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“ der Fall war, bei dem die offensichtliche Anlehnung an Kurosawas „Yōjimbō“ (und Dashiell Hammetts Romans „Rote Ernte“) von dem Regisseur bestritten wurde.

Die Story in beiden Filmen ist nahezu identisch und lässt sich kompakt wie folgt umschreiben: Ein Bandit stellt einem Ehepaar eine Falle, vergewaltigt die Frau nachdem er den Mann überrumpeln konnte, und danach kommt es zu einer Auseinandersetzung, die den Tod des Mannes zur Folge hat. Das Geschehene wird durch die verschiedenen Blickwinkel mehrerer Personen wiedergeben, die entweder an der Tat beteiligt waren, Zeugen des Ereignisses wurden oder in sonstiger Verbindung zu der Tat stehen. In Akutagawa Ryūnosukes literarischer Vorlage finden wir als Leser/innen nur diese Aussagen vor. Der Autor gibt uns keine weiteren Rahmeninformationen und somit müssen wir uns selbst ein Bild davon machen, was sich ereignet hat (und wer der/die Schuldige ist). Kurosawa Akira musste für seine Verfilmung einen Handlungsrahmen schaffen und lässt die Geschichte an einem historischen Tor spielen – dem titelgebenden Rashōmon. An diesem Tor suchen sich ein Priester, ein Holzfäller und ein einfacher Bürger wegen eines Unwetters einen trockenen Unterschlupf und kommen dabei ins Gespräch. In „The Outrage“ wird dieses Tor zu einer Bahnhofsstation, an der ein Priester, ein Goldgräber und ein Schlangenöl-Verkäufer bei starkem Regen ins Gespräch kommen.  The Outrage: Rashômon im Western-Setting weiterlesen

Literarische Klassiker in neuem Gewand: Bungô Stray Dogs

Abb. 1 Manga auf Deutsch: Egmont

Im Franchise „Bungô Stray Dogs“ treten die bekanntesten Autoren der modernen japanischen Literatur auf, bekämpfen sich gegenseitig und sehen dabei auch noch verdammt gut aus. Ein deutsches Pendant könnte man sich ungefähr so vorstellen: Thomas Mann, mit schulterlangen Haaren, und ausgestattet mit der besonderen Superhelden-Fähigkeit „Zauberberg“. Das klingt erst einmal schräg, hat sich aber zu einer sehr erfolgreichen Manga- und Anime-Serie entwickelt. Jonas Drechsel und Philipp Eckershoff stellen uns das Franchise vor und erläutern, wie genau die Bezüge zur Welt der Literatur funktionieren. 

Hier auf dem Blog wurden bereits mehrere Autor/innen, deren Werke (und Adaptionen davon) vorgestellt, die der Meiji-Zeit und somit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis hin zum frühen 20. Jahrhundert entsprungen sind. Autoren wie Mori Ôgai, Dazai Osamu und Akutagawa Ryûnosuke gehören unbestritten zu den literarischen Größen dieser Zeit und ihre Werke sind echte Klassiker – doch welche Relevanz haben sie für die heutige Popkultur? Natürlich finden wir diverse Adaptionen der Originalwerke im Bereich Film und Manga, doch spielen die Autoren auch darüber hinaus eine Rolle für die Jugendkultur des gegenwärtigen Japan? Ein Beispiel dafür liefert uns der Manga „Bungô Stray Dogs“ (jap. 文豪ストレイドッグス, Bungô sutorei doggusu), ein seinen-Manga, der seit 2012 produziert wird und aus der Feder von Asagiri Kafka (Story) und Harukawa Sango (Zeichnungen) stammt. Nicht nur die Hauptfiguren dieses Manga, sondern auch andere Elemente wurden durch verschiedenste Autoren der modernen japanische Literatur und deren Werke inspiriert. Wie sich das äußert, stellen wir im Folgenden anhand einiger Beispiele genauer dar.

Bevor wir auf den Inhalt des Mangas selbst eingehen, müssen wir jedoch zuerst Bezug auf den Autor hinter „Bungô Stray Dogs“ nehmen. Denn auch dieser hat einen berühmten Autor des frühen 20. Jahrhunderts als Inspiration herangezogen, Franz Kafka, bekannt für sein Werk „Die Verwandlung“, zu dem wir hier auf dem Blog auch einige Artikel haben. Da davon auszugehen ist, dass sowohl der Künstlername des Autors als auch die Verwandlung des Protagonisten in „Bungô Stray Dogs“ (auf den wir gleich noch eingehen) Anlehnungen an das bekannte Werk des deutschsprachigen Schriftstellers sind, wird von vornherein eine gewisse Verbundenheit zur Literatur deutlich. Aber nicht nur Franz Kafka diente an dieser Stelle als Inspiration; tatsächlich sind die meisten wichtigen Figuren in Asagiris Manga benannt nach prominenten Vertretern japanischer, und später auch russischer und amerikanischer Literatur. So stößt man im Manga selbst auf Dazai Osamu, Akutagawa Ryûnosuke, F. Scott Fitzgerald, Mark Twain und Nakajima Atsushi, welcher als Hauptfigur und somit Dreh- und Angelpunkt der Geschichte auftritt. Angesiedelt ist die Geschichte des Manga in einer fiktiven Version von Yokohama, angelehnt an die reale Großstadt direkt neben Tokyo, was vor allem durch die Abbildung prominenter Sehenswürdigkeiten zur Geltung kommt. Das beliebte Riesenrad „Cosmos Clock 21“, das man in der Hafengegend Yokohamas nur schwer übersehen kann, ist etwa Teil einiger Werbeposter und auch im Anime zu sehen. In einem ruhigen Teil genau dieser Stadt wird der junge Streuner Atsushi durch den erfahrenen Detektiv Dazai Osamu für die Armed Detective Agency rekrutiert, ein Zusammenschluss verschiedener Individuen, die sich den Schutz Yokohamas vor den dunklen Machenschaften der sogenannten Port Mafia zur Aufgabe gemacht haben. Der Clou des Ganzen? Alle Figuren besitzen spezielle Fähigkeiten, am ehesten zu vergleichen mit Superkräften, die nicht nur nach bestimmten Buchtiteln jener Autoren benannt sind, sondern meistens grob Inhalte oder Kernaussagen dieser Werke widerspiegeln.

Abb. 2 Tigergestalt Nakajimas

Wie bereits kurz erwähnt zeigen sich bei dem Protagonisten der Serie, Nakajima Atsushi, Hinweise auf das Werk Kafkas, was auch auf den Fakt zurückzuführen ist, dass „der echte“ Nakajima Atsushi (1909–1942) von Franz Kafka beeinflusst war. So handelt Nakajimas Erzählung Sangetsuki (山月記, „The Moon over the Mountain“, 1942) von einem Poeten im Tang-zeitlichen China, der sich in einen Tiger verwandelt, was als Parallele zur Erzählung „Die Verwandlung“ gesehen werden kann. In dem Manga kommt diese Transformation in Atsushis Fähigkeit, „Beast Beneath the Moonlight“ (jap. 月下獣 gekkajû), zum Ausdruck. Diese erlaubt es ihm, sich in einen „Wertiger“ (das Tiger-Pendant zum Werwolf) zu verwandeln und so seine körperliche Stärke um ein Vielfaches zu multiplizieren. Die Tigergestalt wird im Manga sehr dynamisch und teilweise abstrakt dargestellt (vgl. Abb. ). Literarische Klassiker in neuem Gewand: Bungô Stray Dogs weiterlesen

Die Atombomben im Manga: Erinnerung an das Leid der Opfer

Manga sind für die Auseinandersetzung mit den Atombombenabwürfen in Japan ein zentrales Medium. Die Erinnerung an den Schrecken der Bombe und die Folgen bringen heute viele Menschen mit den Werken von Nakazawa Keiji in Verbindung, der selbst Opfer des Abwurfs auf Hiroshima wurde und seine Erfahrungen in Werken wie „I saw it“ (Ore wa mita, 1972) oder „Barfuß durch Hiroshima“ (Hadashi no Gen, 1973–1987) verarbeitet hat. Anfang der 2000er Jahre ist mit Kôno Fumiyos „Town of Evening Calm, City of Cherry Blossom“ ein Werk erschienen, das den Fokus auf die langfristigen Nachwirkungen der Bombenabwürfe legt und zwei Geschichten aus weiblicher Perspektive erzählt. Margarethe Betz stellt uns diesen Manga hier vor.

Die Ereignisse des zweiten Weltkrieges wurden und werden in Japan zahlreich in Medien wie Literatur, Kunst, Film und Manga verarbeitet. Häufig nimmt Japan in diesen Werken eine Opferrolle ein. Der Fokus solcher Geschichten ist oft das Ende des Krieges; Japans Taten vor und während des zweiten Weltkrieges finden oft keine Erwähnung und promilitärische Einstellungen dieser Zeit werden selten hinterfragt. Vor allem die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, die sehr prägend für die politische, soziale und kulturelle Erinnerung Japans waren, werden oft in solchen Werken aufgegriffen. Eine solche Auseinandersetzung mit der Thematik stellt der Manga „Town of Evening Calm, City of Cherry Blossom“ dar.

„Town of Evening Calm, City of Cherry Blossom“, (jap. Yûnagi no machi, sakura no kuni), von Kôno Fumiyo befasst sich mit den Folgen, die der Atombombenabwurf auf Hiroshima auf die Zivilbevölkerung hatte. Der Manga erschien 2003 bis 2004 in der seinen-Zeitschrift Manga Action, die dem Verlag Futabasha angehört. 2004 wurde er in einem Sammelband veröffentlicht, der ins Englische, Französische, Spanische, Portugiesische, Koreanische und Chinesische übersetzt wurde. Die Rezeption des Werkes war überwiegend positiv, sowohl innerhalb Japans als auch im Westen, und wurde zahlreich in verschiedene Medien adaptiert. Er erhielt 2004 den Grand Prize des Japanese Media Arts Preises und gewann 2005 den Newcomer Award des Osamu-Tezuka Kulturpreises.

Die Autorin, Kôno Fumiyo wurde 1968 in Hiroshima geboren. Sie zog nach ihrem Studium nach Tokyo, um dort als Mangaka tätig zu sein. Sie selbst ist keine hibakusha (Überlebende der Atombombenabwürfe) und hat keine Familienangehörigen, die direkte Opfer des Atombombenabwurfs waren. Das Werk ist somit keine Verarbeitung ihrer eigenen Erfahrungen, und bei den Figuren, die darin vorkommen, handelt es sich nicht um real existierende Personen. Obwohl sie selbst nicht von der Bombe betroffen war, schreibt sie im Nachwort, dass es trotzdem immer ein sehr sensibles Thema für sie war und sie dem Zeichnen dieses Mangas zunächst skeptisch gegenüberstand. Ihr Entschluss, ihn dennoch zu zeichnen kam daher, dass es ihrer Meinung nach außerhalb von Nagasaki und Hiroshima nicht ausreichend Aufklärung über die Auswirkungen und Nachwirkungen des Vorfalls gab. Somit ist das Ziel ihres Werkes, vor allem junge Personen, die außerhalb dieser Regionen leben, über die Folgen aufzuklären. Zu diesem Zweck folgen der Geschichte im Sammelband sowohl ein Nachwort, in dem sie über Beweggründe für das Zeichnen des Mangas spricht, als auch Erklärungen der Autorin, Quellen und eine Karte des Zentrums der Stadt Hiroshima, auf der wichtige, in der Erzählung erwähnte Orte markiert sind. Diese tragen nicht nur zur Authentizität des Werkes bei, sondern sollen den Leser auch dazu anregen, sich mit dem Thema stärker auseinander zu setzten. So lassen sich im Quellenverzeichnis des Werkes viele visuelle Quellen (Manga, Filme, Bildersammlungen, etc.) finden, die vor allem für die durchschnittliche Leserschaft weitaus interessanter und zugänglicher sein dürften als wissenschaftliche Texte und Bücher.  Die Atombomben im Manga: Erinnerung an das Leid der Opfer weiterlesen

Hebi ni piasu als josei-Manga: Ein Skandalwerk wird „bräver“

Kanehara Hitomis „Skandalwerk“ Hebi ni piasu (2003) ist für seine expliziten Sex- und Gewaltszenen bekannt. Wie kann ein solches Werk für eine  josei-Manga-Zeitschrift adaptiert werden, die als Mainstream-Medium gewisse Grenzen im Spektrum des Darstellbaren beachten muss? Saniye Aydemir und Kang Gao haben sich die Manga-Version von Watanabe Peko aus dem Jahr 2004 angeschaut und stellen fest: Hebi ni piasu fällt hier harmloser und dadurch auch etwas banaler aus.

Im Folgenden stellen wir Kanehara Hitomis Werk Hebi ni Piasu 蛇にピアス (dt.„Tokyo Love“) und die gleichnamige Manga-Adaption von Watanabe Peko vor. Zunächst zur Autorin: Kanehara Hitomi 金原 ひとみ wurde am 08. August 1983 in Tōkyō geboren. Mit zwölf Jahren begann sie mit dem Schreiben. Die Schule brach sie ab, weil sie – wie sie selbst gesagt – besseres mit ihrer Zeit zu tun wusste. Neue Eindrücke gewann Kanehara Hitomi durch ein Auslandsjahr in San Francisco. Nach der Rückkehr zog sie aus der Wohnung ihrer Eltern aus, und ihr Vater, Kanehara Mizuhito, versorgte sie mit Büchern, die sie allesamt verschlang – als wollte sie sich mit dem fremden Leben vollstopfen. Als Kanehara 19 Jahre alt war, schockierte sie im Jahr 2004 ganz Japan mit ihrem Buch Hebi ni Piasu („Snakes and Earrings“). Dafür bekam die Autorin zunächst den Subaru-Preis, und anschließend den 130. Akutagawa-Preis, eine Art literarischer Adelstitel in Japan. Damit wurde Kanehara die bisher zweitjüngste Preisträgerin (nach Wataya Risa, die gleichzeitig mit ihr ausgezeichnet wurde).
Kanehara Hitomi hat zwei Töchter, von denen eine 2007 und eine 2011 geboren wurde. 2011 bis 2018 lebte sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Frankreich. Mittlerweile ist die Familie wieder nach Japan zurückgekehrt. Kanehara Hitomi ist weiter literarisch aktiv und hat weitere Preise gewonnen (u.a. 2012 den Bunkamura Deux Magots Literary Prize für Mazāzu マザーズ [Mothers] und 2020 den Watanabe Jun’ichi Literary Prize für Atarakushia アタラクシア [Ataraxia]).

In Hebi ni Piasu trifft die Protagonistin Rui auf den charmanten Ama, der sie mit seiner gespaltenen Schlangenzunge fasziniert. Sie zieht mit ihm zusammen und geht eine Beziehung mit ihm ein. Rui lässt sich selbst die Zunge piercen, um das Loch schrittweise zu dehnen und letztendlich ihre Zunge zu spalten. Dieser Prozess der Zungenspaltung begleitet Rui durch das ganze Werk. Zusammen mit Ama besuchen sie Shiba, Tattoo- und Bodymodification-Artist und Besitzer des Tattoostudios „Desire“. Rui findet Gefallen an dem rätselhaften Mann und besucht ihn später alleine ohne Ama. Inspiriert von Amas Drachen-Tattoo und Shibas Kirin-Tattoo (ein japanisches Fabelwesen), lässt sich Rui ebenfalls ein großes, von Shiba gestaltetes Motiv auf ihren Rücken stechen. Sie beschreibt, wie der Drache und der Kirin auf ihrem Rücken tanzen und sie bis ans Ende ihres Lebens begleiten würden, symbolisch für ihre Beziehung mit Ama und Shiba. Mit dem Stechen des Tattoos beginnen Shiba und Rui eine sexuelle, sadomasochistische Beziehung, wohingegen Ama vermehrt Rui seine Liebe und Zärtlichkeit beweist.  Hebi ni piasu als josei-Manga: Ein Skandalwerk wird „bräver“ weiterlesen

Vom Ungeziefer zum Mensch: Murakamis „Samsa in Love“ als Manga-Adaption

Murakami Haruki ist bekanntermaßen ein großer Kafka-Fan. In der Erzählung „Samsa in Love“ zeigt er uns, wie die „Verwandlung“ hätte weitergehen können, wenn Gregor Samsa sich zurück verwandelt hätte: Hier wird nun die Menschengestalt zum Ungewohnten, Irritierenden. Die Manga-Adaption dieser Geschichte von Jc Deveney und PMGL, die uns Henrietta Born und Meike Grolman hier vorstellen, transportiert dieses Gefühl sehr gut.

Samsa in Love oder 恋するザムザ ist eine Kurzgeschichte vom japanischen Schriftsteller Murakami Haruki. Die Geschichte erschien 2013 in Japan in der Sammlung 恋しくて TEN SELECTED LOVE STORIES. Die Geschichte ist eine Fortsetzung von Franz Kafkas berühmter Erzählung „Die Verwandlung“, in der der Protagonist Gregor Samsa nicht stirbt, sondern wieder als Mensch erwacht. Die Manga-Adaption von den französischen Künstlern Jc Deveney und PMGL erschien 2019 in der Reihe Haruki Murakami 9 Stories. Die Sammlung wurde bis jetzt nur in japanischer Sprache veröffentlicht.

Gregor Samsa erwacht verwandelt in seinem Bett. Er weiß nicht, wo er ist. Er weiß nur, dass er ein Mensch ist und Gregor Samsa heißt. Woher er dies weiß, ist ihm nicht bewusst. Genau wie er auch nicht weiß, wer oder was er vorher gewesen sein könnte. So beginnt die Geschichte über Gregor Samsas „Menschwerdung“ bei Murakami Haruki. Gregor kann sich kaum bewegen und jeder Gedanke tut ihm weh. Er versucht seinen Körper zu verstehen und ihn zu bewegen, was ihn jedoch viel Kraft kostet. Als er ein starkes Hungergefühl verspürt, macht er sich auf den Weg etwas zu essen zu finden.  Vom Ungeziefer zum Mensch: Murakamis „Samsa in Love“ als Manga-Adaption weiterlesen

Ein unsichtbarer Gregor Samsa

Franz Kafka wollte nicht, dass der Protagonist seiner Erzählung „Die Verwandlung“, Gregor Samsa, in seiner Ungeziefer-Gestalt bildlich dargestellt wird. Künstlerinnen und Künstler, die das Werk für Manga oder Film adaptieren wollen, stehen daher vor einem Dilemma. Die Nishioka-Geschwister haben für ihre Version der „Verwandlung“ eine Lösung für dieses Problem gefunden: Sie stellen Gregor Samsa einfach gar nicht dar. Wie Imke Seidel uns hier erläutert, funktioniert das erstaunlich gut.

In diesem Blogartikel möchte ich eine Adaption von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ vorstellen. Das Werk trägt den Titel „The Metamorphosis“ (henshin 変身) und erschien im April 2010 in dem Sammelband „Kafka (カフカ): classics in comics“. Die beiden Mangaka Satoru und Chiaki Nishioka, die Geschwister sind und unter dem gemeinsamen Namen Nishioka Kyôdai veröffentlichen, präsentieren hier verschiedene Adaptionen zu Kafkas Werken. Neben der Verwandlung sind u.a. „Ein Hungerkünstler“ oder „Ein Landarzt“ enthalten. Die Adaptionen sind offiziell nur auf Japanisch erhältlich, es existiert aber eine englische Scanlation, die von Ikeuchi Osamu bzw. Willa und Edwin Muir angefertigt wurde.
Bevor ich aber genauer auf die Adaption von „Die Verwandlung“ eingehe, möchte ich kurz das Nachwort von Nishioka Satoru einbeziehen, welches sich speziell auf  die Umsetzung der „Verwandlung“ bezieht.

Hier äußert sich der Mangaka zu seinen ursprünglichen Gedanken, keine Manga-Adaption zu Kafkas „Die Verwandlung“ verfassen zu wollen. Da Kafka selber den Wunsch hatte, dass der Protagonist der Geschichte, Gregor Samsa, nicht bildlich dargestellt werden soll, erschien es Nishioka Satoru unmöglich, einen Manga entsprechend diesem Wunsch zu zeichnen. Zudem empfand Nishioka die Geschichte zunächst als nicht besonders interessant. Während er andere Kurzgeschichten Kafkas mehrfach gelesen hatte, hatte er „Die Verwandlung“ nur ein einziges Mal vor vielen Jahren gelesen und seitdem sei sie für ihn in Vergessenheit geraten. Die allgemeine Meinung, dass die Geschichte eine Metapher für Einsamkeit oder eine Parabel des modernen Lebens sei, erschien ihm schlichtweg langweilig. Aufgrund dieser persönlichen Empfindung wollte er „Die Verwandlung“ auch nicht in den Sammelband aufnehmen, sah sich jedoch aus verkaufsstrategischen Gründen dazu gezwungen. Ein unsichtbarer Gregor Samsa weiterlesen

Die Liebe, flüchtig wie ein Glühwürmchen

Obwohl Murakami Haruki gegenwärtig der populärste japanische Autor ist, wurden seine Werke noch wenig in anderen Medien adaptiert. Gerade ändert sich das zumindest für den Bereich Manga: In letzter Zeit sind einige Kurzgeschichten von Murakami als graphische Erzählungen erschienen. Verena Nobel und Maurice Werner stellen hier das Beispiel Hotaru („Glühwürmchen“, 1983) vor, das Moriizumi Takehito für seine Manga-Version von Ende 2019 in poetische Bilder übersetzt hat.

Hotaru (dt. Titel „Glühwürmchen“) ist eine Kurzgeschichte aus der Feder des international gefeierten Autors Murakami Haruki. Die Kurzgeschichte gilt als das Ursprungswerk für einen der bekanntesten Erfolgsromane Murakamis: Noruwei no mori (dt.Titel „Naokos Lächeln“). Hotaru wurde in Deutschland 2009 in einer Sammlung bestehend aus 24 Kurzgeschichten mit dem Namen Mekurayanagi to nemuru onna (dt. Titel „Blinde Weide, schlafende Frau“) veröffentlicht. Erstmals erschienen ist die Geschichte jedoch in der Zeitschrift Chūōkōron im Jahr 1983. Neben den Ausgaben in englischer und deutscher Sprache wurde Hotaru zudem in weitere 10 Sprachen übersetzt.

Wer Murakami kennt, der weiß, dass der Autor in seinen Geschichten gerne über bestimmte übergreifende Themen schreibt. Die Themen Liebe und Verlust, Freundschaft, Versöhnung und Entfremdung bis hin zur sexuellen Identität und dem Tod sind allesamt prominent in seinen Erzählungen vertreten. Auch in diesem Werk Murakamis findet sich der Leser schnell in einer Geschichte über Liebe und die Verarbeitung von Verlust wieder. Hotaru erzählt die Geschichte eines Studenten, der gemeinsam mit der Geliebten seines toten Freundes über dessen Selbstmord trauert. Die Geschichte beginnt mit dem Umzug des achtzehnjährigen Protagonisten nach Tokyo in ein Studentenwohnheim. Nach langer Zeit der Distanzierung trifft er die Freundin seines toten besten Freundes in Tokyo und entdeckt durch die gemeinsamen Spaziergänge durch die Stadt eine längst vergessene Freundschaft neu.  Die Liebe, flüchtig wie ein Glühwürmchen weiterlesen

Akutagawa zum Anhören – Teil 1: Im Dickicht

Akutagawa Ryûnosuke, Wikimedia CC

Lust, einen Klassiker der modernen japanischen Literatur ganz gemütlich anzuhören? Wir bieten in zwei Teilen Werke von Akutagawa Ryûnosuke als Podcast. Hier: „Im Dickicht“.

Akutagawa Ryûnosukes Erzählung Yabu no naka („Im Dickicht“, 1922) ist eine Adaption einer Geschichte aus der mittelalterlichen Sammlung Konjaku Monogatarishû. Der Autor verleiht dieser Geschichte eine ganz neue Note, indem er das Geschehen (ein Verbrechen) aus den Perspektiven verschiedener beteiligter Personen schildern lässt. Die Zeugen widersprechen sich – und Akutagawa überlässt seinem Publikum die Entscheidung darüber, was hier nun die Wahrheit sein könnte, oder ob es so etwas wie eine objektive Wahrheit überhaupt geben kann.

„Im Dickicht“ liegt in einer deutschen Übersetzung von Jürgen Berndt vor, die in dem Band „Rashômon“ im Verlag Sammlung Luchterhand erschienen ist (2001).

Wir präsentieren diese Erzählung, die zur Vorlage für Kurosawa Akiras bekannten Film Rashômon (1950) wurde, hier im Hörbuch-Format. Wir wünschen viel Spaß beim Anhören!

Podcast-Produktion:
Noah Brelage, Hannah Greiner

Rollen:

Ansager – Hendrik Heider
Vom Untersuchungsrichter befragter Holzfäller – Noah Brelage
Vom Untersuchungsrichter befragter Priester – Jana Hermanski
Vom Untersuchungsrichter befragter Freigelassener – Noah Brelage
Vom Untersuchungsrichter befragte alte Frau – Jana Hermanski
Tajomaru – Noah Brelage
Bekenntnis einer zum Tempel Shimizu gekommenen Frau – Jana Hermanski
Der Tote, sich des Mundes einer Totenbeschwörerin bedienend – Noah Brelage